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Günter Brus: Nach dem Sturm

Günter Brus gilt als radikalster Vertreter des Wiener Aktionismus. Der Kunst-Weltstar, dessen Werke von der Tate in London bis zum Centre Pompidou in Paris ausgestellt werden, urinierte, defäkierte und masturbierte bei seinen Aktionen und fügte sich mit Rasierklingen tiefe Wunden zu. Einer sechsmonatigen Haftstrafe nach der legendären „Uni-Ferkelei“ 1968 in Wien entkam er nur durch Flucht ins Berliner Exil. Brus’ Werke wurden bei der documenta 5, 6 und 7 gezeigt, seit 2011 hat er mit dem BRUSEUM sein eigenes Museum in Graz. OOOM besuchte den Künstler in seinem Atelier in Graz und sprach mit ihm über Tabus, Exzesse, Schmerz, Zerstörungswillen, Nazis, Radikalität, die Suche nach Neuem – und warum seine Frau Ana immer an ihn glaubte.

Gerald Matt30. Juli 2020 No Comments
Günter Brus, Nach dem Sturm

Download von www.picturedesk.com am 09.07.2020 (11:09).
>Direct Art Festival<. Aktion von Otto Muehl und G¸nter Brus. Porrhaus. Wien. 1967. Photographie – 19670101_PD4900 – Rechteinfo: Rights Managed (RM) Nur f√ºr redaktionelle Nutzung!

Wie kam es zur Uni-Aktion „Kunst und Revolution“, die von der Boulevardpresse aufs Bösartigste als „Uniferkelei“ angegriffen wurde? Haben Sie mit den scharfen Reaktionen von Medien und Staat gerechnet?

Zunächst hatte ich keine Rolle. Die Idee ging von Mühl, Weibel und anderen aus. Ich stieg in einer Ad-hoc-Sitzung in einem Keller in Erdberg zur Nummer 1 auf. Wiener ergriff das Wort und sagte: „Entweder der Brus oder gar nicht.“ Ich galt wohl als Wildester. Wir waren der naiven Vorstellung, dass es so schlimm nicht sein werde, und rechneten bestenfalls mit einer Verwaltungsstrafe. Zwei Dozenten zeigten uns an mit dem falschen Hinweis, dass ich gesagt hätte, wir würden es im Stephansdom wiederholen. Wiener glaubte anfangs, wir hätten versagt, da nichts öffentlich wurde. Am Sonntag darauf explodierte es dann. Kurzum: Wir waren alle über die Dimension überrascht. Auf einer Polizeiwachstube wurde ich brutal festgehalten, wie ein Schwerverbrecher sofort inhaftiert. Vom berüchtigten Psychiater und Verbrecher Heinrich Gross – der ehemalige SA-Mann und Leiter der Wiener Kinder-Euthanasieklinik am Spiegelgrund – wurde dann ein psychiatrisches Gutachten angefertigt. Das war der wahre Skandal und Spiegelbild der moralisch verwahrlosten Republik.

Welche Rolle spielten der Skandal und Tabubruch in Ihrer Kunst in den 1960er- Jahren? Wollten Sie den Skandal?

Ja, wir wollten einen Skandal, wir wollten erschüttern und ich wollte besonders erschüttern, ja.

Die Uni-Aktion fand im historischen Jahr 1968 statt. Inwieweit war sie auch politisch motiviert?

In Österreich passierte die Revolte gegen die verkrustete und immer noch nationalsozialistisch angehauchte Gesellschaft eigentlich durch die Kunst. Wir waren aber nicht vordergründig politisch. Politisch war, dass es in den heiligen Hallen passierte, aber mir ging es um die Revolutionierung der Kunst. Dass künstlerische Tabubrüche auch für gesellschaftliche Veränderung notwendig waren.

Wir wollten den Skandal. Ich wollte besonders erschüttern. Die Nazis bestimmten noch sehr stark die Gesellschaft. Künstlerische Tabubrüche waren für gesellschaftliche Veränderung notwendig.

Im Gegensatz zur politischen 68er-Bewegung war für Sie und den Aktionismus Freud immer wichtiger als Marx?

Ideologie spielte keine Rolle, Psychologie sehr wohl. Aber die Nazis bestimmten noch sehr stark die Gesellschaft. In diesem Sinne waren unsere Aktionen natürlich politisch.

Sind künstlerische Tabubrüche notwendig, um Veränderungen herbeizuführen? Wie kann man heute in einer viel liberaleren und offeneren Gesellschaft noch etwas mit Kunst bewegen?

Man kann mit Kunst etwas bewegen, das Land hat sich ja seither durchaus verändert. Wenn man heute etwas verändern will, dann muss man es machen wie Pussy Riot. Wir haben damals noch mit echtem Blut gearbeitet, nicht wie heute die Amerikaner mit Ketchup.

War Schönheit damals ein Thema für Sie?

Ich habe nie an Zerstörung gedacht, wir haben uns – Schwarzkogler, Nitsch und ich – auf die Klassiker berufen. Schönheit war mir so wichtig wie der sich wandelnde Schönheitsbegriff.

Heute kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass die Aktionisten eine reine Machopartie waren. Welche Rolle spielten Frauen damals?

Sicher nicht die Rolle, die sie heute spielen. Sie waren damals noch nicht berufstätig, sozusagen auf dem gesellschaftlichen Niveau der Klimt-Zeit, wo Frauen auf Modell oder Muse reduziert wurden.

Sie mussten vor einer drohenden Haftstrafe nach Berlin fliehen?

Ja, das geschah gemeinsam mit meiner Frau und Tochter in einer Nacht-und-Nebel-Aktion. Vorher hatte ich eine Postkarte von Gerhard Rühm aus Berlin erhalten, der mir schrieb, es gäbe eine freie Wohnung für mich und auch einen Job für meine Frau als Schneiderin. Die Grüße endeten mit „Scheiß auf Österreich!“.

Wie war Berlin zu Ihnen?

Berlin war wie ein unendlicher Urlaub, liberal und offen. Einem Teil meiner literarischen Memoiren habe ich auch den Titel „Das gute alte Westberlin“ gegeben. Aufgrund meines österreichischen Verfahrens hatte ich ein siebenjähriges Reiseverbot.

30. Juli 2020