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Felix Ohswald und sein 70-Millionen-Deal

Felix Ohswald ist der neue Star der deutschsprachigen Start-up-Szene. Der Gründer von GoStudent, eines Online-Marktplatzes für Nachhilfe, holte 70 Millionen Euro an neuem Investment in sein Unternehmen und ist am besten Weg zum nächsten Unicorn. In OOOM stellt er sich seinem bisher persönlichsten Interview, geführt von OOOM-Redakteurin Claudia Ohswald – seiner Mutter. Ein Mother & Son-Talk über Opas Logik-Lektionen, den fehlenden Drill daheim, Studien in Rekordzeit, Lektionen des Lebens, das Unvermögen zu verlieren – und was man mit soviel Geld alles machen kann.

CLAUDIA OHSWALD28. Mai 2021 No Comments

Wie hat sich deine Arbeit von den Anfängen zu heute verändert?
Damals war die Arbeit viel operativer. Alles, was gemacht werden musste, machte man selbst, weil das Geld und die Kapazitäten fehlten. Heute verbringe ich 40 Prozent meiner Zeit mit Bewerbungsgesprächen, um Leute zu finden, die viel mehr Knowhow haben als ich es jemals haben werde. Gute Leute finden wir ausschließlich durch Headhunting. Bei GoStudent arbeiten fünf Arbeitskräfte Vollzeit, die sich ausschließlich damit beschäftigen. 10 bis 15 Prozent meiner Zeit verwende ich, die guten Leute zu halten, weitere 10 bis 15 Prozent mache ich keine Termine, damit ich Nachrichten weltweit lesen und Inspirationen sammeln kann. Den Rest der Zeit gibt es interne Meetings.

Anfangs war GoStudent eine App. Wann kam der Punkt, wo ihr das Business-Modell geändert habt?
Wir haben damals festgestellt, dass es Schüler gab, die während des Chats mit einem Lehrer gefragt haben, ob es die Möglichkeit zu Nachhilfeunterricht gäbe. Uns wurde die Nachfrage bewusst und wir sahen es als Chance, das Ganze zu monetarisieren. Wir wussten, wir müssen Live-Unterricht anbieten und die Eltern ins Boot holen. Adaptiert haben wir das Modell unzählige Male. Wir haben viel ausprobiert und manchmal haben uns Zufälle in die richtige Richtung geführt.

Ist euch Corona zugutegekommen?
Nachhilfe-Suchanfragen sind während Corona um 50 Prozent gesunken. Wenn Schulen geschlossen sind, gibt es weniger Druck und weniger Prüfungen. Gleichzeitig aber half die Bewusstseinsänderung, dass man Online-Learning eine größere Chance geben muss. Außerdem konnten wir die Probleme, die Eltern mit dem Homeschooling hatten, nutzen.

Ihr habt jetzt ungefähr 15.000 Schüler und 3.000 Tutoren, also Lehrer – und habt einen gewaltigen Umsatzsprung gemacht.
Wir hatten davor zu Peak-Zeiten fast eine halbe Million Schüler in Deutschland und Österreich, die unseren Chat-Service monatlich genutzt haben. Aber wir haben damit kein Geld verdient.

Nun habt ihr 70 Millionen Euro an frischem Kapital.
Investoren zu überzeugen war schon immer ein Teil meiner Aufgaben. Heute hat die Geschwindigkeit in der Szene um ein Vielfaches zugenommen. Nachdem wir erkannt haben, dass wir den Vertrieb aufbauen müssen, haben wir rasch begonnen Leute aufzunehmen. 2018 kam Laura von Google und HelloFresh und hat mit ihrer Erfahrung die Prozesse für unser Vertriebs- und Marketingteam implementiert. 2019 haben wir dann einen neuen Investor gebraucht, der die nächste Phase unterstützt. Das waren dann Left Lane Capital und DN Capital mit 8,5 Millionen Euro.

Jetzt seid ihr in 10 Ländern vertreten.
Neben dem Hauptstandort in Wien haben wir zwei Standorte in Deutschland, in Frankreich sind wir in Lyon, in Spanien in Madrid, in UK ist unser Büro in London.

Hättest du es 2016 für möglich gehalten, dass du heute so weit bist?
In dem Bereich, in dem wir sind, muss man größenwahnsinnig sein. Und wenn ich ehrlich bin war ich bereits vor fünf Jahren größenwahnsinnig. Ich hätte es öffentlich nicht kommuniziert, weil man sonst für verrückt erklärt wird. Aber wir haben mit der Firma immer eine globale Vision verfolgt. Heute ist das vielleicht noch krasser, weil man sich beweisen muss. Service ist das Um und Auf. Wenn man es schafft, Service hochwertig zu skalieren, ist das die halbe Miete.

In unserem Bereich muss man grössenwahnsinnig sein. Das war ich schon vor fünf Jahren. Wir haben immer eine globale Vision verfolgt.

Was sind die nächsten Schritte mit soviel Geld?
In den nächsten sechs Monaten werden wir ca. 600 neue Mitarbeiter aufnehmen. Das heißt, dass die internationale Expansion stark voranschreiten muss. Es gilt außerdem die Marke GoStudent – vor allem im DACH-Raum und Frankreich – stärker zu machen. Der dritte Punkt ist Engineering, das heißt Automatisierung in Bereichen, wo man jetzt noch Personal benötigt. Wir haben auch sehr spannende Projekte wie Emotionserkennung, wo wir aufgezeichnete Nachhilfestunden analysieren, um festzustellen welche Emotionen sich vom Lehrer auf den Schüler übertragen.

Wie wird die Firma in fünf Jahren sein?
Globaler, das heißt, dass wir uns geographisch ausbreiten wollen, in die USA, nach Kanada, Latein- und Südamerika. Auf der anderen Seite wollen wir über den Nachhilfebereich hinaus gehen. Wir wollen Bildungsdienstleistungen revolutionieren. Das beginnt bei besseren Kindergärten, besserer Infrastruktursoftware bis hin zu Finanzdienstleistungen.

Wer hat dich bisher am meisten inspiriert?
Die größte Inspiration kommt am Ende des Tages über die Eltern…
Danke.
…über die Familie und das Umfeld. Heute inspirieren mich Menschen wie Vitalik Buterin, der kanadisch-russische Softwareentwickler und konzeptioneller Erfinder von Ethereum. Elon Musk hat neue Maßstäbe gesetzt oder J.R. Tolkien, der „Herr der Ringe“ geschrieben hat. Es begeistert mich, dass jemand 40 Jahre an einem Buch mit solch einer Komplexität schreibt. Aber auch ein Jeff Bezos, der es geschafft hat, dass etwas morgen da ist, wenn man es heute auf Amazon bestellt. Die Exzellenz, in etwas wirklich top zu sein – das fasziniert mich.

 

Fotos Roland Unger

28. Mai 2021