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Die Stimme von Links

Cynthia Nixon, als Miranda in der Kultserie „Sex and the City“ zu Weltruhm gelangt, kandidiert um das Amt der Gouverneurin des Bundesstaates New York. Gewinnt sie die Vorwahlen der Demokraten im September, hätte sie gute Chancen, das politische Kommando über 19,8 Millionen Amerikaner und die Weltmetropole New York zu übernehmen. OOOM begleitete die Neo-Politikerin im Wahlkampf – und erlebte eine unkonventionelle, überzeugende, eloquente und inspirierende Kandidatin.

Herbert Bauernebel7. Juni 2018 No Comments

Actress Cynthia Nixon, who is running for Govenour of New York, at a campaign event in Brooklyn

Millionen TV-Zuseher kennen sie als zielstrebige Anwältin mit trockenem Humor, beißendem Zynismus, beträchtlicher Skepsis, was Beziehungen mit Männern betrifft, und auch als „Stimme der Vernunft” gegenüber ihren besten Freundinnen.

Wenn Cynthia Nixon, 52, Miranda Hobbes in der Kult­serie „Sex and the City” und zwei Blockbuster-Spielfilmen verkörperte, nahm man ihr die smarte Juristin sofort ab.

Zwischen 1998 und 2004 stand sie gemeinsam mit Sarah Jessica Parker (Carrie Bradshaw), Kristin Davis, Kim Cattrall und Chris Noth (Mr. Big, siehe Seite 26) für sechs Staffeln der HBO-Erfolgsproduktion vor der Kamera. 2008 und 2010 füllten zwei Filmversionen die Kinos.

Am Weg zur Gouverneurin. Jetzt erleben die New Yorker die Schauspielerin mit ihrem markanten Kurzhaarschnitt in einer völlig neuen Rolle: Nixon bewirbt sich um den Posten als Gouverneurin des US-Bundesstaates New York. Sie fordert dabei den amtierenden Regierungschef des „Empire State”, Polit-Veteran Andrew Cuomo, 60, heraus. Die Vorwahlen bei den Demokraten finden im September statt. Sollte der Promi-Kandidatin tatsächlich ein Wunder gelingen, hätte sie gute Chancen, bei den Wahlen zwei Monate später einen ebenfalls noch zu benennenden republikanischen Kandidaten zu schlagen. Sie hätte dann das politische Kommando im viertbevölkerungsreichsten US-Bundesstaat mit 19,8 Millionen Einwohnern und der Weltmetropole New York.

David gegen Goliath. Natürlich bietet sich hier das Bild eines Duells à la David gegen Goliath. Ihre Kandidatur wurde zuerst als PR-Stunt verlacht, als Beschäftigungstherapie einer in die Midlife-
Crisis geschlitterten Schauspielerin. Die New Yorkerin englischer und deutscher Abstammung wurde sogar nach der Ankündigung ihrer Kandidatur zum Gegenstand derber Untergriffe: Die ehemalige Vorsitzende des New Yorker Stadtparlaments, Christine Quinn, beflegelte Nixon als „unqualifizierte Lesbe”, eine skandalöse Unverfrorenheit, besonders in der so weltoffenen Millionenstadt. Doch die Aktrice lässt sich bisher nicht beirren. Offenbar inspiriert von der #MeToo-Frauenbewegung und den „Women’s March”-Riesendemos gegen US-Präsident Donald Trump holte sie Politprofis in ihr Team, entwickelte ein politisches Programm und stürzte sich in den Wahlkampf.

Cynthia Nixon greift Demokraten-Urgestein Cuomo von der linken Seite an und will vor allem bei Liberalen punkten. Sie folgt damit dem Trend eines auch national beobachteten Linksrucks bei der derzeitigen Oppositionspartei. Ganz ehrlich: Was ist in Trump-Zeiten politisch noch unmöglich? Auch die Kandidatur des New Yorker Baumeisters galt zunächst als schlechter Witz.

Im Wahlkampf. „Cynthia! Cynthia! Cynthia!”, skandieren Mitglieder der Organisation „New York Communities For Change” (NYCC) in der Lefferts Avenue 570 in Brooklyn.

Die Gruppe hatte gerade ihre Wahlempfehlung für Nixon ausgesprochen. Die Aktivisten protestieren auch gegen Wall-Street-Finanzhaie, die ein Haus mit früher stabilen Mieten gekauft und die Bewohner rausgedrängt hatten. Nach einer Renovierung sollen die Apartments zu saftigen Marktpreisen verkauft werden.

Mit ein wenig Verspätung trifft Nixon zu Fuß bei der kleinen Demo ein. Die Leute jubeln, die Kandidatin – mit blauem Mantel und grünem Schal elegant, aber schlicht gekleidet, die Haare kurz wie in der Serie – zeigt sich bewegt angesichts der freundlichen Begrüßung. Sofort umarmt sie einige der Aktivistinnen. Die Gruppe ruft jetzt: „Down with Cuomo, up with Cynthia!” (Runter mit Cuomo, rauf mit Cynthia). Es hat sicher schon cleverere Slogans in der Geschichte der US-Politik gegeben, Nixon aber lächelt dennoch zufrieden.

Medieninteresse. Sie wird in der Mitte der Gruppe mit gut 40 Demonstranten platziert, steht jetzt geduldig neben Plakaten mit Schriftzügen wie „Wohnungs-Krise voraus!” Vor ihr rattern die Kamera-
Auslöser der Pressefotografen. Mehrere TV-Stationen sind zu dem Auftritt gekommen, so wie auch internationale Korrespondenten.

Die Kandidatur von „Miranda” aus „Sex and the City“ sorgt natürlich für einen Medienrummel in den USA.

Rednerinnen machen den amtierenden Gouverneur währenddessen verantwortlich, dass er Finanzspekulanten bei kruden Immobilien-Deals nicht den Riegel vorschiebt und dadurch für die latente Obdachlosenkrise in New York mit fast 62.000 Homeless mitverantwortlich sei. Die Quereinsteigerin in der Politik lässt sich mitreißen, immer wieder platzt es aus ihr heraus:  „That’s right!” (Das stimmt).

Als die Sprecherin der
NYCC-Aktivistengruppe dann offiziell die Wahlempfehlung ausspricht, scheint Nixon fast ein wenig gerührt. „Wir wissen”, fährt die Sprecherin fort, „Cynthia wird die Homeless-Krise beenden, sie wird sich auf die Seite der Mieter stellen und nicht auf jene des großen Geldes.”

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