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Günter Brus: Nach dem Sturm

Günter Brus gilt als radikalster Vertreter des Wiener Aktionismus. Der Kunst-Weltstar, dessen Werke von der Tate in London bis zum Centre Pompidou in Paris ausgestellt werden, urinierte, defäkierte und masturbierte bei seinen Aktionen und fügte sich mit Rasierklingen tiefe Wunden zu. Einer sechsmonatigen Haftstrafe nach der legendären „Uni-Ferkelei“ 1968 in Wien entkam er nur durch Flucht ins Berliner Exil. Brus’ Werke wurden bei der documenta 5, 6 und 7 gezeigt, seit 2011 hat er mit dem BRUSEUM sein eigenes Museum in Graz. OOOM besuchte den Künstler in seinem Atelier in Graz und sprach mit ihm über Tabus, Exzesse, Schmerz, Zerstörungswillen, Nazis, Radikalität, die Suche nach Neuem – und warum seine Frau Ana immer an ihn glaubte.

Gerald Matt30. Juli 2020 No Comments
Günter Brus, Nach dem Sturm

Download von www.picturedesk.com am 09.07.2020 (11:12).
ABD0080_20160311 – Fotografien mit dem Titel “Der helle Wahnsinn f¸r Aachen – Die Architektur des hellen Wahnsinns” von 1968 des ˆsterreichischen K¸nstler G¸nter Brus sind am 11.03.2016 in der Ausstellung “Stˆrungszonen” im Walter Gropiusbau in Berlin zu sehen. In der umfassenden Schau ist ein Querschnitt durch alle Schaffensphasen des Aktionsk¸nstlers zu sehen. Foto: Michael Kappeler/dpa +++(c) dpa – Bildfunk+++ – 20160311_PD2112 – Rechteinfo: Rights Managed (RM)

Dennoch schrieben Sie Kurz nach Ihrer Flucht in eines Ihrer Notizheftchen: „Berlin – Nichts geht mehr. Ausgeleert. Gestaltungskrise“. Wie schwierig war diese erste Zeit für Sie im Exil?

In Berlin konnte ich den Aktionismus nicht mehr denken. Da war kein Skandal mehr nötig. Wenn ich über den Kudamm weiß gekleidet mit einem schwarzen Strich gegangen wäre, hätten die Leute das als lustig empfunden. Aber das gab mir auch neue Anregungen, meine Arbeit weiterzuentwickeln.

Sie gründeten damals die Exilzeitung „Die Schas­trommel“. Wie entstand der Titel? Um was ging es Ihnen dabei?

Der Titel stammt von mir und Gerhard Rühm. Auf Wienerisch provoziert der Begriff „Die Schastrommel“. Der Untertitel war „Organ der österreichischen Exilregierung, Erscheinungsort Bolzano“. Es ist auch ein Schimpfwort für eine „ältere Dame“. Letztlich wollten wir präsent damit sein.

Die Aktionisten hatten auch Humor?

Ich habe nie so viel gelacht wie in Berlin.

Warum haben Sie dann beschlossen, doch nach Österreich zurückzukehren?

Das war der Entschluss meiner Tochter. In Berlin waren die Schulen damals voller Drogen. Sie wollte ein anderes Umfeld. Und Österreich hatte sich in der Ära Kreisky schon massiv verändert.

Der finale Höhepunkt Ihrer Körperaktionen stellte wohl die „Zerreißprobe“ 1970 in München dar, bei der Sie sich Fäden durch die Haut zogen und Schnitte im Kopfbereich setzten. Danach entschlossen Sie sich, mit den körperlichen Aktionen aufzuhören.

Mir wurde es zu gefährlich. Meine Frau hat dem ein Ende gesetzt. In der nächsten von mir geplanten Aktion wollte ich mich am Fußboden annageln. Diese Gewalt gegen mich selbst lehnte sie zutiefst ab. Als letzte Konsequenz wäre mir eigentlich nur mehr der öffentliche Selbstmord als finaler künstlerischer Tabubruch geblieben. Danach gingen wir nach Südspanien und diskutierten darüber. So entstand meine erste Bilddichtung „Der Balkon Europas “, eine meiner schönsten Mappen. Das war der endgültige Bruch mit dem Aktionismus.

In Ihren Aktionen gingen Sie oft bis an körperliche Grenzerfahrungen, hatten Sie auch Angst vor den Schmerzen und psychischen Folgen?

Neugier ja, Angst bei den Körperaktionen nein, außer bei der Uni-Aktion. Da war mir mulmig auch im Hinblick auf Attacken aus dem Publikum. Meine letzte Aktion, die „Zerreißprobe“, nahmen selbst die Ordnungshüter ziemlich locker: „Was machen wir da, der ist ja nur narrisch.“ In Wahrheit ging ich mit einer meiner Schrammen nur knapp an einer schweren Kopfverletzung vorbei.

Ihre selbst zugefügten Wunden haben Sie niemals nähen lassen. Warum?

Das waren nur oberflächliche Verletzungen. Da machte ich nicht viel Aufhebens darum. Und der Schmerz hielt nicht an. Die Wunde heilte ja von selbst. Damals war ich halt ein harter Hund.

Spielten Drogen und Alkohol eine Rolle dabei?

Drogen nein, Alkohol ja. Wir hatten immer einen Doppler (Anm.: Doppelliterflasche Wein) in der Nähe stehen.

30. Juli 2020