Magazin

Gabriele Schweiger: Dunkler Kontinent

Ihr Anblick hat angeblich sogar den Teufel das Fürchten gelehrt: die Vulva dient als Schauplatz von Lust, Ideologie und Tabuisierung. Die Regisseurin Gabriele Schweiger erzählt in ihrer Dokumentation von der Kulturgeschichte der Vulva, ihrer Anbetung in verschiedenen Mythologien, über ihre Dämonisierung bis hin zur Frauenbewegung der 1960er-Jahre. Und darüber, welchen Stellenwert sie heute, in der vermeintlich aufgeklärten Welt, hat.

Heidi List10. Oktober 2019 No Comments
dunkler kontinent

dunkler kontinent

Von Polyamorie bis Tinder. Die französische Künstlerin Ovidie und die Psychologin Sandra Konrad besprechen den sexuellen Widerspruch in unserer Gesellschaft heute: Einerseits gebe es für alle Geschlechter vermeintlich sexuelle Freiheiten wie noch nie, andererseits hat die allgegenwärtige Pornoindustrie sexuelle Maßstäbe und Schönheitsideale verbreitet, die gerade für junge Menschen mehr Zwang als Lust hervorrufen. Besonders Ovidie hat sich intensiv mit Pornos beschäftigt und sagt: „Fellatio war ein Tabu, und jetzt ist es obligatorisch; das heißt, wir sind vom moralischen Verbot direkt zu einer Verpflichtung übergegangen. Der Tenor der Jugend ist: Wir müssen alles ausprobieren und wir müssen sexuell sehr freizügig sein.“ Natürlich gibt es neue Lebensformen wie Polyamorie. Tinder-Dates haben die Suche nach dem schnellen Glück vereinfacht. Und Pornos schaut sich wohl auch jeder an. Dennoch – man sollte nicht übersehen, dass vieles davon neue Normen der Unterdrückung des Weiblichen etabliert.  Denn auf leicht zugänglichen Pornoseiten informieren sich heute Jugendliche, was wohl beim Sex zu machen ist, wenn man es so richtig gut machen will. Und wie das Geschlechtsteil auszusehen hat. So ist eine Generation von Frauen herangewachsen, die, unter dem Druck der geschönten Bilder von Frauenkörpern, der Furcht, von körperlicher Norm abzuweichen, nicht standhalten kann. In jungen Jahren schon lassen sie sich also, trotz der vermeintlichen sexuellen Freiheiten, in bizarre Schönheitszwänge führen. Sie leben einen Enthaarungskult, und immer mehr Frauen lassen ihre Vulva mittels Schönheits-OP an das neue Ideal anpassen. Manche davon sind minderjährig. Die kindgleiche, genormte Vulva als Zeichen für die zivilisierte Frau, die Kontrollierbare, die mit der geringen Lust. Oder mit der Lust, die nur dann zum Tragen kommt, wenn der Mann es will.

So ist eine Generation von Frauen herangewachsen, die, unter dem Druck der geschönten Bilder von Frauenkörpern, der Furcht, von körperlicher Norm abzuweichen, nicht standhalten kann.

Auf der anderen Seite gibt es immer noch den Kampf gegen das grausamste Werkzeug einer Gesellschaft, um Frauen zu unterdrücken: die rituelle Beschneidung der Vulva. Die Senegalesin Fatou Mandiang Diatta rappt unter ihrem Künstlernamen „Sister Fa“ gegen die Genitalverstümmelung im Namen der Familienehre an. Es ist die ultimative Kontrollwaffe gegen die Frauen unter dem Deckmantel der vermeintlichen Hygiene. Es betrifft immer noch 94 Prozent der Mädchen in ihrem Land. Wie immer, wenn es um Rechte geht, geht es um Wissen. „Und langsam, langsam beginnt ein Umdenken“, meint die Künstlerin.

Ein langer Weg. Ein anderes, sehr emotionales Feld ist die Sexualität der Frauen in Bezug auf die Religion, der sie zugehörig sind. Die Aktivistin Seyran Ateş plädiert für eine sexuelle Revolution des Islam und die Gleichstellung von Mann und Frau als Grundpfeiler und Wegbereiter für demokratische Verhältnisse. Die deutsche Rechtsanwältin, Autorin und Frauenrechtlerin türkischer und kurdischer Abstammung beschäftigt sich mit der Frage: Welche Rolle spielen bei der Bewertung der Frau und ihrer Sexualität die patriarchalen Strukturen und männlich geprägten Weltreligionen? Im Moment noch die maßgebliche. Ein langer Weg ist noch zu beschreiten, manchmal ist er sogar lebensbedrohlich. Ateş hat einen Anschlag auf ihre Beratungsstelle nur knapp überlebt und kann sich seitdem nur noch mit Personenschützern durch ihre Stadt – Berlin – bewegen. Seyran Ateş: „Die Frau, die ich beraten habe, ist gestorben. Ich wurde sehr schwer verletzt. Die Kugel steckte im Hals. Dieser Anschlag war ein Anschlag gegen das Selbstbestimmungsrecht von Frauen.“ Wie kann sich Weiblichkeit als das, was sie ist, darstellen, ohne dafür bestraft zu werden? Der erste Schritt dazu wäre wohl die Anerkennung von Diversität – der Meinungen, der Bedürfnisse und des Aussehens. Auch jener der Vulven.

Die kindgleiche, genormte Vulva als Zeichen für die zivilisierte frau, die kontrollierbare, die mit der geringen Lust.

Aber stimmt das auch? Führen ein Ausmalbuch mit Vagina-Mandalas und ein Vulva-Watching-Seminar zur inneren und äußeren Befreiung? Oder hat die Auseinandersetzung mit einem bis dahin relativ unentdeckten Körperteil nur zur Folge, dass es an der Frau etwas Neues zu optimieren gibt?  „Viva La Vulva“ versucht, Antworten zu geben.

dunkler kontinent

Viva la Vulva Gabriele Schweiger ist eine in Wien lebende Filmemacherin. Dokumentarfilme u. a. „Die Lust der Frauen“ und „Die Lust der Männer“ (2010/2012).

10. Oktober 2019