Inspiration

Fanny Holzer-Luschnig: Being Fanny

Fanny Holzer-Luschnig hat schon viel in ihrem Leben gesehen: Lady Gaga auf Plateauschuhen, Whitney Houston im Cape mit Pelzkapuze, einen hungrigen David Bowie. Sie passte auf Nicole Kidmans kleine Tochter auf, schützte Jude Law vor hemmungslosen Fans und bestaunte Madonnas Fleiß. Die wirklich pikanten Geschichten hält sie diskret zurück. Als Wiens beste Gastgeberin leitet die Klagenfurterin – nach Stationen im Hotel Triest und 25hours Hotel – das neue Boutiquehotel Motto.

Heidi List1. März 2022 No Comments

Februar 2022, Boutiquehotel Motto, Wien. „Stell dir vor, die Lampen haben wir ersteigert. Sie sind aus dem Ritz in Paris.“ Wir stehen im Stiegenhaus und schauen ehrfürchtig auf die Lampen hinauf. „Lady Diana“, sage ich. „Was die wohl alles gesehen haben. Und wen“, fügt Fanny hinzu. Wir steigen die Treppe hoch, betreten die Dachterrasse. Der Blick ist atemberaubend. Wir sehen über Wien und weil die Luft klar genug ist bis in die Schneeberggegend. Das Motto Hotel liegt an der Mariahilfer Straße, gegenüber vom legendären Café Ritter. Ich frage Fanny ein bisschen danach aus, wie es denn war, dieses Hotel zu entwickeln, gemeinsam mit Bernd Schlacher. Sie erzählt mit ihren leuchtenden blauen Augen von den tollen Leuten, mit denen sie zu tun hatte und das schöne Thema des Hotels, Paris-Flair der 20er-Jahre mit modernem Wiener Lebensgefühl und skandinavischer Gemütlichkeit. „Alles geht zusammen, wenn man das will und ein Auge dafür hat.“

Opas Eyes. Ein Stockwerk tiefer, Restaurant „Chez Bernard“. Ich bin bei Fanny zum Brunch eingeladen. Alles ist hell und gemütlich und voller Pflanzen, mit coolen Möbeln und … „Schau! Da hängt mein Opa“, sagt Fanny und zeigt auf ein Bild. An der Stelle hätte etwas gefehlt, sagt sie und dann hat sie das alte Porträt ihres Großvaters einfach da hingehängt. Er überwacht nun das Restaurant. Und so etwas ist typisch für Fanny Holzer-Luschnig, 52. Bei aller Professionalität, bei allem Perfektionismus, dazwischen wird es plötzlich ganz persönlich. Dafür ist sie bekannt und dafür stehen die Projekte, die sie entwickelt hat. Wie das 25hours Hotel in Wien, das sie zu Kultstatus gebracht hat. Oder das Grätzelhotel, eine Idee, verlassene Geschäftsräumlichkeiten zu Suiten umzubauen. Und wie das Hotel Motto hat sie mit Szeneguru Bernd Schlacher auch die alte Postsparkasse auf der Dominikaner Bastei konzipiert. Ein Projekt, das leider einer Umentscheidung der Investoren zum Opfer gefallen ist. „Das wäre grandios geworden“, sagt Fanny. Sie ist immer persönlich, in allem. Dafür lieben sie die Hollywoodstars genauso wie die Lieferanten. Und deswegen sind wir beide seit vielen Jahren befreundet. Ich habe in den 1990er-Jahren für Musiklabels gearbeitet – und in welchem Spitzenhotel Fanny auch gearbeitet hat, sei es das SAS Palais Hotel, das Hotel DasTriest oder eben das 25hours Hotel, wir sind ihr nachgefolgt und haben unsere Superstars bei ihr untergebracht. Dort waren sie sicher, bei Fanny konnte absolut nichts passieren.

Gaga & Whitney. Sie hat Lady Gaga mit ihren enormen Plateauschuhen sicher durchs Hotel und über den hügeligen Garten begleitet. Und es geschafft, Whitney Houston gut zu betreuen, obwohl sie den ganzen Tag nichts gegessen hatte und einer Ohnmacht nahe war.

„Gegen zwei Uhr in der Früh plötzlich gingen die Spots an, die Tür öffnete sich, ich stand schwankend im Aufzug, und die Vorstellung, dass Whitney Houston ums Eck biegt und ich liege am Boden, war keine schöne.“

Doch sie erfing sich und vor ihr stand die Sängerin im bodenlangen Cape mit Pelzkapuze – ganz wie in ihrer Rolle in „The Bodyguard“. „Ich lasse mich ja nicht schnell beeindrucken von schönen Menschen, mir sind die nicht so attraktiven genauso recht. Aber diese Frau war nicht von dieser Welt, so schön war sie. Alleine ihre Sprechstimme war aus Samt.“

Bowie bei Nacht. Und wir erinnern uns an David Bowie, unseren gemeinsamen Liebling. Ich hatte seine Alben zu vermarkten und wir brachten ihn bei Fanny im Hotel Triest unter. Alles sehr geheim und streng abgeschirmt. Sie war es auch, die in der Nacht am Telefon war, als David Bowie unter seinem Codenamen anrief. Er wollte etwas vom Roomservice. Um das Gespräch unauffällig in die Länge zu ziehen, begann sie ausufernd die ganze Speisekarte hinauf und hinunter zu besprechen, inklusive Rezepturen und Produzenten der Ingredienzen. David Bowie wird sich gewundert haben, aber auch er ist wohl Fannys Charme erlegen, und gewiss niemand hat ihm jemals so leidenschaftlich eine Nacht-Snacks-Speisekarte empfohlen. Es ist aber dann auch die Fanny, die sich eine Konzertkarte besorgt und alleine auf das Konzert geht.

9/11. Am 11. September 2001 hatten wir unsere schwerste gemeinsame Nacht. Depeche Mode waren in Wien und wohnten im Hotel Triest, bei Fanny. Unsere größte Aufregung war, dass für diesen Tag ein Konzert in der Stadthalle angesagt war. Wir hatten für die Aftershowparty allerhand zu organisieren. Die Gold-Awards waren geputzt, der Champagner bestellt. Plötzlich hieß es, die Twintowers wurden attackiert. Depeche Mode hatten ihre Familien in New York und versuchten sie zu erreichen. Fanny organisierte für alle eine große Suite, wo gemeinsam CNN geschaut werden konnte. Am Abend war die Stadthalle voll. Depeche Mode traten auf, als wäre nichts. Sie sagten kein Wort. Das Publikum nahm es als Angebot an, sich ablenken zu lassen. Fanny und ich blickten inzwischen auf die zig TV-Geräte, die in den Nebengängen hingen, wo ununterbrochen CNN-Bilder liefen. Immer wieder stürzten an diesem Abend die Türme ein, immer wieder. „Das sind die dunklen Stunden“, sagt die Fanny. Man wird nie vergessen, mit wem man sie überstanden hat.

Four Seasons in NYC. Fanny Holzer-Luschnig ist Klagenfurterin aus einer Arztfamilie. Es gab aber eine Urgroßtante, sie hieß Anna Werzer, Begründerin einer Hoteldynastie am Wörthersee. Von ihr dürfte sie die Gene geerbt haben. Hauptsächlich war sie aber Bleiburg verbunden, dort waren ihre Großeltern, ein wichtiger Anker. Überhaupt, die wichtigen Dinge sind in Bleiburg passiert: ihre eigenen ersten Gesangsversuche, Mitternachtseinlage als Marilyn Monroe, „I Wanna Be Loved By You“. Dort hat sie ihren Mann kennengelernt, David, der in der Bierindustrie tätig ist, was Fanny zutiefst freut. Bier ist wichtig in ihrem Leben. Hier haben sie geheiratet, ganz klein, bescheiden.
Mit 16 schon hat sie sich gedacht, sie geht einmal nach Amerika. Nach der Matura in einer Höheren Bundeslehranstalt für wirtschaftliche Berufe machte sie noch das Klessheim Touristik Kolleg in Salzburg. Danach ein paar Monate Florenz bei ihrer Kusine, für die Sprache. Dann kam die Jobzusage vom Four Seasons in New York. Weg war die Fanny. Ging dort alle möglichen Abteilungen durch. 43 Stockwerke gab‘s, davon 80 Privatwohnungen. Es war Anfang der 1990er-Jahre und alle möglichen Superstars stiegen in dem Hotel ab.

Kidman & Madonna. Sie passte auf die kleine Tochter von Nicole Kidman und Tom Cruise auf. Traf Whoopi Goldberg und viele andere. Madonna lebte sogar einige Monate dort, während ihr Apartment umgebaut wurde. Sie hat damals zwei Suiten gebucht, eine zum Wohnen und eine für Workout und Rehearsals. „Es gab wohl keine fleißigere Person auf dem Planeten“, meint Fanny. Und in den obersten drei Stockwerken residierte Lady Mary Elisabeth Fairfax, die reichste Frau Kanadas. 1.500 m2 für eine kleine alte Dame, die nur zwei Wochen im Jahr dort wohnte. „Alleine das Wohnzimmer muss 300 m2 gehabt haben. Wir sind dort mit den Rollschuhen herumgefahren, anders war die Strecke kaum zu bewältigen.“ Fanny lacht. Eines Tages ist sie mit dem Aufzug in Lady Fairfax‘ Wohnung gefahren. Als sich die Türen öffneten, ergoss sich ein riesiger Schwall Regenwasser über sie. Die ganze Wohnung war geflutet, der halbe Plafond kam ihr entgegen. Fanny raste durch die Wohnung und rettete Renoirs und Pop-Art-Kunst und das älteste Spinett der Welt. Später kam heraus, das Ganze war ein paar Blättern geschuldet, die am Dach eine Regenrinne verstopft hatten. Nach 18 Monaten lief das Visum für Fanny aus. Sie wollte nicht mehr nach Klagenfurt zurück, dazu war New York zu groß gewesen. Also kam sie nach Wien und begann im SAS Palais Hotel, wo wir beide uns schließlich 1994 kennenlernten. Eines Tages bin ich vor ihr gestanden, nach einem Backstreet-Boys-Auftritt, oder waren es Take That? Im Gesicht zerkratzt von Ringen und Schmuckstücken, die Fans nach mir geworfen haben, weil ich auf der Bühne versucht habe, sie zu beruhigen. Ich hatte mehrere Säcke mit Stofftieren dabei, lauter Geschenke der Fans an die Künstler, und wusste nicht, wohin damit. Ganz ruhig wurde ich von Fanny verarztet und sie ordnete an, dass die Plüschtiere an Frauenhäuser und Institutionen mit Kindern gespendet werden. Nach dem Hotel Triest schließlich wurde sie vom 25hours Hotel eingeladen, das coole Konzept hier zu etablieren. Über ihre Kontakte und mit ihrer Verve machte sie daraus in kürzester Zeit die spannendste Adresse. Der Dachboden mit Bar war der Place to be. „Wir haben dort in drei Wochen den Forecast von einem Jahr verdient“, erzählt Fanny und da muss sie schon sehr schmunzeln. Nichts ist besser, als wenn das aufgeht, was sie geplant hat.

Jude Law. „Ein Hotel braucht eine Seele. Man muss das machen, als ob man einen ganz lieben Freund einladen würde. Und die Gäste auch genauso behandeln. Alle Gäste. Und einen Freund schützt man auch.“ Wie damals, als Jude Law in Wien war. Da musste dann schon ad hoc Security herhalten, in dem Fall Bernd Schlacher, der Boss persönlich, andere gute Bekannte und, weil er auch gerade da war, Moritz Bleibtreu, um ihn vor hysterischen Fans zu schützen. Dieser fräste sich vor Jude Law durch die Menge. „Und trotzdem gab‘s dann die eine Dame, die aufsprang und Jude Law in die Haare gefahren ist.“ Fanny schüttelt sich. „Wie kann man nur so etwas Intimes bei einem Fremden machen?“

Angekommen. Im Motto Hotel ist sie nun angekommen, es ist das Best-of von allem, was sie gemacht hat: Elegant, lustig, schrill, allerhöchste Qualität und geeignet, wieder die geliebten „heiklen“ Gäste zu betreuen, die Schutz und Intimsphäre brauchen. Auch diesmal war es hektisch bis zur Eröffnung im Oktober 2021. Dann wurde es eigenartig, denn im November kam der Lockdown. „Ich werde immer pragmatischer.“ Sagt sie, und man glaubt es ihr. Am Abend geht sie nach Hause und kann berichten über die guten und die anstrengenden Seiten ihres bunten Lebens. Sie geht mit Liesel, ihrem Cockerspaniel, und David, dem Mann an ihrer Seite seit 23 Jahren, spazieren. Und tankt auf für ihren Beruf als beste Gastgeberin Wiens.

1. März 2022