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Gabriele Schweiger: Dunkler Kontinent

Ihr Anblick hat angeblich sogar den Teufel das Fürchten gelehrt: die Vulva dient als Schauplatz von Lust, Ideologie und Tabuisierung. Die Regisseurin Gabriele Schweiger erzählt in ihrer Dokumentation von der Kulturgeschichte der Vulva, ihrer Anbetung in verschiedenen Mythologien, über ihre Dämonisierung bis hin zur Frauenbewegung der 1960er-Jahre. Und darüber, welchen Stellenwert sie heute, in der vermeintlich aufgeklärten Welt, hat.

Heidi List10. Oktober 2019 No Comments
dunkler kontinent

Wer weiß denn schon, dass einst das Zeigen einer Vulva die ganze Welt gerettet hat? In allen Mythologien der Welt gebe es Geschichten darüber, dass – wenn irgendetwas schiefgeht, Bären angreifen oder eine Sturmflut kommt – die Frau den Rock hebe, die Vulva zeige, „und dann wird das schon“, so schreibt die deutsche Kulturwissenschaftlerin Mithu M. Sanyal in ihrem Buch „Vulva – Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“. Es scheint daher reichlich unfair, dass heute in den meisten Sprachen die Bezeichnungen für die Vulva als Schimpfwörter verwendet werden, auch wenn sie meist etwas Neckisches haben.

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Fotze. Cunt. Chatte. „Die Vulva wird als Loch, Leerstelle oder Nichts beschrieben. Im besten Fall fungiert sie als ungenügender Penis“, so die Autorin. Sie ist eine der Protagonistinnen, die in der Dokumentation der Regisseurin Gabriele Schweiger der Frage auf den Grund geht, wie es denn heute aussieht mit dem Selbstverständnis von Frauen und der weiblichen Sexualität.   Sie zeichnete schon für die aufsehenerregenden Dokumentationen „Die Lust der Frauen“ und „Die Lust der Männer“ verantwortlich. Die Idee zu einem Film explizit über die Vulva kam Gabriele Schweiger beim Besuch des Vortrags eines bekannten Wiener Schönheits­chirurgen. Er zeigte Bilder von größeren oder asymmetrischen Schamlippen von Frauen, die sich eine Operation wünschten. Gabriele Schweiger wunderte sich. Für sie sahen diese Schamlippen ganz normal aus. Und dann sagte der Arzt, er würde nie eine Frau operieren, die nicht freiwillig zu ihm kommt. Da stellte sich der Regisseurin die Frage: Wie frei ist diese Entscheidung wirklich?

Die Vulva wird als Loch, Leerstelle oder Nichts beschrieben. Im besten Fall fungiert sie als ungenügender Penis.

Der dunkle Kontinent. Oder handelt es sich bei der Vulva doch und berechtigterweise um den „dunklen Kontinent“, wie Sigmund Freud einst meinte? Inwiefern haben Frauen heute einen modernen, selbstbewussten Bezug zu ihrem Geschlechtsteil? Gabriele Schweiger lässt Künstlerinnen, Therapeutinnen und politische Aktivistinnen aus verschiedenen Kulturen davon erzählen, inwiefern sich der lustfeindliche Umgang mit der Vulva durch alle Kulturen und durch alle Jahrhunderte gezogen hat – und bis heute zieht. Denn immer noch scheint sich alles, was mit Macht, Fortschritt und Potenz zu tun hat, rein um den männlichen Penis zu drehen. Die Vulva in ihrer Gesamtheit – und nicht nur auf ein Loch reduziert – ist in kaum einer Kultur vorhanden. In der europäischen schon gar nicht. Sie ist weder sprachlich noch als Metapher von positiver Relevanz, wie eben zum Beispiel das allgegenwärtige „Phallische“. Und welche Bewusstheit darüber haben die Frauen?

Komplexe Schönheit der Klitoris. Das geht sogar so weit, dass auch heute immer noch kaum jemand weiß, wie eine Klitoris in ihrer komplexen Schönheit tatsächlich aussieht.  Dass Frauen verunsichert werden, was ihren Körper betrifft, mag wohl nichts Neues sein. Und heute geht es bis in den intimsten Bereich. Schamhaare werden selbstverständlich entfernt oder zu Landebahnen oder Pfeilen getrimmt. Was bedeutet es, wenn das Geschlecht einer erwachsenen Frau aussehen soll wie bei einem Kind? Wieso darf die Vulva nicht unterschiedlich aussehen, genauso wie jeder Penis anders ist – hell oder dunkel, dünn oder dick, gerade oder schief?

Handelt es sich bei der Vulva doch und berechtigterweise um den „dunklen Kontinent“, wie Sigmund Freud Freud einst meinte?

Gabriele Schweiger meint, symbolisch bedeutet dieser Trend womöglich: Die Frau soll beschnitten werden. Der Umgang mit der Weiblichkeit war nicht immer so schwierig. Wir erfahren in der Dokumentation von der Rolle der Vulva in alten Mythologien, von der griechischen bei Homer bis zur japanischen. Die Vulva war es also, die die Welt retten konnte. Denn aus ihr kommt das Leben. Auch im Hinduismus war es die Göttin Durga, die zur siegreichen Göttin Kali wurde, indem sie alle anderen Göttinnen in ihre Vulva saugte. Das ist ein sehr machtvolles Bild. Zu machtvoll für eine patriarchale Gesellschaft?

10. Oktober 2019