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Gerhard Berger: All those years ago

Er war neben Niki Lauda der erfolgreichste Formel-1-Fahrer Österreichs, fuhr 210 Rennen, gewann zehn davon und war der bestbezahlte Rennfahrer seiner Zeit: Heute leitet Gerhard Berger ein Transport- und Logistikimperium in Tirol mit 500 Mitarbeitern, hat die DTM-Rennserie übernommen und ist gerade Großvater geworden. Im OOOM-Gespräch erzählt er über sein neues Leben in Tirol, die Schwierigkeiten als Patchwork-Familie, seinen Freund Niki Lauda, warum die Formel 1 meistens langweilig ist– und wie Ex-Beatle George Harrison kurz vor seinem Tod inkognito zwei Monate bei ihm in Söll im Tirol lebte.

GEORG KINDEL22. Dezember 2020 No Comments
Gerhard Berger

Sie galten als Draufgänger.
Zu meiner Zeit haben wir viel Blödsinn gemacht. Das haben sie dann in der Presse gebracht und das hat ein buntes Bild ergeben. Heute mit Social Media geht alles noch viel schneller. Man ist auch viel transparenter. Daher muss man entsprechende Vorsicht walten lassen, gerade auch, was die Maßgaben der Markenhersteller betrifft. Es gibt leider heute nur wenige, die es sich leisten können, sich über alles hinwegzusetzen. Aber gerade Authentizität kommt bei den Fans gut an, auch eine gewisse Unberechenbarkeit. Dazu gehören natürlich in unserem Sport auch Unfälle und „harte Nummern“. Natürlich wünscht sich niemand Verletzte, aber trotzdem gehen die Einschaltquoten bei spektakulären Situationen und Unfällen immer hoch. Aber, dass man beim Rennen nach der ersten Kurve weiß, wie es ausgeht, das wollen die Fans auch nicht.

Unfälle und “Harte Nummern” gehören auch zum Motorsport. Dass man nach der ersten Kurve weiss, wie es ausgeht, will niemand.

Sehr provokant und zynisch gefragt: Würden mehr Tote der Quote gut tun?
Nein, Tote und Verletzte sind was Schreckliches und nicht akzeptabel. Unser Sport ist über die Jahre hinweg sehr sicher geworden, dafür können wir der FIA sehr dankbar sein. Aber die Reichweiten steigen einfach, wenn Unfälle passieren. Das kann man kritisieren, aber es ist Fakt. Ich glaube jedoch nicht, dass man gut daran täte, Tote gegen Reichweite zu tauschen.

Wir leben in einer Zeit des Klimawandels. Ist es da noch zeitgemäß, mit aufgemotzten Motoren gegeneinander anzutreten?

Das muss man differenzierter betrachten. Der Motorsport ist im Umbruch und muss einen Wandel durchmachen, um den erforderlichen Nachhaltigkeitsanspruch besser darzustellen. Es sind auch nicht die Rennautos allein, die die Umweltverschmutzung verursachen. Im Rennsport wird mit modernsten Motoren gefahren, die minimale Abgaswerte produzieren. Die große Herausforderung ist die Logistik, die mit den globalen Events verbunden ist und daran muss gearbeitet werden. Die Alternative wäre: Keine Events mehr. Aber das kann auch keine Lösung sein.

Ist die Formel 1 zum Scheitern verurteilt?

Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil, es wird jetzt gerade nur nicht gut gemacht. Es gibt da ein klares Gegenbeispiel: MotoGP boomt
und ist für Hardcore-Motorsport- Fans das Maß der Dinge. Dort gibt es spektakuläre Szenen, die gottseidank immer wieder glimpflich ausgehen. Das Beeindruckende ist auch, dass die Sportler dort nach spektakulären Abstiegen oder dem ein oder anderen Knochenbruch wieder schnell in der Kraftkammer sitzen und an den Start gehen.

Hätten Sie nach Bernie Ecclestone gerne die Formel 1 übernommen?

Nein, überhaupt nicht. Erstens ist das ein sehr großer Schuh. Von meinem Profil her würde es zwar passen: Ich bin selbst Formel 1 gefahren, war Teambesitzer, bei der FIA, Motorsportdirektor bei BMW und habe auch gutes Wissen zusammengesammelt, aber trotzdem: Nein. Ecclestone hatte eine unternehmerische Aufgabe. Aber jetzt ist das Unternehmen nicht mehr von einem Unternehmer geführt, sondern von einem Manager. Heute gibt es ewige Meetings, die aufgrund der Struktur sehr oft zu keinem Ergebnis kommen, weil meist ein einstimmiger Beschluss erforderlich ist. Deshalb ist die Entscheidungsfindung in der Formel 1 auch viel zu langsam. Das müsste man künftig ändern. Die kurzen Entscheidungswege in der DTM sind ein großer Vorteil und unter anderem ein Grund, warum ich mich auch für die DTM entschieden habe. Abgesehen davon möchte ich nicht mehr zu 21 Rennen um die Welt reisen. Ich kann auch nicht parallel dazu eine Firma mit 500 Leuten leiten und für meine Familie und die kleinen Kinder da sein.

22. Dezember 2020