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Drew Dudley: Der smarte Lollipop-Gigant

Er ist einer der erfolgreichsten Leadership-Coaches der Welt, der aussieht wie ein italienischer Restaurantbesitzer aus Little Italy. Sein TED-Talk „Everyday Leadership“ wurde unter die „15 most inspirational TED talks of all time“ gewählt. Wenn Drew Dudley eine Bühne betritt, überlegt man trotzdem kurz: Ist er nicht doch vielleicht ein Comedian oder ein Jazzmusiker, der seine Posaune daheim vergessen hat? Bis er zu sprechen beginnt. Über 250.000 Menschen auf fünf Kontinenten haben Dudley bisher live erlebt. Der Wall-Street-Journal-Bestsellerautor spricht im OOOM-Interview über die Bedeutung der Lollipop-Momente im Leben, über Kompromisse, richtige Führung, den lügenden US-Präsidenten, Steve Jobs – und warum man auch die kleinen Dinge im Leben zelebrieren sollte.

Tanja Rauch8. Oktober 2019 No Comments
drew dudley speaker

drew dudley speakerEher traurig, oder?

Ich erinnere mich, dass er mich ansah und sagte: „Du musst deinen Freunden mehr Anerkennung schenken. Uns ist es egal, wer du eines Tages sein könnest. Du bist uns wichtig wegen der Person, die du jetzt bist.“ Das hat mir die Augen geöffnet.

Was leiten Sie daraus ab?

Dass es nicht darauf ankommt, wer man eines Tages sein wird, sondern wer man jetzt ist. Drei Monate später starb mein Freund bei einem Autounfall. Es war das letzte Gespräch, das wir je geführt haben. Ein paar Jahre später starb ein anderer Schulkollege, der definitiv kein Einser-Schüler war, aber bei seiner Beerdigung waren trotzdem um die tausend Leute. Ich realisierte, dass er jeden Tag so gelebt hatte, dass er den Menschen in seiner Umgebung wichtig war, während ich mein Leben für Menschen lebte, die ich noch nicht einmal kannte.

Dass es nicht darauf ankommt, wer man eines Tages sein wird, sondern wer man jetzt ist. Drei Monate später starb mein Freund bei einem Autounfall. Es war das letzte Gespräch, das wir je geführt haben.

Wollten Sie immer schon andere beeindrucken?

Als ich in der High School war, tat ich alles, um die Berater von Firmen oder Universitätsleiter zu beeindrucken, alles Menschen, die ich bis dahin noch nicht einmal kannte. Geld und Titel haben mir damals viel bedeutet. Als mein Freund dann mit 23 starb, habe ich angefangen, darüber nachzudenken, woraus unser Vermächtnis wirklich besteht und wo unser Fokus tagtäglich liegen sollte. Dann war da dieses Mädchen mit dem Lollipop aus meinem TED-Talk, das etwas in mir bewegt hat. Es ist also eine Reihe an Lektionen und Verlusten, die mich von der Idee wegbrachten, dass es bei Leadership um die Performance geht. Es geht vielmehr um die täglichen Auswirkungen dessen, was wir tun.

Was haben Sie selbst daraus für sich gelernt?

Ich war in meinem Leben bei der Beerdigung von sicher mehr als 20 Menschen, die mir wichtig waren. Die meisten haben nicht einmal ihren 25. Geburtstag erlebt. In dieser Zeit zwischen 18 und 25 beginnt sich so viel zu verändern, und wenn man mitbekommt, dass Freunde dieses Alter erst gar nicht erleben, beginnt man, Dinge aus einer ganz anderen Perspektive zu sehen. Man erkennt vielleicht, dass man sich auf die falschen Dinge im Leben konzentriert. Die Sache ist die, dass so etwas immer und immer wieder passieren muss, bis man es realisiert. Einmal reicht meist nicht aus, es ist ein langer, kontinuierlicher Prozess voller Lektionen.

In Ihrem TED-Talk sprechen Sie über Führung und die Grundwerte Einfluss, Wachstum, Mut, Ermächtigung, Klasse und Selbstachtung. Welcher Wert fällt Ihnen besonders schwer, selbst zu leben?

Ich denke, dass alle diese Werte miteinander interagieren. Diese sechs sind mir persönlich wichtig, ich sehe sie als Starter-Kit. Sie alle versuchen mich tagtäglich dazu zu treiben, die beste Version meiner selbst zu sein. Das Hauptziel meines Buches ist es, dass sich jeder seinen eigenen Wertekanon schafft. Womit ich am meisten zu kämpfen habe, ist definitiv immer Selbstachtung. Für viele Menschen ist das leider ein ganz großes Thema. Vor allem wird dieser Wert aufgrund von Gefühlen schnell vernachlässigt.

Es ist eine High-School-Abschlussrede und eines der Dinge, die ich sagen werde, ist, dass es nicht die Misserfolge im Leben sind, die jemanden ausmachen, sondern die Kompromisse, die man sich selbst erlaubt.

Heute halte ich beispielsweise meine letzte Rede für fünf Wochen. Das ist das erste Mal seit August 2018, dass ich mehr als eine Woche frei habe. Natürlich bringt mein Job auch Verpflichtungen mit sich, aber das ist es, was mich glücklich macht und woran ich wirklich glaube. Es ist eine High-School-Abschlussrede und eines der Dinge, die ich sagen werde, ist, dass es nicht die Misserfolge im Leben sind, die jemanden ausmachen, sondern die Kompromisse, die man sich selbst erlaubt. Selbstachtung ist immer eines der schwierigsten Dinge, weil das Leben Kompromisse verlangt. Ich denke, dass die meisten Menschen das Gefühl haben, ein guter Mensch zu sein bedeute gleichzeitig, sich selbst zuerst zu opfern. Das ist Blödsinn! Zu erkennen, dass man, wenn man leer und ausgebrannt ist, auch nichts mehr geben kann, das ist Selbstrespekt.

Warum sehen sich so wenige Menschen selbst als Führungspersönlichkeiten, vor allem Frauen?

Weil die meisten menschlichen sozialen Strukturen vor Tausenden von Jahren entworfen wurden, um Frauen dazu zu bringen, sich zurückzunehmen, den Mund nicht aufzumachen und im Grunde so wenig Entscheidungsfreiheit wie möglich zu haben, nicht nur in Bezug auf Leadership, sondern auf alles. Ein anderer Grund ist, dass wir dazu erzogen wurden, uns selbst nicht als Leader zu sehen. Warum als Beispiele für Führungspersönlichkeiten meist weiße, heterosexuelle Männer genannt werden, liegt daran, dass die Gesellschaft viele Jahre lang so strukturiert war, dass immer zu ebendiesen aufgeblickt wurde und sie die Macht hatten. Ich bekomme viel Kritik für diese Aussagen, dafür, dass es ein Angriff auf weiße Männer sei, die nichts falsch gemacht haben. Ich möchte aber betonen, dass privilegiert und anerkannt nicht automatisch heißt, dass die Personen selbst etwas falsch gemacht haben, sondern dass sie Teil eines Prozesses sind, der seit Langem falsch läuft.

Was ist Ihre zentrale Botschaft bei der High-School- Abschlussrede?

Keiner von Ihnen, die Sie heute Abend graduieren, ist verantwortlich für die Vergangenheit. Sie sind nicht verantwortlich für die Geschichte. Aber Sie sind dafür verantwortlich, ob Sie die Vergangenheit und die Probleme, die sie verursacht hat, einfach ignorieren oder daraus lernen. Wir haben so viel Zeit damit verbracht, seltene, erstaunliche Dinge zu feiern, die kaum jemand schafft. Mittlerweile beginnt sich das, Gott sei Dank, zu ändern, aber natürlich gibt es immer noch Personen, die Kritik an der Veränderung üben. Aus einem einfachen Grund: Wenn man sein ganzes Leben lang einen Privilegierten-Status genießen darf, fühlt sich Gleichheit wie ein schrecklicher Verlust an. Aber seien wir uns ehrlich: Get the fuck over it!

Wenn man sein ganzes Leben lang einen Privilegierten-Status genießen darf, fühlt sich Gleichheit wie ein schrecklicher Verlust an. Get the fuck over it!

Sie reden in Ihren Vorträgen immer vom Lollipop-Moment. Was meinen Sie damit?

Leadership ist eine Serie von Lollipop-Momenten. Ich habe an einer Uni an die Studenten des Erstsemesters, die auf ihre Anmeldung warteten, Lollipops verteilt. Als ich ein besonders nervöses Mädchen sah, sprach ich den Jungen neben ihr an und sagte ihm, er solle ihr den Lollipop überreichen, das beruhigt. Er drehte sich mit hochrotem Kopf um und gab ihn ihr. Ich habe dann ein paar Scherze gemacht und alle zum Lachen gebracht. Jahre später sprach mich dasselbe Mädchen nach einem Vortrag an. Dieser Tag hätte ihr Leben verändert, weil ich ihr die Angst nahm. Und nebenbei hat sie den Jungen, der ihr den Lollipop gab, geheiratet.

drew dudley speaker

8. Oktober 2019