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Günter Brus: Nach dem Sturm

Günter Brus gilt als radikalster Vertreter des Wiener Aktionismus. Der Kunst-Weltstar, dessen Werke von der Tate in London bis zum Centre Pompidou in Paris ausgestellt werden, urinierte, defäkierte und masturbierte bei seinen Aktionen und fügte sich mit Rasierklingen tiefe Wunden zu. Einer sechsmonatigen Haftstrafe nach der legendären „Uni-Ferkelei“ 1968 in Wien entkam er nur durch Flucht ins Berliner Exil. Brus’ Werke wurden bei der documenta 5, 6 und 7 gezeigt, seit 2011 hat er mit dem BRUSEUM sein eigenes Museum in Graz. OOOM besuchte den Künstler in seinem Atelier in Graz und sprach mit ihm über Tabus, Exzesse, Schmerz, Zerstörungswillen, Nazis, Radikalität, die Suche nach Neuem – und warum seine Frau Ana immer an ihn glaubte.

Gerald Matt30. Juli 2020 No Comments
Günter Brus, Nach dem Sturm

Download von www.picturedesk.com am 09.07.2020 (11:10).
Prozess gegen G¸nter Brus; Otto Muehl und Oswald Wiener nach der Aktion >Kunst und RevolutionUni Ferkelei< vor einem Wiener Geschworenengericht. Wien. 31. Juli 1968. Photographierozess gegen – 19680731_PD0217 – Rechteinfo: Rights Managed (RM) Nur f√ºr redaktionelle Nutzung!

Sie kamen mit 18 nach Wien. Wie war das Leben und das Lebensgefühl eines jungen Künstlers? Welcher Zeitgeist herrschte damals?

Zunächst ersparte ich mir die Aufnahmsprüfung. Eine Gutachterin der Kommission teilte mir mit, nachdem sie meine eingereichten Arbeiten gesehen hatte: „Sie brauchen keine Aufnahmsprüfung zu machen. Machen Sie sich einen schönen Tag in Wien.“ Das war mein Einstieg. Dass Wien grau, miefig und spießig war, ist kein Klischee, das zeigte sich ja in den Reaktionen und Widerständen gegen unsere Kunstaktionen. Man wurde sofort kriminalisiert. Da war die Republik unerträglich nah an einem Polizeistaat. Vieles spielte sich in unseren Wohnungen ab. Und wichtig waren Cafés wie das Café Sport! Doch neben der Kunst brachte das Privatleben mit meiner Frau Ana die Sache und die Stadt in ein anderes, schöneres Licht, das glich vieles aus.

Wien war grau, miefig und spiessig. Das zeigte sich in den Widerständen gegen unsere Kunstaktionen. Man wurde sofort kriminalisiert. Da war die Republik unerträglich nah an einem Polizeistaat.

Wie kam es zum Aktionismus? Was war Ihre erste Aktion?

Entscheidend war für mich die Begegnung mit Otto Mühl. Mühl stellte mir Kurt Krenn vor, dem ich eine von mir entworfene Partitur zeigte. Daraus entstand meine erste Aktion „Ana“ in Mühls Wohnung. Von da an ging es flott weiter. Bald ersetzte ich wie bei meinem „Wiener Spaziergang“ die weiße Leinwand durch meinen Körper, die Malerei durch einen Grundstrich und ging in den öffentlichen Raum. Für meine zweite Aktion regte mich der spätere Galerist John Sailer an und stellte mir seine Wohnung zur Verfügung, die Hoffenreich fotografierte. Dabei habe ich mich endgültig von Mühl gelöst.

Gibt es eine Arbeit, in der sich Ihre künstlerische Vision, Ihre Haltung verdichtet? Eine Schlüsselarbeit?

Nein, dazu habe ich mich zu oft neu erfunden. Was meinen Arbeiten jedenfalls gemeinsam ist: eine gewisse Besessenheit, eine unbändige Energie, ja Unruhe, die nicht zu bändigen ist bzw. erst durch die Arbeit gebändigt werden kann.

Ihre Arbeit heute und in den 1960er- und 70er-Jahren ist geprägt von Veränderung und trotzdem Kontinuität. Was hat sich fundamental verändert, was ist geblieben? Gab es Zäsuren?

Zäsur wäre falsch, letztlich gab es immer fließende Übergänge, selbst der Übergang von den Körperaktionen zu den Bild-Text-Arbeiten ist für mich Fortsetzung einer künstlerischen Haltung und Arbeit.

Spielte Zeichnung von Anfang an eine Rolle, war sie so etwas wie eine Grunddeterminante Ihrer Arbeit?

Ja, von der Schulzeit an schon. Auch in meiner Aktionszeit wurde jede Arbeit von Zeichnungen begleitet. Später nannte man sie Aktionsskizzen, für mich hatten sie immer einen eigenständigen Wert, auch wenn sie damals keinerlei finanziellen Wert hatten.

30. Juli 2020