Inspiration

Drogenschmuggler der Reichen und Schönen. Was soll ich bereuen?

Er raubte sechs Banken und drei Supermärkte aus. Bereut hat er dabei nichts. Außer den Umstand, nicht clever genug gewesen zu sein, sich nicht erwischen zu lassen. Mit OOOM spricht Christian Kögl über sein Leben als Bankräuber, seine Erfahrungen im Gefängnis und den womöglich bestbezahlten Job der Welt: Drogenschmuggler der Reichen und Schönen.

Jessica Schreckenfuchs, Christina Zappella-Kindel22. März 2017 No Comments

Christian Kögl, 54, war in den 1980ern Bankräuber. Heute beschreibt er sich selbst als „Millionär: reich an grenzenloser Freiheit. (Foto: Roland Unger)

Fast getötet. An einen verheerenden Moment, bei dem Kögl fast getötet worden wäre, kann sich der Bankräuber noch sehr gut erinnern: „Mit 20 kam ich in die Justizanstalt Stein und habe dort in der Buchbinderei gearbeitet und mit meinen Kollegen das Für und Wider der Todesstrafe diskutiert. Es war eine hitzige Diskussion, bei der ich vehement meinen Standpunkt vertreten habe. Plötzlich kam ein Typ auf mich zugerannt, mit einem Messer in der Hand. In diesem Moment habe ich richtig reagiert und ihn aus Reflex mit meinen Beinen abgewehrt, sonst hätte er mich umgebracht.“ In diesem einen kurzen Moment habe er realisiert, dass er bei diesem Gefängnisinsassen durch unüberlegte Worte den falschen Auslöser betätigt hatte und nur knapp dem Tod entgangen ist. „Trifft man auf jemanden, der genauso ist wie man selbst, hat man ein richtiges Problem. Das sind Menschen, die sich über normale Konventionen hinwegsetzen. Das ist eine Form von Selbstbewusstsein“, erklärt Kögl.

Grenzen austesten. Auf eine Erfahrung, die Christian Kögl im Gefängnis gemacht hat, möchte er nicht mehr verzichten. Eine Erfahrung, die er unter normalen Umständen, außerhalb des Gefängnisses, nicht erlebt hätte: Die sexuelle Beziehung zu Männern. „Es ist nicht so, dass etwas hervorgerufen wird, das nicht bereits in dir ist. Plötzlich bietet sich eine spannende Gelegenheit. Du denkst nicht nach, du ergreifst sie einfach“, erzählt Kögl mit völliger Offenheit. Er führte im Gefängnis über längere Zeit eine sexuelle Beziehung mit einem Mann. Am Anfang fing alles harmlos an, schildert uns der ehemalige Bankräuber. Man teste seine Grenzen aus. Ebenso die des Gegenübers: „Jeder Mensch hat Bedürfnisse, auch im Gefängnis. Dann lädst du jemanden in deine Zelle ein und hast zufällig ein aufgeschlagenes Pornoheft auf deinem Bett liegen. Natürlich wird derjenige neugierig. Und dann fängst du an ihn zu beobachten. Hat er Interesse? Kann ich einen Schritt weitergehen? Und so tastet man sich an die Situation heran und findet heraus, ob Interesse da ist und ob man ihn berühren darf. Und irgendwann besorgst du es ihm.“ Für Christian Kögl macht es keinen Unterschied. Man relativiert alles im Kopf. Und je nach Veranlagung kann sich aus Sex auch Liebe entwickeln.

Christian Kögl hat sich bemüht anders zu werden. Er hat sich bemüht, „ein Arschloch zu sein. Aber man kann nicht anders werden. Die eigenen Eigenschaften, die man hat, werden nur verstärkt. Man wird sensibel und verliert das Ganze aus dem Blickfeld. Wenn man Schwäche zeigt, wird man zum Opfer. Das ist die Realität“. Von Reue spricht er bis heute nicht. Bei keinem seiner Delikte. Reue sei ein Nebenprodukt der Angst, wie er OOOM erzählt: „Was soll ich bereuen? Dass ich Geld gestohlen habe? Am liebsten wäre es mir gewesen, die Bank hätte es mir freiwillig gegeben. Das Einzige, was ich bereue, ist der Umstand, schwach und nicht schnell genug gewesen zu sein.“

Auch bei den Drogendelikten nicht, die ihn 2011 wegen des Besitzes von eineinhalb Kilogramm Kokain letztendlich für 20 Monate in Schweizer Haft gebracht haben. Er war der Drogenschmuggler der Reichen und Schönen. „Meine schwierige Kindheit hat mich geprägt und mein Handeln definitiv beeinflusst“, meint er heute. Zu seinen Eltern hat der ehemalige Bankräuber und Drogenkurier keinen Kontakt mehr, auch nicht zu seinem Bruder. Aber seine Türen stehen immer offen: „Ich empfinde heute anders und lebe bewusst im Jetzt. Ich schätze jeden Moment, jede freie Minute und nehme gerne wieder Kontakt mit meiner Familie auf, sofern sie das möchten.“

Freiheit ist für Christian Kögl letztendlich relativ: „Ich bin glücklich und gesund und lebe mit Petra hier im Paradies am Rande von Wien. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass ich nie wieder so blöd sein werde und das aufs Spiel setze. Dass nicht doch irgendwo eine Herausforderung lauert und ich dem Kick hinterherjage. Das würde mich nur in ein Dilemma stürzen.“ Nachsatz:  „Aber versprechen kann ich es nicht.“

22. März 2017