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Geschwister Thurner: Grasgeflüster

Sie wirken wie smarte BWL-Absolventen. Dabei sind die Geschwister Thurner eine große Nummer in Österreichs Hanfgeschäft – jeder in seinem Metier: Patrick setzt als Arzt auf das wiederentdeckte Cannabis und baut es als Landwirt selbst an, Bettina ist Pharmazeutin und Alexander hat sich mit seinem Start-up „A-WARE Nutrition“ auf die Erzeugung von Hanfsamen und Cannabisblütenextrakten spezialisiert. Die drei Akademiker sind zeitgerecht in einen Milliardenmarkt eingestiegen, bei dem allein in Österreich rund 300.000 Menschen regelmäßig Cannabis zur Selbsttherapie konsumieren. Legalisierungen auf der ganzen Welt bringen eine Pflanze, die lange in Verruf war, in die gesellschaftliche Mitte: als neues „Wundermittel“ für Körper und Geist.

Claudia Huber8. Mai 2019 No Comments
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Das Anwesen der Familie Thurner im steirischen Greinbach, rund 40 Kilometer nordöstlich der Landeshauptstadt Graz, hat eine stattliche Größe: ein Bauernhof, in dem die Ochsen schon früh am Morgen zu hören sind, daneben das alte Bauernhaus, hinter dem Gut ein großes Hanffeld, das zu dieser Jahreszeit aber noch auf seine Bepflanzung wartet. Nur der Sonnenhof, der gemütliche, mehrstöckige Gasthof gegenüber mit angeschlossener Drei-Sterne-Pension, gelber Fassade, viel Holz und einem Giebeldach, den Mutter Josefa früher führte, steht. Die Kinder der Familie haben andere Pläne – Gastwirt sein gehört nicht dazu. Seit über vier Jahren wohnen Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak in den Fremdenzimmern, die Gaststube steht leer. Hier soll später das Herzstück der eigenen Hanfverarbeitung entstehen. Bereits jetzt ist dort der Thurnersche Hanfshop mit eigenen Erzeugnissen untergebracht. Denn die nächste Generation hat viel vor.

Die Drei. Patrick, 35, ist Allgemeinmediziner und ordiniert fünfmal die Woche in seiner modernen, mit viel Holz und beigem Leder ausgestatteten Praxis in der 6.600-Einwohner-Gemeinde Hartberg. Schon beim Eingang sticht ein großer „A-WARE“-Aufsteller ins Auge. Patrick Thurner gilt neben dem Wiener Mediziner Kurt Blaas als Österreichs erste Adresse in Sachen Cannabis. Auf DocFinder preisen ihn seine Patienten als den „besten Hausarzt der Welt“ und bewerten ihn mit 4,5 von 5 möglichen Punkten. Ein Arzt, der seine Patienten zu verstehen scheint – und ihre Leiden zu lindern weiß, wenn vielleicht auch manchmal auf unkonventionelle Weise.

Hanf-Start-up. Bruder Alexander, 28, macht nach Abschluss seines Jus-Studiums gerade sein Gerichtsjahr. Doch seine Leidenschaft liegt bei seinem Start-up „A-WARE Nutrition“, das sich auf Hanfprotein spezialisiert hat, das zu wohlschmecken­den Shakes verarbeitet wird. Auch Hanfmehl zum Backen wird produziert. THC mit seiner psychoaktiven Wirkung ist in keinem der Produkte nachweisbar. Sie sollen stattdessen für eine bessere Energieversorgung, nachhaltige Gewichtsreduktion und eine Senkung des Cholesterinspiegels sorgen. Das Proteinpulver gibt’s im hauseigenen Hanfshop in Greinbach ebenso wie im Webshop um wohlfeile EUR 18,90, Kokosblütenzucker im 400-Gramm-Paket inklusive. Aber auch ein Himbeer-Erdnussbutter-Hanfproteinriegel um EUR 2,90 oder ein Protein-Müsli Hanf und Crunch (EUR 9,90) sind im Angebot.

Dritte im Bunde ist Schwester Bettina, 34, die hauptberuflich als Pharmazeutin in der Paracelsus-Apotheke Hartberg arbeitet. Im Familiengeschäft produziert Patrick, der Arzt, als Nebenerwerbslandwirt den Hanf, Bettina berät als Pharmakologin bei der Aufbereitung und Alexander, der Entrepreneur, kümmert sich um Marketing, Vertrieb und den Absatz der Produkte. Ein perfektes Hanf-Family-
Business.

Vermarktungsprofis. In puncto Vermarktung sind die Thurners echte Profis. Zu dritt haben sie das Buch „Heilender Hanf: Cannabis – die wiederentdeckte Naturmedizin“ (Kneipp-Verlag) verfasst und erklären darin nicht nur die gesunden und heilenden Substanzen wie etwa Cannabinoide im Hanf, sondern liefern damit auch den wissenschaftlichen Unterbau für ihr eigenes Geschäft. Stellte man sich früher kiffende Alt-Achtundsechziger in Birkenstock-Schlapfen und Hippie-Stirnband als klassische Hanfbauern vor, so ist das Business heute in der Hand cleverer junger Unternehmer, die strategisch denken, das große Geschäft wittern und dabei ganz vorne mitmischen wollen.

Der Beginn. 2014 begannen die Geschwister Thurner, zunächst auf einer kleinen Fläche Hanf anzubauen – ursprünglich nur für das Hanfprotein, um daraus Sportlernahrung herzustellen. Auf die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten kamen sie erst später. Patrick wandte den Wirkstoff bei einer Patientin im Altersheim an und konnte den Erfolg kaum glauben. Die Frau blühte regelrecht auf. Bettina vertrieb von da an CBD auch in ihrer Apotheke.

Mitten im Hype. Nun ist man im fünften Anbaujahr und produziert und verkauft nicht nur Hanfmehl und Hanfprotein, sondern auch eigenes CBD-Öl. Der Herbst 2018 markierte die Spitze des Cannabis-Hypes. Der Wirkstoff CBD war in aller Munde, Shops schossen wie die sprichwörtlichen Pilze aus dem Boden, die in stilisierten grünen Pflanzenlogos andeuten, was sich im Inneren befindet. Mehr als 250 Läden gibt es allein in Österreich. Die Konditoreikette „Aida“ bot kurzfristig CBD-Brownies an, fotogerecht verziert mit Marzipan-Hanfblatt. Kaum eine Zeitung spekulierte nicht über die neuen Geschäftsmodelle, die politischen Reaktionen und die generelle Legalisierung.

Legale Modedroge. Die meisten Schlagzeilen schrieb dabei das CBD, ein nicht psy­choaktives Cannabinoid der Cannabispflanze, das also nicht high macht. Anders als das schon länger bekannte THC, das zum Kif­fen verwendet wird und nach wie vor im deutschen Sprachraum nicht frei erhältlich ist. Rund 150 Millionen Euro soll der Umsatz mit CBD-Produk­ten in Österreich bereits ausmachen, Tendenz stark steigend. Extrahiert wird der Wirkstoff aus dem sogenannten „Industriehanf“, bei dem der THC-Gehalt extrem niedrig auf unter 0,3 Prozent gebracht wird. Die verarbeiteten Produkte dürfen dann z. B. in Kapsel-, Öl- oder Teeform erworben werden. CBD kann entkrampfend wirken und die Adrenalinausschüttung regulieren sowie Stresssymptomen und Schmerzzuständen entgegenwirken. Für die Generation Leistungsgesellschaft und Risikogruppe Burnout, Senioren mit Altersgebrechen, aber auch für Katzen und Hunde ist das CBD eine Art legale Modedroge geworden. Überdosis quasi unmöglich.

Problembehaftet. Auf den Verpackungen findet man diese vielen positiven Nutzungshinweise allerdings nicht. Denn die meisten Produkte sind offiziell Nahrungsergänzungsmittel, keine Arzneimittel, wobei CBD laut der Österreichischen Agentur für Ernährungssicherheit (AGES) die Definition eines Nahrungsergänzungsmittels nicht erfüllt und deshalb bisher nur als Aromaprodukt beworben und verkauft werden dürfte. Viele CBD-Shops stehen mittlerweile wegen mangelnder Qualitätskontrollen – bedingt durch den schnellen Boom am Markt – in der Bredouille. Regierungen und Behörden, darunter auch die österreichischen, reagieren hart.

8. Mai 2019