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Sonja Kirchberger: Die zwei Gesichter eine Frau

Die Schauspielerin Sonja Kirchberger spricht erstmals über den langen Weg ins Glück - und was sie vor der Öffentlichkeit lange verbergen konnte.

Georg Kindel14. Februar 2017 No Comments

Angekommen: in Mallorca und im glücklichen Leben.

Nahmen Sie Psychologen in Anspruch?
Wir waren begleitet von Psychologen, sowohl mein Sohn als auch ich. Mein Sohn hat Fernweh. Meine Tochter hat Heimweh. Mein Sohn spricht fünf Sprachen und fühlt sich überall zu Hause, er ist ein Kind, das von der ersten Stunde immer, wenn ich aufstand und gehen musste, nur sagte: „Mami, bye-bye!“ Er war immer ein ganz eigener Charakter, er studiert heute Musik in England.

Um wie viele Monate kam er zu früh auf die Welt?
Er kam im sechsten Monat zur Welt.

Die Geburt verlief dramatisch. Wie verkraftet man als Mutter diesen Überlebenskampf?
Als Mutter schlägt ab der ­Geburt deines Kindes dein Herz außerhalb. Es schlägt nicht mehr bei dir, es schlägt bei deinem Kind. Das ist etwas ganz Archaisches:
Es gibt ein Menschenleben, das dir wichtiger ist als dein eigenes – und das ist das deiner Kinder. Wenn man sich den Kennedy-Mord ansieht, so wirkt es ganz normal, dass sich seine Frau Jackie selbst schützt und auf den Kofferraum flüchtet. Ich glaube, wäre ihr Kind neben ihr gesessen, hätte sie sich automatisch dazwischengeworfen. Wenn dir die Ärzte zwei Monate lang nicht sagen können, ob dein Kind morgen noch da sein wird, da fühlst du dich, als würdest du dich auflösen, weil du so machtlos bist. Du bist gefesselt, du kannst ihm nicht einfach sagen: Darf ich dir deinen Schmerz abnehmen? Du machst einen Dialog nach dem anderen mit der Energie, wie auch immer sie heißt, und du hältst dich am Glauben fest. Trotzdem muss ich sagen, ohne Klaus Eggenfellner, den Vater meines Sohnes, der es mit so viel Liebe gemeistert hat, mich und seinen Schmerz zu ertragen und planungsfähig zu sein, hätte ich diese Zeit nicht durchgestanden.

Sie waren am Ende.
Ich bin auf allen vieren gekrochen, ich habe die Kraft nicht mehr gehabt, normal ins Badezimmer zu gehen, es hat mich so geschwächt. Das ist ein Schmerz, der bleibt immer. Das nimmt dir das Urvertrauen in das Leben. Wie mein Sohn dann in die Pubertät kam, hat er mir dann noch mal so eine Angst eingejagt, weil er alle pubertären Anwandlungen hatte wie alle Kinder, die vielleicht nicht so ganz pflegeleicht sind. Du musst aber lernen loszulassen. Ich will keinen Jungen haben, dessen große Liebe immer die Mutter bleibt. Er muss sich abstoßen von der Mutter, er muss dieses Bild erst einmal zerstören, um es neu aufzubauen.   

Wie lange war Ihr Sohn in der Klinik?
Drei Monate insgesamt, zwei kritische Monate und danach ein weiteres zur Kontrolle.

Wie würden Sie das Gefühl beschreiben, als alles überstanden war?
Du hast das Gefühl, es kann dir nichts mehr passieren. Alles ist okay. Ich bin glücklich, solange meine Kinder gesund sind. Das klingt jetzt so bescheiden – und ich bin nicht bescheiden. Ich möchte wirklich Spaß haben am Leben, das heißt aber nicht, dass ich auf dem Tisch tanzen muss.

Wenn man sich den Kennedy-Mord ansieht, so wirkt es ganz normal, dass sich seine Frau Jackie auf den Kofferraum flüchtet. Wäre ihr Kind neben ihr gesessen, hätte sie sich automatisch dazwischengeworfen.

Sind Sie heute zufrieden?
Ich bin sehr zufrieden. Das Wort „zufrieden“ hat meine Großmutter gerne gesagt. Damals dachte ich mir: „Wenn das alles ist … ?“ Heute verstehe ich den Sinn. Ich will schon noch experimentieren mit mir, aber ich habe keine Angst mehr zu versagen, es tut nicht mehr weh. Du machst etwas, weil das Ziel ist, dass es gelingt, aber du fühlst dich als Mensch nicht weniger wert, wenn du scheiterst.

Herz & Seele: Sonja mit ihrem heute 18-jährigen Sohn Lee Oscar vor ihrem Restaurant „Ca‘n Punta“ in Portixol, Mallorca.

Haben Sie in der schweren Zeit gebetet, oder verliert man da den Glauben an Gott und fragt sich: wieso ich, wieso mein Kind?
Beides stimmt. In den ersten Wochen glaubst du an nichts mehr. Du hast Wut, du bist aggressiv, die Ärzte sind die, die versuchen, dich ein bisschen zu trösten, und du denkst dir: Glaubt ihr eigentlich alle, ich bin bescheuert? Was ist das für ein Leben? Mein Sohn hängt an Geräten, die ihn am Leben erhalten, bekommt Penicillin, dann Cortison, das ihn aufbläht. Wir hatten Angst, dass sich die Netzhaut vom Druck im Augeninneren löst, von der Beatmungsmaschine, die er nicht verträgt. Du bist am Ende. Und dann kommt Phase B, da bist du in den Knien, dann glaubst du und betest, und du wünschst dir auch ganz komische Sachen. Am Anfang sagst du: Du musst überleben und auch geistig gesund bleiben. Das ist dir ganz, ganz wichtig. Und irgendwann, da kommt der Punkt, da sagst du nur mehr: Bleib bei mir. Wenn die Augen nicht so funktionieren, das kriegen wir hin, und die Entwicklung, das kriegen wir auch hin, aber bleib einfach da. Geh nicht aus meinem Leben! Du wirst immer bescheidener. Deswegen haben mich diese ganzen Untersuchungen sehr schockiert. Dass ich das erste Mal wirklich Eifersucht empfunden hab, das war, als ich stillende Mütter gesehen habe. Da dachte ich mir: Sonja, das gefällt mir gar nicht, was bei dir hochkommt!

Wie konnten Sie diese Phase überstehen?
Ich bin ein spiritueller Mensch, und ich hatte eine katholische Kindheit, das kriegst du sowieso nie ganz aus dir raus. Ich merke es heute noch: Ich gehe immer vor Weihnachten in die Kirche. Auch wenn ich es sonst das ganze Jahr nicht mache, aber das kollektive Gebet hat schon etwas. Viele Dinge sind ganz wichtig für den Menschen, und wenn es nur ist, dass du ihnen den Glauben nicht nehmen darfst. Niemals. Er ist ein Rettungsanker. Auch meine Kinder habe ich dazu erzogen, dass sie sich zumindest für Religion interessieren.

Gibt es sonst Rituale in Ihrem Leben?
Ich habe ganz viele einfache Rituale, die andere Menschen auch haben: das gemeinsame Abendessen pflege ich. Ich mache mein Yoga, ich mache meinen Sport, ich mache meine Gedankenhygiene. Ich versuche diszipliniert zu sein, weil ich glaube, dass wir wirklich das werden und sind, was wir denken und fühlen. Ich bin lange noch nicht da, wo ich gerne wäre. Ich mag mich mal mehr, mal weniger. Ich frage mich: Wer bin ich wirklich, wo geht meine Reise hin? Was kann ich verbessern? Ist mir das zu gefällig, was da sitzt? Denkt das noch nach, reflektiert das, will es noch dazulernen? Das ist so meine Reise, die ich mache.

Sie haben nach der schwierigen Geburt Ihres Sohnes eine sehr depressive Phase erlebt. Wie sind Sie aus dieser rausgekommen?
Ich bin lange nicht rausgekommen.

Wie lange hat das gedauert?
Die Abstände wurden größer, aber es kam immer wieder. Ich bin noch nicht lange raus. Die Melancholie ist geblieben. Diese blinde Depression, die nur schwarzsieht, und wo du deinen Körper nicht fühlst, die ist aber weg, die habe ich nicht mehr.

In der Depression soll man nicht einmal mehr fähig sein aufzustehen.
Man ist zu nichts mehr fähig. Es ist eine psychische Lähmung. Und vor allem das „schwarze Tier“ hat mich immer wieder von hinten angesprungen, in größeren Abständen.

Ein schwarzes Tier?
Ein ekeliges, schwarzes Tier. Du möchtest zu einem Abendessen gehen, du trägst dein Make-up auf. Und plötzlich springt dich dieses schwarze Tier an, und diese Lähmung kommt. Du kannst nicht mal mehr die Oberlippe zum Lächeln heben. Der Vater meines Sohnes, Klaus, ist nach meinen Kindern der wichtigste Mensch in meinem Leben. Wenn ich ihn in solchen Momenten nicht gehabt hätte mit so viel Verständnis – weil es ja nicht leicht ist, mit so jemandem zusammenzuleben –, hätte ich es nicht geschafft. Es gibt Menschen, die sagen Sprüche wie „Dir geht‘s doch eh gut!“. Das darfst du zu einem Depressiven nie sagen! Er fühlt sich als Loser, dass er diesen Zustand nicht leben kann. Zumindest dann, wenn ihn genau diese Lähmung anfällt, wo nichts mehr geht.

Man kann nichts mehr machen?
Ich wollte mit meiner Mutter telefonieren und konnte zwei Stunden am Telefon kein Wort sagen. Eine solche Mutter, wie ich sie habe, musst du auch erst mal finden. Wir waren zwei Stunden am Telefon und haben kein Wort zueinander gesagt. Du weißt nicht, was das für ein Geschenk für jemanden ist, keine Mutter zu haben, die sagt: „Jetzt sei ein bisschen dankbar!“ Sondern die zwei Stunden mit dir schweigt. Der Depressive kann ja nicht dankbar sein. Er fühlt ja nichts, er ist gelähmt und würde sich so gerne freischreien. Aber er hat nicht mal die Kraft für einen Schrei.

14. Februar 2017