Arts & Design

Günter Brus: Nach dem Sturm

Günter Brus gilt als radikalster Vertreter des Wiener Aktionismus. Der Kunst-Weltstar, dessen Werke von der Tate in London bis zum Centre Pompidou in Paris ausgestellt werden, urinierte, defäkierte und masturbierte bei seinen Aktionen und fügte sich mit Rasierklingen tiefe Wunden zu. Einer sechsmonatigen Haftstrafe nach der legendären „Uni-Ferkelei“ 1968 in Wien entkam er nur durch Flucht ins Berliner Exil. Brus’ Werke wurden bei der documenta 5, 6 und 7 gezeigt, seit 2011 hat er mit dem BRUSEUM sein eigenes Museum in Graz. OOOM besuchte den Künstler in seinem Atelier in Graz und sprach mit ihm über Tabus, Exzesse, Schmerz, Zerstörungswillen, Nazis, Radikalität, die Suche nach Neuem – und warum seine Frau Ana immer an ihn glaubte.

Gerald Matt30. Juli 2020 No Comments
Günter Brus, Nach dem Sturm

Anlässlich Ihres 80sten Geburtstags richtete das Belvedere 2018 eine große Ausstellung zu Ihren Ehren aus: „Die Unruhe nach dem Sturm“. Ein Titel, der Ihre momentane Gefühlslage ausdrückt? Oder ist Unruhe die Voraussetzung, um künstlerisch arbeiten zu können?

Ja. Meine Unruhe ist altersbedingt geschwächt, aber sie ist noch vorhanden. Ich könnte die Hände in den Schoß legen, aber ich bin ein Maniac, ich muss etwas machen. Heute schreibe ich vornehmlich und mache Illustrationen für ein imaginiertes Buch.

Unlängst ist Ihr neues Buch „Von nirgendwo her bis irgendwo hin“ erschienen. Das klingt nicht danach, angekommen zu sein?

Ich bin nicht angekommen, in meinen Texten wird nicht angekommen.

Sie kommen aus Ardning in der Steiermark, ist das das Nirgendwo?

Ich war dort bei meinen Großeltern. Mein Vater hatte ein Wirtshaus in Mureck aufgemacht, meine Eltern waren überlastet und wollten mich loswerden. Bei Nacht und Nebel hat mein Großvater mich dann zu sich geholt. Nach einigen Wochen hat mich mein Vater zurückgebracht. Nirgendwo war das nicht, aber labil, unstet war es schon.

Aus welchem Umfeld kommen Sie? Spielte Kunst in Ihrer Familie eine Rolle?

Mein Vater war ein begabter Amateurmaler, fern von Kitsch. Aber wir nahmen das nicht so ernst. Später bekam mein Vater eher die negativen Seiten meiner Karriere, die Skandale mit, den großen Erfolg erlebte er leider nicht mehr.

Vor rund 25 Jahren wurden Sie nach der Wiener Uni-Aktion „Kunst und Revolution“ wegen Herabwürdigung der österreichischen Staatssymbole angeklagt und verurteilt. Sie galten als Enfant terrible der Wiener Kunstszene der 1960er-Jahre und mussten ins Berliner Exil. Heute gibt es ein eigenes Brus-Museum, das Bruseum. Im Jahr 1996 erhielten Sie den „Großen Österreichischen Staatspreis für Bildende Kunst“ für Ihr Lebenswerk und später den Kokoschka-Preis. Eine Genugtuung oder eher eine Ironie der Geschichte?

Ich schätze Kokoschka überaus. Er wird heute zu Unrecht hinter Schiele gereiht. Seine Porträts sind ungeheuer modern. So habe ich mich am meisten über den Oskar- Kokoschka-Preis gefreut. Ich habe ihn auch getroffen und er sagte zu mir: „Werden Sie mir ja nicht abstrakt.“ Ansonsten geht es mir wie Kokoschka, der nie wieder nach Österreich kommen wollte und dann den Bundespräsidenten und die Staatsoper malte. Die Aktion in der Uni war alle Grenzen überschreitend und die Auswirkungen in der Tagespresse waren brutal. Die Verhandlung und Verurteilung jedoch erfolgten unter Ausschluss des Kunstbegriffes. Ich wurde ja nicht als Künstler angesehen. Doch das ist nicht mein Problem, das ist das Problem der Republik. Aber jede Auszeichnung ist erfreulich, insbesonders, wenn sie mit Geld einhergeht. Wer anderes behauptet, lügt.

Download von www.picturedesk.com am 09.07.2020 (11:10).
>Direct Art Festival<. Aktion von Otto Muehl und G¸nter Brus. Porrhaus. Wien. 1967. Photographie – 19670101_PD4100 – Rechteinfo: Rights Managed (RM) Nur f√ºr redaktionelle Nutzung!

30. Juli 2020