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Evi Romen: Die Magierin des Films

Evi Romen gilt als heimlicher Star der Wiener Kulturszene. Mit ihrem Debüt-Film „Hochwald“ malt die Neo-Regisseurin gekonnt das Porträt eines gebrochenen Helden und liefert damit ein beeindruckendes Regiedebüt, das mit Preisen und Lob überhäuft wird. In OOOM offenbart sie ihre Seele und spricht erstmals über ihren Weg zum Erfolg, ihre Spiritualität und ihre innere Zerrissenheit nach der ­Scheidung von Regisseur, Produzent und Drehbuchautor David Schalko („Willkommen Österreich“, „Braunschlag“, „Ich und die Anderen“).

Ela Euler-Rolle19. November 2021 No Comments

Evi Romen wirkt äußerlich zart und zerbrechlich. Doch sie strahlt eine innere Stärke und Selbstsicherheit aus, die einnehmend ist. Pointiert und gelassen antwortet die Südtirolerin, die als Neo-Regisseurin hymnisch gefeiert wird, auf meine Fragen. Die weibliche Stärke schöpft Evi Romen, wie sie sagt, aus ihrer Familie. In einer Großfamilie in Südtirol, einem liberalen, bürgerlichen Umfeld aufgewachsen, haben die Frauen in ihrer Familie schon immer Stärke bewiesen: „Manche haben mit Heugabel neben ihren Männern Franzosen gejagt“, so Romen lächelnd. Ihre Großmutter entschloss sich in den 1920er-Jahren auf Heirat zu verzichten, um ihrem Traum zu folgen, Tänzerin zu werden. Auch ihre Mutter bestärkte Evi immer, auf ihr Herz zu hören. So folgte die aparte Regisseurin ihrem Traum, verließ Bozen, um auf der Film­akademie in Wien Kamera und Schnitt zu studieren.

„Der heimliche Star der Wiener Kulturszene“, „Sie hat den österreichischen Film neu definiert“ – das liest man über Sie nach Ihrem Filmdebüt „Hochwald“. Haben Sie erst 50 Jahre alt werden müssen, um sich den Erfolg als Regisseurin zuzutrauen und ihn für sich zuzulassen?
Tatsächlich geht‘s nicht um Zutrauen, sondern Annehmen. Ich habe leider auch familiär bedingt immer Bescheidenheit gelernt, was die eigenen Fähigkeiten betrifft. Obwohl durchaus tolle Fähigkeiten in der Familie vorhanden waren, wurde doch immer das Licht unter den Scheffel gestellt. Als sensitive Frau steigt man besonders gerne darauf ein, dass man sich zurücknimmt.

Ich war nie die Rampensau und es hat mir immer genügt, im stillen Kämmerlein die Schnitt-Arbeit zu machen, die ja die fantastischste Arbeit von allen beim Film ist. Es war nicht der Erfolg, der mich gelockt hat, sondern das Ausleben von Kreativität bzw. die Challenge.

Ich habe mir gedacht: Man wird älter, und ich mache die Schnittarbeit schon sehr lange und es läuft wahnsinnig gut. Aber wenn man den Zenit überschreitet, was kommt dann? Wird man dann vielleicht irgendwann frustriert? Macht man es vielleicht nicht mehr gerne? Ich hatte auch ein bisschen Angst vorm Älterwerden und dachte mir: „Na, irgendwas muss ich mir jetzt noch suchen, damit ich nicht drüber nachdenke.“ Tatsächlich ist diese Entscheidung an meinem 50. Geburtstag gefallen.

Ihr Geburtstag war tatsächlich der Schlüsselmoment?
Ja, das war er. Kurz vor meinem fünfzigsten Geburtstag bekam ich den österreichischen Filmpreis für Schnitt. Ich stand auf der Bühne und habe in die Menge geschaut und mir gedacht: Irgendwie fühlt sich das jetzt nicht an, als hätten die Leute ein Kreuzchen für diesen Film gemacht, sondern ein Kreuz für mich. Also nehme ich das als Lebenswerk. Und dann kam der Gedanke. „Was kann ich denn jetzt sonst noch tun? “ Kurz darauf, wurde ich 50. Es war eigentlich der schönste Geburtstag, den ich bis jetzt erlebt hatte. Denn ich merkte plötzlich, ich bin sehr angekommen. Ich habe wunderbare Freunde und Leute um mich und ich fühle mich eigentlich sehr wohl mit allem, was ich mache. Das heißt, man könnte jetzt auch noch etwas anderes ausprobieren und sich eine Herausforderung holen, bevor man vielleicht vergisst, wie schön es gerade ist.

Gleich die erste Herausforderung, die Sie angenommen haben, hat Sie mit unfassbar vielen Preisen belohnt: Bester Spielfilm des Filmfestivals in Bozen, Hauptpreis der Diagonale, das „Goldene Auge“ vom Zürich Film Festival, Carl Mayer-Preis für das beste Drehbuch.
Ja, das ist cool, das muss ich schon sagen. Ich habe vor Jahren eine Art Berufscoaching gemacht. Da gab es auch so einen Schlüsselmoment. Ich sagte zu der Therapeutin: „Wenn ich jetzt etwas anderes mache, dann muss es schon gut werden. Immerhin gebe ich einen erfolgreichen Beruf auf, ich habe Scheu davor, etwas zu tun, was dann vielleicht keinen Erfolg hat.“ Und sie hat gemeint: „Aber das Gefühl Erfolg, das kennst du doch schon. Du hattest ja Erfolg. Du weißt, wie es sich anfühlt, wenn man erfolgreich ist. Du warst erfolgreich in deinem Beruf als Editorin. Such dir doch die Gefühle, die dir noch unbekannt sind und spiele mit ihnen. Und schau mal, was passiert. Wenn sich der Erfolg nicht einstellt, dann hast du wenigstens gut gespielt.“

19. November 2021