Blogs

Die Welt braucht Fritz

Fritz und Fratz sitzen in der Schule zusammen in einer Bank. So unterschiedlich sie sind, machen sie doch genau das Gleiche. Wolfgang Stabentheiner erklärt, welchem der beiden ein richtig gutes Leben bevorsteht.

Wolfgang Stabentheiner12. Juni 2018 No Comments

Fritz lernt mit großem Eifer – jene Fächer zumindest, die ihn interessieren. Darin ist er auch besser als alle anderen, aber das hat keinerlei Bedeutung für ihn. Auch Fratz lernt mit großem Eifer. Er hat den Ehrgeiz, es mögen lauter „Sehr gut“ sein Zeugnis zieren. Dafür setzt er seine ganze Kraft ein. 

Fritz ist sehr sportlich. Er trainiert fünf Mal pro Woche, weil ihm das guttut, weil es ihm solche Freude bereitet, sich so ganz in seinem Körper zu Hause zu fühlen, kraftvoll, fit … Auch Fratz trainiert wöchentlich fünf Mal. Er will schneller als andere laufen, höher als andere springen, weiter als andere werfen. 

Fritz hilft gerne Menschen, die seiner Unterstützung bedürfen. „Ist doch selbstverständlich“, sagt er. Auch Fratz hilft, wo immer er kann. Er liebt es, als hilfsbereiter und guter Mensch zu gelten. 

Fritz will Naturwissenschaften studieren. Darin liege seine Stärke, wähnt er, und diese wolle er dazu nutzen, Projekte zu entwickeln, die ein besseres Überleben der Menschen ermöglichen. Fratz will ebenso Naturwissenschaften studieren. Dies sei eine sichere Basis, um einen gut bezahlten Arbeitsplatz zu finden und Karriere zu machen, meint er. 

Fritz hat eine Schwester, namens Marie. Man kennt sie landauf, landab, weil sie das Brot aus dem Ofen holte, das zu verbrennen drohte, den Apfelbaum von der Last der reifen Äpfel befreite und Frau Holle half, die Federbetten auszuschütteln. Warum sie das getan hat? Weil es gerade das war, was das Leben im jeweiligen Augenblick von ihr verlangte. Diese Absichtslosigkeit war ausschlaggebend dafür, dass sie schließlich mit Gold übergossen wurde und man sie über die Zeiten und Generationen hinweg als Goldmarie kennt und liebt. Auch Fratzens Marie holte das Brot aus dem Ofen, schüttelte sowohl den Apfelbaum als auch Frau Holles Betten – mit Widerwillen zwar, aber immerhin, erwartete sie sich doch eine angemessene Belohnung dafür. Wie man weiß, erhielt sie diese auch – in Form von schwarzem Pech und ihrem Ruf als Pechmarie.

Ihren Lohn werden auch Fritz und Fratz erhalten. Ökonomisch gesehen, hat Fritz die deutlich größeren Chancen, zu überdurchschnittlichem Einkommen und Erfolg zu gelangen als Fratz, wie eine breit angelegte amerikanische Studie zeigt. 

Menschen, die ihren Beruf aus primären Motiven heraus wählen wie Interesse, die eigenen Potenziale zur Entfaltung und zur Wirkung zu bringen, einen wertvollen Nutzen für andere zu stiften, zu gestalten – solche Menschen bringen es statistisch häufiger und in höherem Ausmaß zu finanziellem Wohlstand als jene, die sich für einen  Job aus sekundären Motiven heraus entscheiden wie Verdienst, Karriere, Sicherheit des Arbeitsplatzes, sozialer Status. Vor allem aber hat Fritz die besten Voraussetzungen, ein richtig gutes Leben zu führen.

Das Warum macht den Unterschied. Die Beweggründe, aus denen heraus Fritz und Fratz ihre Handlungen setzen, bestimmen die Qualität ihrer Wirkung. Fritz, das Goldkind, der Herzensmensch, seinen Lebensimpulsen, seinem Lebensdrang folgend, ein liebender, achtsamer junger Mann, würde er sein Glück opfern, um Erfolg zu haben, um sympathisch zu wirken, um geliebt und geachtet zu werden? Sicher nicht. Im Gegenteil: Er hat Erfolg, wirkt sympathisch, wird geliebt und geachtet, weil er ist, wie er ist. Sein Lebendigsein bringt Erfolg und erfüllende Beziehungen als eine Selbstverständlichkeit mit sich. 

Und Fratz, der Arme? Er leidet an der Um-Zu-Krankheit. Nichts entspringt dem eigenen Lebensquell. Nichts ist ein authentischer Ausdruck seines Seins, alles falsches Getue, alles üble Machart. Was er tut, tut er, um etwas zu erreichen. Alles muss er sich erkämpfen. Nichts ist selbstverständlich. Außerhalb des Lebensflusses ist nichts selbstverständlich, außerhalb des Lebensflusses ist nur Kampf und Krampf. Man stelle sich vor, welche Art von Lebenspartnerin sich Fritz, und welche sich Fratz erwählt, und wie sich deren Partnerbeziehungen gestalten werden! Fratz ist das Produkt einer durchaus üblichen Erziehung: „Wenn du dieses tust, dann bekommst du jenes.“ Unsere Schule mit ihrem Notensystem ist darauf ausgerichtet, lauter Fratze zu produzieren. Unsere Wirtschaft baut gar auf das Fratz-Prinzip auf – Arbeit als etwas dem eigenen Lebensquell Entfremdetes. Man könnte depressiv werden, wenn man sich in Fratz hineinversetzt.

Fritz steht für ein richtig gutes Leben, weil er das Warum für sein Handeln aus seinem Herzen bezieht, weil er aus seiner eigenen Lebensquelle schöpft, weil er mit dem Fluss seines Lebens geht. Und Fritz steht für einen Paradigmenwechsel in dieser Welt – vom Erfolgsstreben zum Glücklichsein, von der Lebensfeindlichkeit zur Lebenslust, vom Machen zum Sein. Das Geile daran: Der glückliche, der lebenslustige und authentisch seiende Mensch ist zumeist erfolgreicher und effektiver als der nach Erfolg strebende, lebensfeindliche Macher. Die Welt braucht Fritz. 

Wolfgang Stabentheiner ist Begründer und Entwickler der FUTURE-Methode und beschäftigt sich mit Leader­ship und Zukunftsgestaltung.

FUTURE-Trainig Beratung

www.future.at

Leave a Reply