Arts & Design

Hanna Putz: Licht der Wahrheit

Durch das Auge der analogen Kamera inszeniert die Fotografin Hanna Putz dynamische Motive, die trotz ihrer Ausdrucksstärke ohne viel Spektakel auskommen. Damit schafft Putz poesievolle Porträts einer Umgebung, in denen Vertraute wie auch Fremde als ihre Akteure dienen. Ausstellungen auf der Moskauer Biennale oder im Foam in Amsterdam sowie Magazinarbeiten für Vogue, New York Magazine oder Die Zeit spiegeln die internationale Resonanz, die die Arbeit der 32-jährige Wienerin erzeugt. Mit ihrem neuen Bildband „Everything else is a lie“ begibt sich das ehemalige Model und Lebenspartnerin des Künstlers Daniel Richter nun auf Wahrheitsfindung. In OOOM erklärt sie, wie wichtig es ist, künstlerisch und privat Stellung zu beziehen.

Gerald Matt20. Dezember 2019 No Comments
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Vor Kurzem haben Sie in Wien und München Ihr Buch „Everything else is a lie“ vorgestellt, ein Fotoessay, an dem Sie fünf Jahre gearbeitet haben. „Alles andere ist eine Lüge“ – ist nur die Kunst keine?

Ja und nein. Das Buch sowie der Titel sind zu einem Zeitpunkt entstanden, in dem das Wort „Wahrheit“ ziemlich in Verruf geraten ist. Der Term „Fake News“ war viel besprochen. Leute wie Donald Trump und seine Regierung warfen und werfen mit ihren sogenannten „eigene Wahrheiten“ nur so durch die Gegend. Die persönliche Nabelschau in sozialen Medien war und ist in vollem Gange. Grundsätzlich ist Wahrheit ja ein komplexeres Thema, auch weil ich finalen Wahrheitsverkündungen prinzipiell eher skeptisch gegenüberstehe. Ich finde aber, man sollte Haltung annehmen und Stellung beziehen, in der Kunst wie aber auch im politischen Raum. Kunst aber ist die Arena, in der ich mich hinstellen kann und sagen kann: „So ist das! Wahrheit hier! Und obendrein ist mir egal wie ihr das findet. Weil: Everything else is a lie!“ Wo es die Lüge gibt, dort gibt es auch Wahrheit. Das interessiert mich an Kunst, wenn eine eigene Haltung eingenommen wird, gern auch eine sich selbst nicht ganz so ernst nehmende. Das Eigene stellt außerdem die Möglichkeit für die Entstehung von Neuem dar. Im Gegensatz dazu frustriert mich eine ignorante Wahrheit-Alleinstellungsposition im Politischen, auch weil sie noch immer mit einem allzu männlichen Machthabitus einhergeht, der mich gleichermaßen aggressiv stimmt, wie auch langweilt.

Alexander Kluge hat mal behauptet: „Erst kommt das Ohr, danach das Auge.“ Was kann das Auge besser?

Es handelt sich um ein Kochrezept von Alexander Kluge. Ich werde ihn fragen.

Zurück zu Ihrem Buch bzw. dem Projekt „Everything else is a lie“. Was verbindet die darin abgebildeten Arbeiten?

Das Buch ist ein Fotoessay, bestehend aus 50 analog fotografierten Bildern, die sich in ihrer Anordnung und Inhalt aufeinander beziehen. In den fünf Jahren, in denen ich an dem Buch gearbeitet habe, bin ich mein gesamtes Archiv durchgegangen und habe Bilder dialektisch in Verbindung zueinander gesetzt. Zu einigen Bildern fehlte mir der Counterpart. Erstens, weil ein Bild meistens nicht reicht, zweitens weil Buchseiten den klassischen zweiseitigen Aufbau haben, und drittens weil es mir um Gegensätze ging, die nur gemeinsam einen Teil des Ganzen ergeben. Diese zweiten Seiten habe ich dann zu den Archivbildern neu hinzu inszeniert. Ungefähr die Hälfte der Arbeiten sind somit inszeniert, die andere Hälfte sind vorgefundene Bilder, die oft nur aus einem kleinen Ausschnitt eines ursprünglich größeren Bildes stammen. Dadurch entsteht ein malerischer Effekt, da die Bilder sehr grobkörnig werden, was aus der Ferne eher wie Malerei aussieht. Der Stil will das Gegenteil gestochen scharfer, digitaler HD-Fotografie.

Das Buch ist 2019 im Eigenverlag „PAMPAM Publishing“ erschienen, den Sie zusammen mit Ihrem Partner Daniel Richter gegründet haben. Eine Möglichkeit, Kontrolle über Ihre Bilder und deren Präsentation zu bewahren?

Daniel und ich wollten so autonom als möglich unsere eigenen Arbeiten und Arbeiten von Freunden publizieren, ohne dass jemand dreinredet oder gar eine „Deadline“ aufkommen könnte. Abgesehen davon haben wir beide ein großes Faible für Kunst und Fotobücher. Wir finden, irgendjemand muss Jeff Bezos am Büchermarkt entmachten, was das eigentliche Ziel von PAMPAM Publishing ist und bleibt.

Daniel Richter und ich haben PAMPAM Publishing gegründet, weil wir so autonom wie möglich publizieren wollen. Wir finden, jemand muss Jeff Bezos am Büchermarkt entmachten.

Sie haben unlängst ein weiteres Buch gemacht, „White Flag“, gemeinsam mit der Künstlerin Sophie Thun.

„White Flag“ ist unter anderem ein Ausdruck aus dem Jägerjargon, der das Heben des Schwanzes eines Rehs bezeichnet, wenn es durch das Aufzeigen seines alarmierend weißen Hinterns seinen Kameraden signalisieren möchte: Gefahr droht. Außerdem steht die weiße Flagge bekanntermaßen für ein Friedensgesuch, das Aufgeben, wenn man der Erschießung noch entgehen möchte. Sophie und ich hatten uns mit den Möglichkeiten einer Zusammenarbeit zwischen Fotografinnen unterhalten, da wir großen Gefallen an der Arbeit der jeweils anderen fanden. Wir haben also beschlossen, einfach einander zu fotografieren, dabei aber die englische Bezeichnung „To shoot someone“ wörtlich zu nehmen. So haben wir begonnen, uns gegenseitig zeitgleich zu fotografieren, uns „abzuschießen“, wie Jägerinnen ihr Wild. Wir jagen einander also durch Felder, Wald und Wiesen. Das Ganze haben wir dann aus größter Freude am Projekt auf unsere Studios sowie auf gemeinsame Reisen etc. ausgeweitet. Daraus ist am Ende ein humorvoller Liebesbeweis geworden, wenn man so möchte. Das Fotografieren einer Person als gegenseitiger Akt der starker Interessensbekundung am anderen und somit eine liebevolle Würdigung. Sophie und ich sind Muse und Fotografin des Bildes – oder beides nicht, in der Aufhebung ebendieser Rollen. Das Ergebnis sind 120 Seiten Sophie shooting Hanna shooting Sophie shooting Hanna shooting Sophie shooting.

Wir haben begonnen, uns gegenseitig zeitgleich abzuschießen wie Jägerinnen ihr Wild.

20. Dezember 2019