Arts & Design

Hanna Putz: Licht der Wahrheit

Durch das Auge der analogen Kamera inszeniert die Fotografin Hanna Putz dynamische Motive, die trotz ihrer Ausdrucksstärke ohne viel Spektakel auskommen. Damit schafft Putz poesievolle Porträts einer Umgebung, in denen Vertraute wie auch Fremde als ihre Akteure dienen. Ausstellungen auf der Moskauer Biennale oder im Foam in Amsterdam sowie Magazinarbeiten für Vogue, New York Magazine oder Die Zeit spiegeln die internationale Resonanz, die die Arbeit der 32-jährige Wienerin erzeugt. Mit ihrem neuen Bildband „Everything else is a lie“ begibt sich das ehemalige Model und Lebenspartnerin des Künstlers Daniel Richter nun auf Wahrheitsfindung. In OOOM erklärt sie, wie wichtig es ist, künstlerisch und privat Stellung zu beziehen.

Gerald Matt19. Dezember 2019 No Comments
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Ist Fotografie auch manchmal anstrengend, begleiten Sie auch gelegentlich Zweifel an dem, was Sie tun?

Ich denke für mich selbst wie auch für andere wäre es wirklich langweilig bis banal, wäre ich mir fortwährend absolut sicher in dem was ich tue. Der Zweifel ist mein treuester Begleiter. Wichtig ist nur, ihm zu verstehen zu geben, wann es Zeit ist, den Mund zu halten. Des Weiteren nehme ich weder ihn noch mich selbst allzu ernst.

Der Zweifel ist mein treuester Begleiter. Wichtig ist nur, ihm zu verstehen zu geben, wann es Zeit ist, den Mund zu halten.

Wie und wann wissen Sie, dass Sie ein gutes Bild gemacht haben und ändert sich im Laufe der Zeit Ihr Urteil, beim Editing, bei späterer Durchsicht, Auswahl oder erst bei einer Ausstellung?

In meinem Atelier stehen große weiße Styroporwände. Auf denen hängen Unmengen an Bildern zur Auswahl, wenn ich an Büchern oder Ausstellungen arbeite. Die paare, verwerfe oder verschiebe ich ewig hin und her. Die meisten Bilder nerven mich nach einiger Zeit tendenziell. Wenn ein Bild mehrere Wochen oder Monate im Atelier hängt, und es mir nach langer Zeit noch immer nicht auf die Nerven geht, dann ist es ein gutes Bild. Oft sind gerade die Bilder, die ich anfangs für besonders gelungen gehalten habe, genau die, die dem nicht Stand halten. Wahrscheinlich, weil sie zu offensichtlich sind. Ich finde Fotografie verlockt einen dazu, das „gute Foto“ auszuwählen. Das „gute Foto“ ist aber nicht das interessante Bild, und gute Fotos gibt es schon genug. Ich arbeite sehr langsam und habe gerne viel Zeit für genau diesen Arbeitsschritt, er ist für mich wichtiger als das Fotografieren selbst. Das lange Schauen danach, die Ausschnittauswahl, der Edit – es ist ein endloses Herumsitzen vor Bildern.

Greg Gorman hat mir einmal in einem Gespräch gesagt, dass es nicht auf das Modell, nicht auf die Form, nicht auf den Ausschnitt, nur auf das Licht und nochmals Licht ankomme. Gilt das für Sie auch?

Nein, für mich spielt das Licht kaum eine Rolle, außer auf einer rein technischen Ebene. Für mich geht es in erster Linie um die Absicht, die hinter einem Bild liegt. Die Haltung, die ein Bild am Ende transportiert.

Ich habe ursprünglich als Model gearbeitet und wollte dann als Frau andere Frauen fotografieren. Denn 90% der Fotografen sind Männer.

Inwieweit braucht ein guter Fotograf eine Handschrift, eine Art Wiedererkennbarkeit? Ist Ihnen das wichtig?

Ich sehe wenig Sinn darin, etwas zu tun, das es schon genauso gibt. Vor allem, wenn es schon sehr gut gelungen ist. Es braucht keine sieben Philip-Lorca diCorcias, einer reicht. Wenn etwas nicht sehr gut gelungen ist, braucht es das doch noch weniger in der Mehrzahl. Wobei es zu meinem Bedauern wahrscheinlich mindestens 783 Terry Richardsons gibt.

Gibt es so etwas wie Vorbilder für Sie?

Hannah Arendt und Helge Schneider.

Wie wichtig ist für Sie Engagement? Ist Ihre Fotografie auch Engagement, Teilhabe an der Welt im Sinne einer politischen Stellungnahme?

Meine Fotografie verstehe ich nicht als Engagement. Meine politische Stellungnahme besteht in meiner ausnahmslosen Wahlbeteiligung, meiner Informiertheit als Bürgerin und Demonstrantin und in meiner Parteimitgliedschaft bei einer österreichischen Partei. Ich finde Engagement wichtig, aber jeder nach seinen Fähigkeiten, jeder nach seinen Bedürfnissen. Gerade in Zeiten des Klimawandels würde mehr Engagement in einer gewissen Art und Weise jedoch nicht schaden. Ich finde nicht, dass jede Künstlerin politische Kunst machen oder gar zur Aktivistin mutieren muss, aber was ich von mir selbst einfordere und von anderen erhoffe, nicht als Künstler, sondern als Menschen, ist Teilhabe. Was jeder, wie ich finde, ab einem gewissen Alter zu tun hat, ist sich zu informieren, nicht nur über sich selbst, sondern auch im politischen Sinne über die Welt. Ich bin der Meinung, dass Demokratien zu hart erkämpft worden sind, als dass ich keine Lust oder Zeit haben kann, wählen zu gehen oder ab und zu einmal eine Zeitung aufzuschlagen. Man ist nicht alleine auf der Welt und wenn jeder nur für sich permanent in seinem eigenen Coca-Cola herumtanzt, dann sieht es, denke ich, in naher Zukunft äußerst schlecht für uns alle aus.

Fotos: Hanna Putz

19. Dezember 2019