Inspiration

Emin Alper auf der Berlinale: Über aufwühlende türkische Traditionen

Mit seinem zweiten Spielfilm „Abluka“ gewann Emin Alper bereits den Spezialpreis der Internationalen Filmfestspiele in Venedig. Nun präsentierte der türkische Filmemacher sein neustes Werk „A Tale of Three Sisters“ auf der Berlinale. Darin wird die Geschichte dreier Schwestern geschildert, deren Leben zwischen Stadt und Land, Patriachat und Selbstbestimmung, Märchen und Katastrophe pendelt.

Esther Sophia Artner20. Februar 2019 No Comments
emin alper interview

Wir sprachen mit dem Regisseur über die Tradition der Pflegemädchen, das zügellose Leben auf dem türkischen Land und wie wichtig persönliche Erfahrungen der Schauspieler sind.

OOOM: Besonders faszinierend an dem Film war, dass er nicht in ein spezifisches Zeitgefüge gepackt werden kann. Die Handlung könnte in diesem Jahr passieren oder auch vor 20. War das Ihre Intention?

Alper: Ja, es ist ein zeitloser Film. Als Bezug haben wir die 80er Jahre gewählt, aber eigentlich wollen wir den genauen Zeitzusammenhang nicht preisgeben. Das Umfeld soll zeitlos sein.

OOOM: Was war Ihre Inspiration den Film zu machen? Was steckt hinter den Begebnissen, die Mädchen vom Land in die Stadt zu schicken?

Alper: Wir haben die Mädchen „Pflegemädchen“ genannt, aber eigentlich gibt es in der türkischen Geschichte ein anderes Wort für sie: Sogenannte „Besleme“ sind Mädchen, die von armen Familien kommen und von reichen Familien adoptiert werden. Sie sind dann Teil der Familie, aber nie ebenbürtig mit den anderen Kindern. Sie haben die Rolle eines Hausmädchens inne. Gleichzeitig nennen sie ihre neuen Eltern „Vater“ und „Mutter“. Das war eine regelrechte Institution in der Türkei, vermutlich nicht nur dort, aber wir haben keine konkreten Hinweise in anderen Ländern gefunden.

OOOM: Ist das noch immer aktuell in der Türkei?

Alper: Nein, es verschwindet allmählich, weil das Landleben außer Mode kommt. Vor 20 Jahren lebte noch 70% der Bevölkerung am Land, jetzt sind es nur noch 20%. Für mich war dieses Konzept immer eindringlich. Ich bin von so einer Frau erzogen worden, in meiner Stadt gab es sehr viele solcher „Besleme“, es war eine Art Statussymbol. Es wird von den reichen Familien auch als Güte empfunden, weil du ein armes Mädchen bei dir aufnimmst. In Wahrheit ist es etwas dazwischen. Die Mädchen haben eine sehr leidende Position: In der Schule sitzen sie immer ganz hinten, sie bekommen schlechtere Kleidung als ihre anderen Brüder und Schwestern etc. Es hat mich immer perplex zurückgelassen und daher ich wollte unbedingt einen Film darüber machen.

OOOM: Im Film gehen die Mädchen zurück in ihr Dorf. Wenn sie als Hausmädchen in der Stadt bleiben würden – wie lange hätten sie diese Position inne?

Alper: Bis sie heiraten. Das Ziel ist zu heiraten und ein besseres Leben zu führen, als sie es im Dorf gehabt hätten. Also in eine Ehe mit einer Art Fürsorger zu treten. Der Zwiespalt für diese Mädchen ist, dass sie sich nirgends zu Hause fühlen. Nicht in der Stadt bei ihrer neuen Familie, nicht im armen Dorf bei ihrer eigentlichen Familie. Ihre Position ist irgendwo in der Mitte.

OOOM: Ein Aspekt, der besonders auffällt, ist das Element der Tradition. Und dass mit Familie und Tradition oftmals Geheimnisse einhergehen, die uns in Schwierigkeiten bringen können.

Alper: Etwas, was in diesen traditionellen Konzepten oftmals passierte, war sexueller Missbrauch. Das war sehr geläufig, geredet wurde aber nie darüber. Jede Familie hat Geheimnisse, meistens sexuelle, aber es gibt immer eine Tarnung. In meinem Film kommt das auch vor, aber ich wollte die Betroffene, Reyhan, nicht nur als Opfer darstellen. Sie sollte auch ein Mädchen sein, dessen Ambitionen in ihren sexuellen Kontakten eine Rolle spielen. Etwa wenn sie sich vorstellt, das wahre weibliche Oberhaupt der Familie zu sein.

OOOM: Die Mädchen wirken trotz der patriarchalen Strukturen sehr offen mit ihrer Sexualität. Warum haben Sie das so dargestellt?

Alper: Es gibt das Gerücht, das türkische Landleben sei sehr konservativ. Das stimmt aber nicht. In der Stadt ist man viel konservativer. Besonders das Sexualleben ist am Land viel freier. Das hängt natürlich auch von der Region ab, aber vor allem in den bergigen Gebieten konnte das religiöse Dogma nicht so stark über das Alltagsleben herrschen. Die Leute können anstößige Witze machen und genießen Sex – trotz des gegenteiligen Images.

OOOM: Was war Ihre Inspiration für die Rolle des Hirten, der Reyhan nach ihrer Rückkehr heiratet? Er ist so ein stummer Charakter, man wünscht sich sehnlichst, dass er offen seine Meinung kundtut.

Alper: Für mich war das eine wichtige Rolle. Er fungiert ein bisschen wie der Clown im klassischen Theater. Er ist ein verstörender Charakter, gleichzeitig aber auch sehr ehrlich. Er ist der Underdog, sogar in einer schlechteren Position als die Mädchen. Ich kenne solche Männer aus dem Dorf. Sie sind unhöflich und roh, manchmal weiß man nicht ob sie klug sind oder doch wahnsinnig dumm. Dennoch fühle ich irgendwie mit ihm, andere finden ihn womöglich abstoßend.

OOOM: Ich fand es hart zu sehen, wie er nicht die Wahrheit aussprechen konnte.

Alper: Seine Position ist eine sehr melancholische. Er ist einer der wenigen der versteht, dass er den Kreis nicht durchbrechen kann. Er hat sein Schicksal von seinen Eltern geerbt. Deswegen ist die Figur auch so tragisch.

OOOM: Dieser Charakter ist nicht nur sehr gut geschrieben, sondern auch gut gespielt. So wie alle anderen Schauspieler großartige Leistungen liefern. Wie haben Sie die Schauspieler ausgesucht und wie war Ihre Arbeit mit ihnen?

Alper: Ich habe viele Vorsprechen gemacht. Das war sehr wichtig für mich, weil man, um diese Charaktere spielen zu können, sich nicht nur gut einfühlen muss, sondern auch eigene Erfahrung in diesem Bereich gemacht haben sollte. Die meisten hatten diese. Es war in den Vorsprechen sehr offensichtlich, wer hier weiß, um was es geht, und wer nicht. Zum Beispiel war es augenscheinlich, dass der Darsteller des Hirten wirklich aus dem tiefen Anatolien kommt. Der Darsteller des Vaters agierte darüber hinaus als eine Art Akzenttrainer am Set, er kannte sich dort sehr gut aus und setzte viele der ortsbezogenen Redewendungen zusammen. Für die Mädchen war es schwieriger. Die jungen Schauspielerinnen haben keine Erfahrung mit der Türkei der Vergangenheit, sind viel urbaner. Aber sie waren sehr talentiert und haben hart gearbeitet.

OOOM: Kommen Sie aus der Gegend, in der der Film gedreht wurde?

Alper: Ich komme aus der Gegend, in der der Film spielt, aber nicht dort, wo er gedreht wurde. In meinem Kopf spielt der Film in Süd-Anatolien, im Taurusgebirge. Aber in dieser Gegend konnten wir keinen geeigneten Ort finden, um zu drehen. Jetzt sind wir in den Norden gegangen, in die Nähe von Georgien.

OOOM: Ist es schwierig, dort zu drehen?

Alper: Ja, das ist es!

OOOM: Wie lange haben Sie gedreht?

Alper: Fünf Wochen insgesamt, vier im Herbst und eine im Winter. Wir brauchten eine Stunde allein, um in die Berge zu kommen. Der Straße war sehr gefährlich zu passieren.

OOOM: Der Einsatz der Musik im Film war wahnsinnig poetisch.

Alper: Das war tatsächlich eine Herausforderung für mich, solche Musik zu verwenden. Das habe ich vorher in noch keinem meiner Filme gemacht. In meinem ersten Film hatte ich gar keine Musik. In meinem zweiten gab es Klänge, aber noch nicht wirklich Musik. Ich hatte regelrecht Angst davor, Musik zu verwenden, aber ich hatte von Beginn an etwas im Kopf. Ich dachte mir, griechische Musiker würden perfekt passen. Wenn ich lokale Musiker engagiert hätte, wäre es vermutlich sehr anatolisch und folklorisch geworden, das wollte ich nicht. Wir haben für den Film griechische Koproduzenten engagiert, und gemeinsam haben wir die Papaioannou- Brüder gefunden.

OOOM: Generell sind die Ästhetik und die Kinematographie des Filmes faszinierend.

Alper: Ich wollte, dass der Film eine Verbindung aus hartem sozialem Realismus und märchenhafter Atmosphäre darstellt. Für mich war das Licht sehr entscheidend, wir haben uns dafür an holländischen Künstlern orientiert. Das sogenannte Chiaroscuro, die Hell-Dunkel-Malerei aus der Kunstgeschichte war maßgebend. Dunkelheit kann die Intensität der Situation verschärfen, aber generell finde ich ein weniger kontrastreiches Chiaroscuro besser. Für die Helligkeit haben wir Feuer als Hauptquelle verwendet, sowohl drinnen als auch draußen.

OOOM: Die Premiere des Films ist hier auf der Berlinale. Aber hat jemand in der Türkei den Film schon gesehen, und wie waren die Reaktionen?

Alper: Bis jetzt waren die Reaktionen sehr gut. Das habe ich auch so vermutet. Für das türkische Publikum ist das Gezeigte viel vertrauter. Ich war mir sicher, dass sie sich innerhalb der ersten 5 Minuten wie zuhause fühlen, was ein Großteil der Reaktionen auch bestätigt hat. Ich war eher wegen des internationalen Publikums beunruhigt, ob sie eine Vertrautheit mit den Charakteren aufbauen können.

OOOM: Ich glaube, dass die dargestellten Themen sehr allgemein sind.

Alper: Ja, das denke ich auch. Aber dennoch, wenn man sich in das Feld nicht einleben kann und die Charaktere nicht versteht, dann wird es schwierig. Ich bin gespannt auf die Kritiken.

OOOM: Wie sieht es mit zukünftigen Projekten aus?

Alper: Ich bin gerade an einem neuen Projekt dran. Es wird in einer Stadt spielen und wieder etwas politischer werden, aber zuerst brauchen wir das Geld dafür. Es ist noch nichts geklärt wergen der Finanzierung. Und die Situation in der Türkei ist gerade prekär, wir wissen nicht genau, was passieren wird.

Transkription: Claudia Huber

20. Februar 2019