Arts & Design

Hanna Putz: Licht der Wahrheit

Durch das Auge der analogen Kamera inszeniert die Fotografin Hanna Putz dynamische Motive, die trotz ihrer Ausdrucksstärke ohne viel Spektakel auskommen. Damit schafft Putz poesievolle Porträts einer Umgebung, in denen Vertraute wie auch Fremde als ihre Akteure dienen. Ausstellungen auf der Moskauer Biennale oder im Foam in Amsterdam sowie Magazinarbeiten für Vogue, New York Magazine oder Die Zeit spiegeln die internationale Resonanz, die die Arbeit der 32-jährige Wienerin erzeugt. Mit ihrem neuen Bildband „Everything else is a lie“ begibt sich das ehemalige Model und Lebenspartnerin des Künstlers Daniel Richter nun auf Wahrheitsfindung. In OOOM erklärt sie, wie wichtig es ist, künstlerisch und privat Stellung zu beziehen.

Gerald Matt19. Dezember 2019 No Comments
hanna putz licht der wahrheit ooom magazin

Wie hat alles begonnen, wie kamen Sie zur Fotografie?

Ich habe ursprünglich als Model gearbeitet. Irgendwann wollte ich dann lieber selbst Bilder machen. Nicht nur, aber wohl auch aus dem Umstand heraus, dass 90% der Fotografen, mit denen ich in den acht Jahren als Model gearbeitet habe, Männer waren, habe ich mich im Speziellen dafür interessiert, als Frau andere Frauen zu fotografieren, um zu sehen, was dabei rauskommt. Anfangs habe ich Modestrecken für Magazine fotografiert, weil ich mich in dem Feld auskannte und schon vorher als Art Direktorin für Modestrecken anderer Fotografen gearbeitet hatte. Wegen der zahlreichen Restriktionen das Foto betreffend zu Gunsten der Kleidung, habe ich jedoch relativ schnell wieder das Interesse an der Profession Modefotografin verloren und angefangen freie Arbeiten zu machen.

Sie wurden in Wien geboren, leben aber nun, nachdem Sie in London, Paris und New York Zeit verbracht haben, seit drei Jahren in Berlin. Haben Sie durch Ihren Umzug nach Berlin etwas an Ihrer Arbeit verändert?

Nach Berlin bin ich der Liebe wegen gezogen. Das Schöne an der ansonsten prekären Situation als freischaffende Künstlerin ist ja, dass man frei ist, überall arbeiten zu können. Geändert hat sich wenig, außer, dass ich mir hier neben meiner Arbeit den späten Wunsch eines Studiums der Philosophie & Politikwissenschaft erfüllt habe, was nun auch meine Arbeit auf eine neue Art informiert und beeinflusst.

Nach Berlin bin ich der Liebe wegen gezogen. Das Schöne an der prekären Situation als freischaffende Künstlerin ist ja, dass man frei ist, überall arbeiten zu können.

Fotografie ist ja immer etwas Invasives, man dringt letztlich in das Leben anderer ein, nimmt sich ein Bild von ihnen. Hatten Sie jemals Angst davor?

Dieser invasive Moment, der Fotografie sein kann, war mir immer eher unangenehm. Viele meiner Motive lassen das Gesicht der oder des Fotografierten nicht erkennen und eine Großzahl meiner Bilder zeigen Menschen, die von hinten aufgenommen sind. Es gibt eine Ongoing-Strecke, an der ich schon länger arbeite, bei der ich Menschen gehend und von hinten fotografiere. Ich folge ihnen eine Weile und mache dann im Gehen ein Bild. Natürlich kann man nun sagen, auch das ist auf eine Art invasiv, gerade weil eine Person das gar nicht merkt. Aber für mich stellt sich dann eher die Frage, inwiefern man behaupten kann, eine Person auf dem Bild wäre eben diese Person, wenn sie quasi unkenntlich ist. Mit dieser Art von Invasion komme ich auf jeden Fall zurecht. Jeder geht seinen Weg, ich lasse in Ruhe und werde in Ruhe gelassen und kann doch in Verbindung treten. Ich bin draufgekommen, dass diese Bilder von weggehenden Menschen mich auch deshalb so interessieren, weil ein ungestört gehender Mensch, der bei sich ist und sich von seinem Weg nicht abhalten lässt, für mich der ultimative Nicht-Foto Moment ist, eben weil es so uninvasiv ist. Es ist das Beobachten von Menschen, das mich grundsätzlich, ob mit oder ohne Kamera, interessiert. Im Beobachten liegt etwas Unaufdringliches, Distanziertes. Obendrein bin ich zu schüchtern, um Menschen zu fragen, ob ich sie fotografieren darf, wenn ich sie nicht kenne. Sicher entgehen mir dadurch auch Bilder, weil ich eben kaum einfach drauf los fotografiere, aber der reale Moment zwischen mir und einer Person und wie ich mich darin verhalte ist stärker als der Wunsch nach dem unbedingten Machen meines Bildes. Allein deshalb wäre ich eine komplett unbrauchbare Kriegsfotografin.

Wie ist die Beziehung zwischen Ihnen und den Szenen und Menschen, die Sie fotografieren? Die Bilder etwa von Nan Goldin muten wie ihr persönliches visuelles Tagebuch an. Inwieweit geht es Ihnen auch um Ihre Lebenswelt, Ihre Szene und die Wiedergabe eines gemeinsamen Lebensgefühls?

Meine Arbeit ist insofern weniger tagebuchartig, als dass ich mir während der Arbeit viele Gedanken darüber mache, wie ich etwas für andere verständlich machen kann. Ein Tagebuch, wie ich es verstehe, hat eine stark intime, sehr persönliche Komponente. Mein Tagebuch führe ich ausschließlich für mich. Es geht mir beim Fotografieren aber um die Bildwerdung eines Standpunktes, den ich einnehme, den ich versuche so klar als möglich darzustellen. Insofern geht es um einen Versuch zu kommunizieren, etwas zu teilen, damit es im besten Fall von anderen auch als das erkannt wird und somit zur Debatte stehen kann.

Es fällt auf, dass Ihnen Details, Unscheinbares, Übersehenes sehr wichtig zu sein scheinen; ja, dass diese sogar im Mittelpunkt stehen. Wollen Sie Unsichtbares sichtbar machen, wie Ernst Klee einmal die Aufgabe von Kunst definierte?

Ich würde nicht sagen, dass es um etwas Unsichtbares geht, im Sinne von etwas, das vorher für niemanden erkennbar war, das meine Bilder sichtbar machen würde für alle. Es geht eher um größere Themen, die sowieso da sind, wenn man so will. Universales. Umstände, die Menschen bekannt sind, wie Zusammensein, Aggressivität, Zartheit, Lautstärke, Intimität, Einsamkeit usw. Manche erkennen das dann als solches, andere eben nicht, für viele bleibt das Unsichtbar.

19. Dezember 2019