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Geschwister Thurner: Grasgeflüster

Sie wirken wie smarte BWL-Absolventen. Dabei sind die Geschwister Thurner eine große Nummer in Österreichs Hanfgeschäft – jeder in seinem Metier: Patrick setzt als Arzt auf das wiederentdeckte Cannabis und baut es als Landwirt selbst an, Bettina ist Pharmazeutin und Alexander hat sich mit seinem Start-up „A-WARE Nutrition“ auf die Erzeugung von Hanfsamen und Cannabisblütenextrakten spezialisiert. Die drei Akademiker sind zeitgerecht in einen Milliardenmarkt eingestiegen, bei dem allein in Österreich rund 300.000 Menschen regelmäßig Cannabis zur Selbsttherapie konsumieren. Legalisierungen auf der ganzen Welt bringen eine Pflanze, die lange in Verruf war, in die gesellschaftliche Mitte: als neues „Wundermittel“ für Körper und Geist.

Claudia Huber8. Mai 2019 No Comments
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Zurück auf der Agenda. Wie es um die Zukunft der Shops bestellt ist, ist ungewiss. Österreichs Sozialministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ) kündigte an, das Geschäft mit cannabidiolhaltigen Produkten strenger regulieren zu wollen. Verboten werden soll der Handel mit CBD-haltigen Lebensmitteln, Süßwaren, Nahrungsergänzungsmitteln oder Hanftees, die den Wirkstoff enthalten. Da CBD jedoch als Aroma­produkt gehandelt wird, könnte dieses juristische Schlupfloch wahrscheinlich weiterhin bestehen.

Eines hat der Boom der letzten Monate aber sicher erreicht: Cannabis wurde zum großen Medienthema. Ebenso brachte die Cannabis-Freigabe in einigen Bundesstaaten der USA die Diskussion über Marihuana wieder stärker ins Rollen. Immer mehr Stars melden sich zu Wort: Jennifer Aniston, Morgan Freeman, Justin Timberlake oder Susan Sarandon sagen offen, dass sie selbst gekifft haben und für die Legalisierung sind. „X-Men“-Star Patrick Stewart verriet, täglich Cannabis gegen Arthritis zu verwenden.

Whoopi macht in Gras. Oscarpreisträgerin Whoopi Goldberg gründete vor drei Jahren sogar selbst eine Firma, die Cannabis für Frauen mit Menstruationsbeschwerden produziert. „Whoopi and Maya“ bietet Balsam, Tinkturen und Badezusätze an, die nicht high machen, aber Frauen fit für ihren Alltag. „Ein Freund hat zu mir gesagt, das sei doch ein Nischenmarkt“, schildert Goldberg ihre Anfänge. „Ich habe geantwortet: 50 Prozent der Welt nennst du einen Nischenmarkt?“

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Für die Generation Leistungsgesellschaft ist CBD zu einer Art legalen Modedroge geworden. Auch Katzen und Hunde zählen neuerdings zur Klientel.

Die Arme gebunden. Patrick Thurner weiß, dass die Pflanze viel kann, bei uns aber eindeutig noch zu wenig darf. Als Arzt kann er Patienten Cannabis verschreiben, ist aber in seinem Wirkungsfeld extrem eingeschränkt. Neben den CBD-Produkten, die er gegen Schlafstörungen oder Nervosität verschreibt, kann er THC zum Beispiel als Dronabinol-Tropfen erst sehr spät einsetzen: „Bei der Schmerztherapie muss man oft erst die ganze Reihe an Medikamenten durchgehen, bis zum Schluss das THC kommt.“ Eine Niederlage, wenn man bedenkt, dass in manchen Fällen sogar Opiate, die in Amerika eine regelrechte Abhängigkeitskrise ausgelöst haben, früher eingesetzt und von der Krankenkasse mitbezahlt werden. „Dieser Umstand“, so Thurner, „lässt sich wohl nur mehr geschichtlich erklären. Das Verbot hat sich in den Köpfen der Menschen verankert und viele Faktoren spielen eine Rolle, die aber kaum den Patienten in den Mittelpunkt stellen.“ Studien vor allem aus Ländern wie Israel, die medizinisches Can­na­bis schon lange anwenden, bescheinigen extrem gute Wirkungsweisen. In Europa sind viele klinische Studien, die bei Gesetzesentscheidungen eine gewichtige Rolle spielen könnten, aber noch in Entwicklungsstadien und kämpfen um die Finanzierung.

Der Cannabis-Doc. Für Kurt Blaas, Österreichs erfahrensten Cannabis-Experten unter den Medizinern und laute Stimme des Legalisierungslagers, ist dieser Umstand fatal: „Lediglich Menschen mit metastasierenden Tumoren, chronischen Schmerzen, fortgeschrittener Multipler Sklerose, schweren Depressionen oder palliativen Behandlungen bekommen THC-Produkte von den Kassen finanziert – absolute Extremfälle also.“ Hier sei nicht nur eine ethische Entscheidung zu treffen, es gehe auch ums Geld: Chemotherapeutika sind teuer, jeder Tag im Krankenhaus ein Luxus. Jemandem daher eine 2.000-Euro-Therapie nicht zuzugestehen sei ein für ihn „aberwitziges Unterfangen“. Doch Cannabis habe keine Pharmalobby hinter sich – und Chemos sind für die Pharmaindustrie ein Milliardengeschäft.

Cannabis für alle? Die Skepsis bleibt. Wenige Ärzte bieten Cannabismedizin an, die Patienten hingegen sind dem viel zugänglicher, weiß Patrick Thurner: „Der Patient denkt sich: Wenn mein Arzt mir Hanf verschreibt, ist er offen für alternative Therapien.“ Warum also diese zögerliche Haltung? „Hanf ist nicht nur eine Substanz, Hanf ist nicht nur ein Medikament, Hanf ist ein Gefühl“, sagt Kurt Blaas. Und dieses Gefühl sei bei jedem anders. „Es kommt darauf an, was im eigenen Lebensumfeld passiert. Wenn die Großmutter Schmerzen wegen eines Tumors hat und der Nachbarin das THC schon gut geholfen hat, wird man sich dem nicht verwehren. Eine Mutter mit einem 17-jährigen Sohn hat vielleicht Angst, der Teenager könnte zum Kiffen verleitet werden.“ Das Problem ist: Der Missbrauch der Substanz wird mit der medizinischen Verwendung verwechselt. Die Welt würde durch eine generelle Freigabe von Cannabis und THC „nicht untergehen“, meinen die Ärzte Thurner und Blaas unisono. Das zeigen auch Beispiele amerikanischer Städte, in denen sich die Zahl der Konsumenten nach der Öffnung nur unmerklich vergrößert hat, während Steuer­einnahmen auf die ehemalige Schwarzmarkt-Substanz kontinuierlich wachsen. Über 266 Millionen Dollar konnte der US-Bundesstaat Colorado 2018 allein durch die Steuer auf Marihuana einnehmen. Mit dem Geld werden Schulen, Wohnungen und Missbrauchsprävention finanziert.

Jennifer Aniston, Susan Sarandon, Justin Timberlake, Morgan Freeman … – Die Liste der prominenten Kiffer, die für eine Legalisierung sind, ist lang.

Kiffen statt Fremdgehen. Das Stigma gegenüber Kiffern hält sich dennoch hartnäckig, obgleich es eine hohe Dunkelziffer gibt. 15.000 bis 20.000 Menschen werden in Österreich offiziell durch Cannabismedizin versorgt, bis zu 300.000 würden es aber tatsächlich aus Selbsttherapiezwecken konsumieren, so Mediziner Blaas. „Um sich dem Stress, der ihnen in der Arbeit und im Privaten begegnet, stellen zu können. Dann geht der Manager nicht abends ins Wirtshaus, betrügt seine Frau oder schreit mit seinen Kindern, sondern raucht eben in einem stillen Moment sein Gerät“, erklärt der Arzt. Die Zahl jener, die es gerne möchten, aber keinen Zugang finden, liegt wahrscheinlich an der Millionengrenze. Auch die Geschwister Thurner meinen, dass der private Cannabiskonsum enorm sei und man illegale Konsumenten nicht negieren dürfe. In Thurners Praxis reden Jugendliche, die Cannabis konsumieren, offen mit ihm darüber, ohne Angst haben zu müssen, stigmatisiert zu werden: „Man darf es nicht unterstützen, aber die Negierung ändert nichts daran, dass geraucht wird.“

Ausblick für die Zukunft. Während in Österreich eine Freigabe in weiter Ferne ist, haben andere Länder entschieden: Bevor Cannabinoide am Schwarzmarkt verkauft werden, will man sie lieber günstig in der Apotheke anbieten, kann Steuergelder damit einnehmen und bevormundet niemanden. Das Risiko, körperlich abhängig zu werden, sei bei Cannabis gleich null, psychische Abhängigkeit passiert nur bei regelmäßigen sehr hohen Dosierungen. „Das CBD ist das nationale Weihwasser Österreichs“, schlussfolgert der Wiener Arzt Kurt Blaas. Ob man das später einmal auch über Cannabis sagen wird.

Fotos: Roland Unger

8. Mai 2019