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Dr. Ali Haschemi: Transgender-Chirurg

Dr. Ali Haschemi ist Arzt an der Klinik Sanssouci in Potsdam, einem der führenden Zentren für Transgender-Chirurgie in Europa. Seit über 20 Jahren werden dort mit speziellen Techniken Frau-zu-Mann- und Mann-zu-Frau-Angleichungen durchgeführt. Als Experte auf dem Gebiet erklärt der Chirurg in OOOM die medizinische Seite der Geschlechtsangleichungen.

Claudia Huber7. Oktober 2019 No Comments
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Wie viel Prozent der Menschen sind im falschen Körper geboren?

Dazu gibt es unterschiedliche Zahlen, aber es beläuft sich in der Größenordnung 1 bis 3 Fälle pro 100 000 Einwohner. Die Anzahl der Personenstandsänderungen ist tendenziell in den letzten Jahren gestiegen. Vermutlich, weil das Thema stärker in den Medien und im Bewusstsein präsent wird. Circa 1000 bis 5000 Anträge pro Jahr sind es in Deutschland.

Wie sieht die Vorbereitungsphase vor den Operationen aus?

Die OP ist immer nur der letzte Schritt auf einem langen Weg. Bevor wir als Chirurgen überhaupt ins Spiel kommen, steht die Diagnosestellung und die Empfehlung zur OP. Die Patienten müssen dann noch eine Weile ohne Operationen im gegengeschlechtlichen Körper leben und mindestens ein Dreivierteljahr vorher gegengeschlechtliche Hormone einnehmen. Der ganze Prozess nimmt also mindestens zwei bis drei Jahre in Anspruch, bis man das alles durchhat.

Wie funktionieren die angleichenden OPs?

Bei Frau-zu-Mann-Operationen stehen zunächst die Brustentfernung sowie die Eierstock- und Gebärmutter­entfernung an. Der eigentliche Penisaufbau wird aus einem sogenannten freien Unterarmlappen gemacht. Am jeweils nicht dominanten Unterarm wird ein Teil des Weichteilgewebes, also Haut- und Fettgewebe sowie Muskelfaszien, über ein großes Areal vom Arm abpräpariert. Daraus werden die neue Harnröhre und der neue Penis geformt, Nerven und Gefäße werden mit jenen im Schambereich verbunden. Die Klitoris wird bei unserer Technik nur ein Stück unter die Haut versetzt, damit dann auch die Orgasmusfähigkeit erhalten bleibt. In einer zweiten OP wird später eine Erektionsprothese eingebaut. Bei Mann-zu-Frau-Angleichungen ist die klassische Methode die penile Inversion. Man schält die Schwellkörper aus dem Penisschaft, die Eichel wird verkleinert, eine Öffnung im Beckenboden wird präpariert, und dann stülpt man diesen Penisschaft sozusagen um. Er wird also durch die Öffnung nach innen verlegt und stellt die neue Vagina dar. Aus der verkleinerten Eichel wird dann die Klitoris geformt. Die Hoden werden entfernt und aus dem Gewebe des Hodensacks werden die Schamlippen gemacht.

Bei der Frau-zu-Mann-OP entfernen wir Brust, Eierstöcke und Gebärmutter. Aus einem Unterarmlappen formen wir die neue Harnröhre und den Penis, Nerven werden mit jenen im Schambereich verbunden, die Klitoris wird unter die Haut versetzt.

Wo liegen die großen Komplikationen dabei?

Bei Frau-zu-Mann-Patienten sind es meistens Probleme mit der Harnröhre, Verengungen oder Fisteln, die sich bilden können. Das ist beides eher ärgerlich als gefährlich. Problematisch wird es, wenn es Durchblutungsschwierigkeiten gibt. Das ist aber deutlich seltener. Ansonsten sind es die üblichen OP-Risiken.

In welchem Alter sind die Patienten im Durchschnitt?

Die Patienten in unserer Klinik sind im Schnitt 20 bis 45 Jahre alt, der jüngste war 15, der älteste über 80. Tendenziell sind bei uns die Frau-zu-Mann-Patienten jünger als umgekehrt. Bei Mann-zu-Frau-Patienten sehen wir es gar nicht so selten, dass sie den Großteil ihres Berufslebens schon als Mann hinter sich gebracht haben und dann, wenn sie ihre Position gesichert haben, das auch noch angehen wollen.

Sie machen die Geschlechtsangleichung meist in einer einzelnen großen OP?

Wir persönlich sehen es als günstig an, wenn sich der Patient nur ein Mal einer OP unterziehen muss. Vieles ist auch beim Operativen einfacher, weil keine Vernarbungen in der Zwischenzeit entstehen können, die uns Chirurgen das Leben schwermachen. Im Durchschnitt machen wir pro Jahr bis zu 40 Operationen.

Welche Länder der Welt sind führend in diesem Bereich?

In Europa sind die Zentren momentan in der Schweiz, Deutschland und Belgien. Weltweit ist für Mann-zu-Frau-Angleichungen Thailand führend, in den Vereinigten Staaten gibt es auch einige wichtige Kliniken.

7. Oktober 2019