Arts & Design

Konzeptkünstler Fabio Zolly: Kunst als Sperrzone

Kunststar Erwin Wurm schwärmt von ihm: „Er sucht immer das Neue.“ Fabio Zolly begeistert die Kunstszene mit Copyright-Zeichen, X-Ray-Bildern, Frottagen abgeriebener Kanaldeckel und seiner eigenen 3D-Figur. Zum 150-Jahr-Jubiläum der Wiener Staatsoper sperrte er diese mit Bändern ab und sorgte für schockierende Reaktionen, als er verkündete, das Haus am Ring werde nun abgerissen und durch eine Mehrzweckhalle ersetzt. OOOM besuchte den Nonkonformisten in seinem Wiener Atelier.

Gerald Matt8. Mai 2019 No Comments
Fabio Zolly ooom magazine

Sie sind nicht alleine da. Neben Ihnen sitzt Ihr Alter Ego, eine Sie kopierende Skulptur.

Ich habe sie für meine Klagenfurter Ausstellung 2015 machen lassen. Auf ihrem Rücken trägt sie die Aufschrift „Kunst ist meine Anwesenheit – Meine Anwesenheit ist Kunst“. Wenn ich nach Hause gehe, bleibt sie in den Ausstellungen anwesend. Am Ende des Projektes fährt sie mit mir wieder heim. Mit diesem Projekt habe ich erstmals 2007 begonnen, übrigens einige Zeit bevor Marina Abramović ihr Projekt „The artist is present“ im MoMA umgesetzt hat.

Wie wichtig sind Ihre ausgedehnten Reisen für Ihre Arbeit?

Sie sind unverzichtbar. Koffer und Transportkisten sind daher auch immer wiederkehrende Motive meiner Arbeit. Ich habe schon Anfang der 1980er-Jahre begonnen, in verschiedenen Städten Himmelskonfigurationen zu malen. Der Himmel repräsentiert für mich Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit, gleichzeitig und zeitlos.

Am Ende Ihres Buches „Summer goes West“ las ich: „Ein Plastiktruthahn wird von nackten, blutüberströmten, auf allen vieren kriechenden Menschen über die Bühne gezogen. Kapitel abgeschlossen. Projektionen, Lärm. Fahnen werden geschwungen. Menschen urinieren.“ Das erinnert an die Wiener Gruppe.

Das Buch ist ein Cut-up, eine gedankliche Collage, aber auch eine Art Tagebuch. Das Ganze entstand und liest sich wie ein Zappen auf verschiedenen TV-Kanälen, ist ein Cluster aus Eindrücken, persönlichen Einfällen, Erlebnissen, Nachrichten und Chiffren aus Werbung und Konsum. Das heißt auch, dass man überall anfangen, aber auch wieder aufhören kann. Die Wiener Gruppe war da nicht relevant, die war mir zu aufgeregt, zu expressiv und extrovertiert.

Welcher Bezug hat Ihr Schreiben zu Ihrer bildnerischen Arbeit?

Beim Schreiben bin ich viel befreiter und weniger gehemmt. Ich habe mir drei Schreibmaschinen zugelegt, eine für zu Hause, eine fürs Studio und eine im Auto und auf Reisen, eine klassische Reiseschreibmaschine. Die Farbbänder kann man noch in einem Geschäft in Wien-Landstraße kaufen. Die Texte sind besonders nah zu meinen Arbeiten wie Frottagen oder Collagen. Es spiegelt sich auch darin mein Umgang mit der Welt, mit deren Fragmentierung und Komplexität wider. Geschrieben sind sie wie ein Logbuch, zum Beispiel: Atelier-Ankunft 9:25 Uhr. 9:32 Uhr öffne ich die Briefe. 9:35 Uhr macht sich Verzweiflung breit. Zeit für einen Löskaffee usw.

In Oswald Wieners zentralem Werk „Verbesserung von Mitteleuropa“ ging es vor allem um Sprachskepsis und Sprachkritik, die Dekonstruktion von Sprache. Was ist das Anliegen Ihrer Arbeit?

Ich fühle mich nicht als Literat, eher bin ich ein Küchenpoet,da ich meistens auf meinen Reisen in der Früh meine Eindrücke aufschreibe, und dies am liebsten in der Küche. Für mich ist es eine Zustandsbewältigung, eine Art Umgang mit den Imponderabilien des Seins. Die Schreibmaschine ist sofort greifbereit, ich mag die Schnelligkeit am Schreiben, aber auch Kunst, die schnell gemacht werden kann, die sich nicht wichtigmacht oder gar überhöht.

In Ihrer Installation „Rendezvous mit der Realität“ für das Museum Moderner Kunst Klagenfurt haben Sie sich mit der politischen und wirtschaftlichen Situation Ihres Heimatlandes Kärnten auseinandergesetzt. Ihre künstlerische Diagnose?

Ich hatte in Kärnten lange nicht ausgestellt, wollte mit der Politik im Land auch nichts zu tun haben. Als ich die Einladung für ein Projekt in der Burgkapelle erhielt, wurde ich recht bald mit Budgetproblemen und dem Sparkurs des durch die Politik ruinierten Landes konfrontiert. Ich installierte die kleine 3D-Figur von mir, ließ sie verzweifelt im Kirchenraum auf einer nicht ausgepackten Kunst-Transportkiste sitzen und auf ein marodes Haus aus Müllkarton schauen, das wie ein kaputter Wachturm auf Stelzen steht und den maroden Zustand des Landes symbolisiert. Ähnlichkeiten zum Turmbau zu Babel waren da durchaus intendiert. Dabei hörte man Wasserrauschen, Absperrbänder grenzten ein verwahrlostes Umfeld ab. Am Dach saßen drei schwarze Krähen und aus Lautsprechern hörte man Jörg Haider mit seinen alten Lügen: „Kärnten wird reicher!“

Sie haben immer wieder mit Absperrbändern gearbeitet und mit dem Spruch „Copyright by fabio zolly – do not cross“.

Das basiert auf meinen Arbeiten in New York, wo ich danach in den 1990er-Jahren viel Crime sah. Dabei geht es mir maßgeblich darum: Wem gehört der öffentliche Raum, wer bestimmt über ihn? Und letztlich auch: Was ist Kunst und was bewirkt sie? Ich habe die Absperrungen und die durch sie ausgelösten Reaktionen der Passanten fotografiert. Zur 150-Jahr-Feier der Wiener Staatsoper war ich eingeladen, diese mit meinen Bändern abzusperren. Felix Breisach machte eine Doku dazu. Ich verteilte Zetteln an Passanten, mit denen ich informierte, dass es heute der letzte mögliche Tag zur Besichtigung der Staatsoper sei, da sie in Kürze abgerissen und durch eine Mehrzweckhalle für Skispringen, Wasserspiele und andere Vergnügungsmöglichkeiten ersetzt wird. Die Reaktionen der Menschen waren verschieden. Manchen stand das blanke Entsetzen im Gesicht, andere wie zwei junge Amerikaner freuten sich auf das neue Bauwerk und avisierten einen weiteren Besuch in Wien, um es dann zu besichtigen. Kurzum: Ich habe mich amüsiert. Aber Fake News sind ja heute Standard.

Ihre Kunst ist also keine humorfreie Zone?

Im Gegenteil: Kunst soll auch Spaß machen. Wenn man die Menschen erreichen will, muss man auch eine Sprache finden, die nicht nur dem Distinktionsgewinn von Kunsteliten und deren Selbstbeweihräucherungsritualen dient. Im Übrigen gehe ich auch gerne spazieren, bin ein Flaneur. So sind viele meiner Arbeiten entstanden, zum Beispiel meine Frottagen, die ich aus dem Abreiben von Kanaldeckeln gewann und die wie Veduten die Geschichte der von mir bereisten Städte erzählen.

Erwin Wurm über Fabio Zolly: “Er ist witzig, sprüht vor Ideen und ist einer, der immas das Neue sucht. Ich würde gerne meine One-Minute-Sculptures mit seinen Arbeiten zeigen.”

8. Mai 2019