Inspiration

Eine Geschichte über das Vertrauen

Wir tendieren dazu, Dinge sehr persönlich zu nehmen. Doch ist dies wirklich notwendig? Wäre es nicht viel entspannter, wenn wir gelassen das Geschehen beobachten, ohne dabei alles auf uns zu beziehen? Die folgende Geschichte zeigt, wie schnell wir in ungerechtfertigten Selbstzweifel fallen können und warum wir inneres Vertrauen kultivieren sollten.

Namita Herzl26. Mai 2018 No Comments

Letztens nahm ich teil an einer wissenschaftlichen Tagung. Zu Mittag gab es Essen in einem Speisesaal. Ich bekam freundlicherweise etwas Veganes zu essen, und setze mich damit auf einen freien Platz. Der Raum begann sich langsam immer mehr zu füllen, aber der Platz neben mir blieb leer. Ich vernahm, dass immer wieder jemand kurz überlegte sich auf meinen Nachbarsplatz zu setzen, und sich dann zu einem anderen Tisch bewegte. Irgendwann begann ich an mir zu zweifeln, denn ich hatte eine Diskussion nach dem letzten Vortrag entfacht durch eine kritische Frage, die ich stellte. Gedanken kreisten in meinem Kopf, ob ich vielleicht zu provokativ war in der Diskussion. Ob ich eventuell den anderen Teilnehmern so unsympathisch gewesen bin, dass nun keiner mehr mit mir sprechen will. So ging diese Gedankenschleife hin und her, zwischen dem Versuch zu es nicht persönlich zu nehmen, und der Angst davor, abgelehnt zu werden.

Grundsätzlich habe ich durch die Prozessarbeit, die ich mit mir selbst mache, gelernt, dass es sehr heilsam ist, solche Situationen nicht persönlich zu nehmen. 

Schließlich ist es ja nie klar, was andere dabei denken, oder ob ich überhaupt eine Rolle in ihrer Gedankenwelt spiele. Und doch tendieren wir Menschen dazu, die Dinge höchst persönlich zu nehmen, was zu Kränkungen führt, zum Schmerz und zur Angst des inneren Kindes, dass niemand einen lieb hat. Es ist ein tiefer Schmerz, den wir alle kennen, und der Glaubenssatz, der dieser Verletzung zugrunde liegt, lautet: „Ich bin nicht gut genug“. Dieser Satz kommt uns allen bekannt vor. Denn unsere Muster, die wir an den Tag legen, sind wahrscheinlich dadurch entstanden, dass wir es irgendwann irgendwem recht machen wollten. Doch warum, brauchen wir die Zuneigung von anderen so sehr? Warum reicht es uns nicht, uns selbst auszuhalten, uns selbst zu lieben, uns selbst Achtung zu schenken? Warum konnte ich die Zeit, die ich beim Essen mit mir alleine hatte, nicht nutzen um das Essen zu genießen, meine Atmung zu spüren und meinen eigenen Raum zu halten? Es war die große Angst, die mich davor abgehalten hat. Zu dem inneren Gefühl nicht gut genug zu sein, geht in mir oft ein Affekt einher, der sich davor fürchtet, ausgeschlossen zu werden. Und wenn ich ausgeschlossen werde aus Gruppen, dann werde ich eventuell irgendwann ganz alleine sein? Alleine sterben…mit niemandem an meiner Seite, für immer verkümmert und einsam.

Unser Kopfkino spinnt sich gerne die größten illusorischen Dramen zusammen, wenn die Angst einmal eingeschlagen ist.

Wenn ich theoretisch darüber nachdenke, macht dies nicht den geringsten Sinn, denn ich habe ein Umfeld von herzerfüllten Freunden und einer ganz fabelhaften Familie um mich. Da ist theoretisch eine tiefe Sicherheit, dass ich nicht so schnell ganz alleine gelassen werde. Doch praktisch geht dieses innere Vertrauen verloren, sobald ich in das tiefe schwarze Loch der kindlichen Angst vor dem Alleinsein falle.

Angst vor dem All-Ein-Sein. Ist unsere tiefste Angst vielleicht die, uns zur Gänze mit der Einheit zu verbinden? Ich weiß es nicht. Was ich allerdings weiß, ist, dass ich einen ganz guten Weg gefunden habe mit dieser Angst umzugehen. Ich rede nämlich seit Neuestem mit ihr, wie mit einem kleinen Kind. Die Angst bekommt Fragen von mir gestellt, warum sie denn jetzt so panisch ist, was sie genau möchte und was sie braucht. Dabei entstehen sehr schöne innere Monologe mit mir und meiner Angst. Mittlerweile kenne ich sie schon sehr gut. Man könnte eventuell sogar sagen, dass sie mir eine Freundin geworden ist. Allerdings ist es eine Freundin, die ich zwar akzeptiere und annehme, der ich erlaube da zu sein, aber der ich oft nicht glaube, wenn sie spricht. Wenn sie mir wieder versucht einzureden, dass ich nicht gut genug bin, antworte ich ihr, dass sie das gerne glauben kann, aber ich glaube ihr nicht mehr.

Ich glaube dem Vertrauen mehr als der Angst.

Am besagten Mittagessen kam ich nun langsam ins Vertrauen und bemühte mich den Fakt des Alleinsitzens nicht persönlich zu nehmen. Ich beruhigte mich, indem ich das Ganze nicht mehr so ernst nahm, sondern einfach nur atmete. Und was dann geschah, war faszinierend und verblüffend. Auf einmal stand ein sehr sympathischer Wissenschaftler mit seinem Teller neben mir, den ich schon von einer anderen Tagung kannte, und fragte mich, ob neben mir noch frei sei. Ich freute mich, bejahte und bot ihm den Platz an. Dann entgegnete er, dass er sich nicht sicher war, ob hier noch frei sei, weil da eine Brille auf dem Platz liegt. Zwei Sessel weiter entgegnete plötzlich ein Mann, dass das seine Brille sei, die er unabsichtlich dort liegen hat lassen. Äußerlich schmunzelte ich nur, und gab dem Mann die Brille zurück, innerlich allerdings, begann ich laut zu lachen, denn ich stellte mit Erstaunen fest, dass mein ganzes Kopfkino auf absolut falschen Fakten aufgebaut war. Die Menschen, die sich zuvor neben mich setzen wollten, taten dies nicht, weil da diese Brille lag, und weil sie dachten, der Platz sei besetzt.

Somit war meine Angst der Tatsache verschuldet, dass ein Mann seine Brille vergessen hatte mitzunehmen. Das Ganze artete für ein paar Minuten darin aus, dass ich dachte, niemand möchte mit mir reden. Es war eine Lektion, in der ich lernen durfte, dass ich all das wirklich nicht zu ernst, du vor allem nicht zu persönlich nehmen sollte, wenn ich ein gesundes und glückliches Leben haben möchte.

Ich durfte wieder einmal lernen, dass ich dem Leben und den Geschehnissen ruhig vertrauen darf!

Photo: © Philipp Cordts

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