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Gönne dich dir selbst!

Es ist viel Druck und Spannung im Raum. Das ist nicht neu – unsere Welt war schon vor dem März 2020 VUKA: volatil, unsicher, komplex und ambivalent. Nun aber ist sie VUKA2. Ein Virus hat uns neue Unsicherheiten, Widersprüche, Verantwortungen und Einschränkungen gebracht. Auch viele Sorgen. Wir sind in der Pflicht, einen Lebensrhythmus zu finden, der die sich verändernden Rahmenbedingungen integriert und uns gleichzeitig in guter Balance und Verbindung mit uns selbst hält.

MATTHIAS STROLZ11. Januar 2021 No Comments
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So eine Krise ist eine fette Zumutung. Und sie ist gleichzeitig eine machtvolle Hebamme für das Neue. Denn das Neue braucht die Spannung, die Reibung, ja sogar die Angst, um sich vorzustellen. Noch in keinem Kreißsaal dieser Welt wurde neues Leben ohne Spannung und Reibung geboren. Und die Angst ist dabei eine wichtige Hinweisgeberin. Sie soll mit an der Tür stehen, wenn das Neue reinkommt. Wichtig ist allerdings, dass wir ihr nicht die Rolle der Reiseleiterin geben.

Lassen wir uns in Zeiten wie diesen nicht an die Wand drücken! Betreten wir keine negativen Spiralen und verweigern wir destruktive Gassen. Begrüßen wir Druck, Spannung und Angst als Hinweise darauf, dass auch in unserem Leben Neues Platz greifen will. Die Irritation ist die Mutter der Innovation. Und so viel Irritation wie aktuell hatten wir seit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr. Also wird es auch ein Ausbruch an Neuem sein, wie es die jetzt lebenden Generationen noch nicht erfahren haben. Es wird ein Ozean an Chancen und Gelegenheiten aufgehen. Für jede und jeden wird potenziell Gutes dabei sein. Wir müssen die Chancen nur sehen und dann auch fähig und willens sein, sie zu ergreifen. Dafür hilft ein „Piloten-Mindset“: Nein, wir sind nicht Passagiere des Lebens, wir sind Pilotinnen und Piloten! Wenn es rumort und zwickt, lasst uns nicht in die Ohnmacht, die Depression oder die Ignoranz gehen. Schauen wir auf die Zukunft nicht als einen Raum, den wir willenlos als Opfer betreten. Nein, wir sind Menschen, schöpferische Wesen! Die Zukunft ist ein Raum, den wir mit erschaffen.

Wenn die Welt verrückt spielt, sind wir angehalten, uns gut um uns selbst zu kümmern. Nicht aus Egoismus, sondern aus menschlicher Pflicht. Denn wer sich liebevoll um sich selbst kümmert, kümmert sich um die ganze Welt. So wie die Selbstliebe die Basis für gelingende Beziehungen ist, so legen wir mit Selbstfürsorge das Fundament, um uns kraftvoll in die Gemeinschaft einzubringen. Also: Tue dir Gutes und gönne dich dir selbst! Vor zwei Jahren zog ich mich für eine Fastenwoche ins Kloster Pernegg in Niederösterreich zurück. Nach einigen Jahren Pause war ich endlich wieder hier – für einen Einkehrschwung bei mir selbst. Wellness für Körper, Geist und Seele. Ein „Zu-mir-Kommen“. Mitte der Woche führte uns Pater Sebastian, der Chef des Hauses, durch das Kloster.
Wir standen im Karner, einer Kapelle, die früher zur Aufbewahrung von Gebeinen genutzt wurde. Er gratulierte uns zur Einkehr und mahnte: „Jawohl, gönne dich dir selbst! Das ist der Auftrag an uns. Der Ordensgründer Bernhard von Clairvaux hat das schon vor 1.000 Jahren an seinen ehemaligen Schüler geschrieben, an den Papst.“

Dieses „Gönne dich dir selbst!“ hallte laut nach. Ich begann den erwähnten Brief zu recherchieren. Ein herrliches Stück. Wir können es zur Kunstfertigkeit machen, bewusst und positiv auf die Beschaffenheit unseres Alltags einzuwirken, meinte von Clairvaux. „Es ist viel klüger, du entziehst dich von Zeit zu Zeit deinen Beschäftigungen, als dass sie dich ziehen und dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem du nicht landen willst“, schrieb er an Papst Eugen III., seinen früheren Schützling. Wir sollen üben, zu uns selbst gut zu sein: „Wer mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denk also daran: Gönne dich dir selbst. Ich sage nicht: Tu das immer, ich sage nicht: Tu das oft. Aber ich sage: Tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen.“

Matthias Strolz gründete die politische Partei NEOS. Er ist Portfolio-Unternehmer, freier Publizist, Leadership-Begleiter und Mitgründer von story.one.

11. Januar 2021