Inspiration

Drogenschmuggler der Reichen und Schönen. Was soll ich bereuen?

Er raubte sechs Banken und drei Supermärkte aus. Bereut hat er dabei nichts. Außer den Umstand, nicht clever genug gewesen zu sein, sich nicht erwischen zu lassen. Mit OOOM spricht Christian Kögl über sein Leben als Bankräuber, seine Erfahrungen im Gefängnis und den womöglich bestbezahlten Job der Welt: Drogenschmuggler der Reichen und Schönen.

Jessica Schreckenfuchs, Christina Zappella-Kindel22. März 2017 No Comments

Mit dem OOOM-Team Christina Zappella-Kindel (l.) und Jessica Schreckenfuchs. (Foto: Roland Unger)

Der Überfall in Seyring. Christian Kögl schildert die Tat wie eine Passage aus einem Hollywoodfilm. Jeden Fußgänger habe er während der Tat wahrgenommen. Jede noch so kleine Bewegung, die links und rechts von ihm passierte. Der Überfall selber lief reibungslos ab. Die Autos für die Tat wurden immer vom selben Parkplatz gestohlen. Nach einiger Zeit wusste die Polizei, wenn dort ein Auto verschwindet, gibt es ein paar Tage später in der Nähe einen Überfall. Alle Banken wurden vorab informiert und zur besonderen Vorsicht angehalten. Die Beschreibung war passend: zwei Männer jungen Alters um die 30. Dann kam der besagte Tag, an dem ein Filialleiter besonders aufmerksam war. Er betätigte noch bevor die Täter die Bank betraten den Alarmknopf, noch bevor überhaupt ein Überfall vonstatten ging. Als Christian Kögl mit seinen Komplizen die Bankfiliale verließ und mit dem gestohlenen Auto zu seinem Privatauto zurückfuhr, passierte es. In diesem Moment bremste sich das Polizeiauto vor den Tätern ein und eröffnete das Feuer. Ein Taxifahrer wurde getroffen, etliche Autospiegel zerschossen. Dutzende Passanten wurden dabei gefährdet.

Christian Kögl nimmt einen Schluck Pago Erdbeer und atmet tief durch. Wir sitzen in seinem Schrebergarten in Wien-Hernals. Kögl hat sich für uns hübsch gemacht: die Fingernägel blau lackiert, mit Glitzersteinchen dazwischen, die schönsten High Heels an. Seine Lebensgefährtin Petra hat nichts dagegen, wenn er manchmal seine feminine Seite auslebt. „Ich bin nicht schwul“, sagt Kögl, „aber ich trage gern schöne Kleider.“ Im Kleingartenverein lebt Kögl mit Petra, seinen zwei Möpsen und vier Katzen. Er ist glücklich und angekommen, dort wo er ist. Er hat gelernt, dass Beste aus seinem Leben zu machen. Ob das nun in Haft ist oder in Freiheit. Und er erinnert sich nochmals zurück an den Tag, der sein Leben veränderte.

Eine Dummheit. Wenn es einmal so weit ist, dass einem die Polizei gegenübersteht, ist es sinnlos, eine Waffe zu zücken. Laut Statistik Austria wurden im Jahr 2015 fast 30.000 Personen rechtskräftig verurteilt, mit 85,5 % fast ausschließlich volljährige Männer. „In unserem Fall waren es Gaspistolen. Da muss ich akzeptieren, dass ich verloren habe und mir eingestehen, so weh es tut, dass ich eine Dummheit begangen habe. Dadurch kommt man erst gar nicht in Versuchung, jemandem ernsthaft weh zu tun“, erzählt Kögl. Das war die letzte Tat, die ihm letztendlich zum Verhängnis wurde. Er saß mit 18 Jahren sechs Jahre im Gefängnis.

On High Heels: Christian Kögl daheim. (Foto: Roland Unger)

Automatismus führt zu Routine. Routine nimmt die Angst. Aber lässt sich solch ein Ausnahmezustand wirklich automatisieren? Gewöhnt man sich an einen Überfall? Kögl erklärt: „Wir hatten bei jedem einzelnen Überfall Angst. Aber es wurde immer leichter, diese Angst zu überwinden. Wir haben für uns selbst eine eigene Technik gefunden zu entscheiden, ob wir vorher schreien, ob wir einen langen Anfahrtsweg nehmen oder das Auto vorher abstellen, damit die Nervosität nicht so lang anhält. Das sind Kleinigkeiten, aber genau diese machen es aus. Wenn ich das erlerne, dann reicht es am Ende, mit dem Finger zu schnippen, um sich in eine Rolle zu versetzen.“

Knast als Kindergarten. Der junge Christian Kögl wusste nichts vom Alltag im Gefängnis. Außer aus Filmen wie „Midnight Express“ aus dem Jahr 1978, bei dem es um Drogenschmuggel und Misshandlungen im Gefängnis geht. Kögl machte sich auf das Schlimmste gefasst und stellte sich die Frage, ob er dieser Herausforderung überhaupt gewachsen sei. Die Realität, die er im Gefängnis zu Gesicht bekam war ernüchternd: „Es war der reinste Kindergarten, den ich schnell in den Griff bekommen habe. Ich hab mich wahnsinnig geärgert und mir gedacht, es kann doch nicht sein, dass ich mit 18 Jahren so leicht die Oberhand über ein Gefängnis bekomme? Ich hatte es nie nötig, zu kommandieren. Aber ich habe schnell gemerkt, dass hier genauso normale Menschen inhaftiert sind wie ich.“

Christian Kögl kam sehr rasch mit seinen Gefängniskollegen zurecht. Dass Gewalt im Gefängnisalltag dazugehört, war für ihn Normalität. Die Klischees, die man sonst kennt, wären allerdings völlig überzeichnet. Zumindest in Österreich, meint Kögl: „Es gibt sie, diese Gefängnishierarchien. Menschen werden umgebracht oder vergewaltigt. Sie erhängen sich. Das ist die Realität. Tatsache ist aber, dass man mit ein bisschen Hirn durchkommt. Man darf nur nicht den falschen Auslöser betätigen.“ Dieser Auslöser kann verheerende Folgen nach sich ziehen.

22. März 2017