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Gernot & Heike Heinrich: Neue Freyheit in Orange

Kabarettist Thomas Maurer schreibt in OOOM über Gernot und Heike Heinrich, die zu Österreichs besten Winzern gehören. Ihre Devise: Weniger ist mehr. Weniger raffinierte Kellertechnik oder neues Holz, stattdessen mehr Respekt vor natürlichen Entwicklungen im Weingarten. Mit biologischer Landwirtschaft und biodynamischer Produktion gehören sie zu Österreichs Pionieren des „Orange Wine“.

Thomas Maurer8. Mai 2019 No Comments
neue freyheit ooom magazin

In den späten Achtziger- und frühen Neunzigerjahren war Österreichs Weinlandschaft im Umbruch. Der Weinskandal war überstanden und eine junge Winzergeneration machte sich daran, das Rad neu zu erfinden. Im Rotweinbereich bedeutete das vor allem das Auspflanzen internationaler Sorten wie Merlot und Cabernet und einen stilistischen Wandel hin zum Geschmacksideal des damals global fast unangefochten herrschenden Weinpapstes Robert Parker: dichte, dunkle, schwere Weine, die von massivem Einsatz neuer Holzfässer geprägt waren. „Barrique“ arrivierte zu einer Art Synonym für „Qualität“, und wer immer damals in Österreich Rotwein machte, orientierte sich am Geschmacksbild von Bor­deaux und Neuer Welt.

Die biodynamische Produktion der Heinrichs folgt den anthroposophischen Ideen Rudolf Steiners.

Kaum jemandem gelang das so überzeugend wie Gernot und Heike Heinrich; der Betrieb boomte und Weine wie der „Gabarinza“ und später der „Salzberg“ erlangten Kultstatus.

Weniger ist mehr. Andere wären damit zufrieden gewesen. Im Hause Heinrich aber war es anders. Genau jene Mischung aus Neugierde, Tatkraft und Reflektiertheit, mit der sich das Weingut an die Spitze dieser Entwicklung gesetzt hatte, führte jetzt zu einem intensiven Nachdenkprozess darüber, wie man noch weiter gehen, noch besser werden könnte. Und die Antwort, auf die man kam, lautete: Nicht noch mehr, noch raffiniertere Kellertechnik, sondern weniger. Nicht noch mehr neues Holz, sondern weniger. Nicht weniger Respekt vor den Unwägbarkeiten von jahreszeitlichem Witterungsverlauf und natürlichen Entwicklungen im Weingarten, sondern mehr. Und so begann man, den Betrieb auf biologische Landwirtschaft umzustellen und das auch von Zulieferbetrieben zu fordern. Und irgendwann war auch das nicht mehr genug. Die Heinrichs – und mit ihnen fast alle Betriebe des assoziierten „Pannobile“-Verbandes – stellten ihre Produktion auf biodynamisch um.

Hohe Biodiversität. „Biodynamisch“ bedeutet, dass die Bewirtschaftung den anthroposophischen Ideen Rudolf Steiners folgt; eher esoterische Praktiken wie Homöopathie, Dynamisierung und Hornmist- bzw. Hornkiesel­Ausbringung gehören hier zur täglichen Praxis. Die Hauptsache für möglichst gesunde Böden aber sind eine hohe Biodiversität und ein möglichst naturnahes Umgehen mit den Gärten. Landwirtschaft ist nun einmal eine Kulturtechnik, und aus wilden Weinreben ließe sich nichts Trinkbares gewinnen. Gleichzeitig wurde kräftig investiert. Einerseits kamen eine Reihe neuer Weingärten am Leithagebirge dazu, die zwar nur ca. 10 Kilometer Luftlinie vom Golser Stammhaus entfernt liegen, aber völlig andere Böden und aufgrund der Bewaldung der Gipfel ein völlig anderes Kleinklima aufweisen. Und eine der wenigen unverrückbaren Traditionen bei den Heinrichs ist der Umstand, dass sie zu Möglichkeiten, neue Pfade abseits des Bewährten zu beschreiten, schlecht Nein sagen können.

Wer es gern radikaler hat, wird an der „Freyheit“-Kollektion nicht vorbeikommen.

Radikal Neues. Auch das Weingut wurde radikal neu gestaltet, eine riesige neue Halle kam dazu, die sich aber mit ihren vom Architektenduo propeller z gestalteten schiefen Flächen erstaunlich organisch in die weiche Golser Landschaft einfügt. Die Anlieferung der Trauben erfolgt ebenerdig, zwei darunter liegende Kellerstockwerke sorgen dafür, dass die Moste und Weine nicht umgepumpt werden müssen, sondern sanft der Schwerkraft folgend in die jeweils benötigten Behältnisse laufen können: eine Art Hi-Tech-Lo-Tech-Konzept.

Ausgebaut wird in gebrauchtem und – zunehmend weniger – neuem Holz sowie in Edelstahl; in letzter Zeit werden auch experimentellere Techniken wie der – eigentlich uralte – Ausbau in Tonamphoren verwendet, die aber nicht im Boden vergraben, sondern in eigens konstruierten, innovativen Ständern abgestellt werden. Sie ermöglichen es, die leeren Amphoren auf den Kopf zu stellen und mittels Hochdruckreiniger zu säubern. Mit diesen Bedingungen begannen sich auch die Weine zu verändern: Die von der Golser Seite sind immer noch geprägt von Wärme und charmanter Fruchtigkeit, aber zunehmend weniger vom ehemals allgegenwärtigen, mittlerweile von bösen Zungen auch schon als „Winzer-Maggi“ bezeichneten Barriqueausbau. Straffer sind sie geworden, funkelnder, aber auch fordernder als früher.

Leithaberg. Noch mehr gilt das für die Gewächse vom Leithaberg, wo Kalkböden für kreidige Kühle und Schieferböden für intensive, kantige Würze sorgen. Darüber hinaus hat die Erweiterung Richtung Leithaberg auch für eine deutliche Erweiterung des Heinrichschen Weißweinspektrums gesorgt. Die Heinrichs schwören bei ihren vergleichsweise klassischen Weißen auf einen sehr reduktiven, d. h. sauerstoffkontaktarmen Ausbau, der für enorme Haltbarkeit sorgt und die Notwendigkeit des Schwefelns Richtung null treibt. Typischerweise zeigen diese Weine dann in der Nase zunächst anstatt des gewohnten Fruchtbuketts Duftnoten nach Feuerstein oder Popcorn, was, wenn man erstmals auf diesen Weintyp stößt, irritierend sein kann. Es zahlt sich aber aus, sich über einen zweiten und dritten Schluck an dieses Geschmacks- und Aromenspektrum heranzutasten, der vierte und fünfte kommt dann meistens schon von ganz allein.

Da die Vergabe der österreichischen Weinprüfnummer eher konservativen Kriterien folgt, stehen die Chancen auf die rotweißrote Banderole für gemeinhin „Orange Wines“ genannte – mit langem Maischekontakt hergestellte und dadurch gerbstoffreichere und tiefer gefärbte – Weißweine denkbar schlecht, unabhängig von ihrer tatsächlichen Qualität. Unter „Freyheit“ firmieren im Betrieb Weine, die nach dem Weinrecht nur „Landwein“ sind, sich aber unter Liebhabern neuer Genuss­erlebnisse eines fabelhaften Rufes erfreuen. Die Heinrichs sind da wieder einmal Pioniere. Insofern bleibt eigentlich alles beim Alten.

8. Mai 2019