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Harald Weidler: Federführend

Beim Wiener Schreibwarenjuwelier Weidler am Graben in Wien gibt es wohl die größte Auswahl edler Füllfedern in Österreich. Seit 1883 ist es möglich, mit einer Metallfeder Tinte auf Papier zu übertragen. Es war Lewis Edson Waterman, der die Ära des Füllfederhalters einläutete. Mittlerweile gibt es das prestigeträchtige Schreibgerät in unzähligen Arten und Formen. Gerade in Zeiten der Digitalisierung feiern Füllhalter ein fulminantes Revival.

Claudia Ohswald9. Oktober 2019 No Comments
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Die alten Ägypter waren immer schon kreativ und ihrer Zeit voraus. Bereits 4.000 vor Christus schnitten sie Bambusrohre ab, spitzten sie zu, kleideten sie mit einem Stoffgeflecht aus und füllten einen natürlichen Farbstoff ein. Der erste Prototyp eines Füllhalters war geboren. Das Prinzip ist bis heute erstaunlicherweise gleichgeblieben. Allerdings sollte es noch bis zum Jahre 1883 dauern, bis Lewis Edson Waterman die Technologie ausreifte, eine Metallfeder einsetzte, feine Kanäle zwischen Tintenkammer und Feder einbaute und in New York zum Patent anmeldete.

Etwas persönlich Verfasstes, selbst Geschriebenes, wird heute mehr denn je geschätzt.

Waterman, ein amerikanischer Versicherungsmakler, brachte die revolutionäre Idee zur Serienreife. Strömt zu viel Tinte nach vorne, wird diese aufgenommen und kann wieder zurückfließen. Der Siegeszug der Füllfederhalter begann. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfand der Ungar László József Bíró 1955 den Kugelschreiber – das sogenannte „Biropatent“ –, indem er die Idee von Waterman mit einer zähflüssigen Paste umsetzte. Das war die Geburtsstunde des modernen Kugelschreibers. Der Kugelschreiber, der technisch eine Meisterleistung darstellt und simpler und günstiger herzustellen ist, wurde zum Massenschreibmittel. Jede Spitze eines Werbekulis wird heute im µ-Bereich gefertigt. Früher machte man das noch händisch, und es waren 30 Arbeitsgänge notwendig, nur um den kleinen Kugelspitzenteil aufzusetzen.

Österreichs Pioniere. Harald Weidler ist bereits in der vierten Generation als Schreibwarenjuwelier tätig. Seine Vorfahren waren ursprünglich Papierfabrikanten. Um 1860 kamen zwei Brüder aus der Familie nach Österreich; einer der beiden, Carl Max Weidler, blieb der Liebe wegen, ließ sich nieder und bekam eines Tages bei einer Vertragsunterzeichnung einen Füllhalter vorgelegt. Begeistert von der Idee begann er noch im gleichen Jahr, die Schreibgeräte zu importieren. Carl Max Weidler baute das Fachgeschäft am Graben 26 auf und übergab es an seine Söhne, die den erfolgreichen Weg weitergingen. Harald Weidler hat sich viele exklusive Partner an Bord geholt und vertreibt heute edle Schreibwaren von Montblanc, Graf Faber-Castell, Caran d’Ache und Montegrappa. Wir sprachen mit ihm über die Renaissance des Füllhalters – und was ein Schreibgerät ausmacht.

Ich lebe für Tradition. wer sind wir, wofür stehen wir? Wir sind einer der wenigen, die alles anbieten.

Was zeichnet einen edlen Füllhalter aus?

Füllhalter sind das Gerät der Handschrift und heute beliebter denn je. Die Macht des geschriebenen Wortes hatte immer schon Gewicht und entschied mitunter über Krieg und Frieden oder Leben und Tod. Heute bleiben gerade dem Mann neben der Uhr nur wenige Objekte, die er sichtbar präsentieren kann und die ihm Freude bereiten. Der Füllhalter ist ein solches Objekt. In oberen Etagen wird gerne damit geschrieben und ein gewisses Prestige zum Ausdruck gebracht. Man erinnere sich an den Staatsvertrag von St. Germain. Dieser wurde zum Beispiel mit einem Weidler Schreibgerät unterzeichnet.

Worauf kommt es bei einer Füllfeder besonders an?

Das Herzstück eines Füllhalters ist die Feder. Die technischen Aspekte sind mitunter entscheidend, zum Beispiel ein abgefederter Klipp oder ob man den Füller vom Fass füllt oder eine Patrone verwendet. Die Feder kann aus verschiedenen Materialien gefertigt werden, Edelstahl oder Gold, in der Regel Legierungen mit 14 oder 8 Karat, wodurch sie eine unterschiedliche Elastizität hat. Auch die Konstruktion der Feder bietet viele Varianten: Es gibt große Flügelfedern, die sehr lange sind, somit weicher schreiben und optisch schön sind. Und es gibt kurze, hart gesetzte Federn, die den Vorteil haben, dass sie mehr Schreibrückstand haben. Die Oberfläche kann aus Grenadillholz sein, aus Softlackierungen oder aus China­lack, was noch teurer ist als Gold.

Schreibt man mit einer Füllfeder automatisch schöner?

Wir als Individuen haben unterschiedliche Schriften, Handhaltungen, sind Links- oder Rechtshänder. Es gilt, sich gut beraten zu lassen und durch eine Schreibprobe zu erkennen, welche Feder zu einem passt – gerade das ist unsere Stärke. Die Kugel an der Spitze der Feder wird in verschiedenen Stärken aufgelötet, von extrafein bis extrabreit. Dadurch wird das Schriftbild entsprechend geprägt. Es gibt eine Neuheit: sogenannte „Flex-Federn“, die durch den Schriftdruck die Schrift mehr oder weniger steuern, was rein optisch sehr schön und interessant ist. Es gibt sogar Kurse fürs Schönschreiben, erfreulicherweise sind diese nach wie vor sehr gefragt. Die Tintenfarbe ist dann das Tüpfelchen auf dem i. Wir haben 15 bis 20 verschiedene Tintenfarben, von Nachtblau über Grün bis zu Sepiabraun oder diversen Saphirtönen.

Ist das Schreiben der Ausdruck einer Sehnsucht nach Entschleunigung?

Immer mehr Menschen suchen die Entschleunigung. Handwerkliche und traditionelle Dinge aus der guten alten Zeit boomen. Handgeschriebene Einladungskarten auf edlem Papier fallen im technischen Zeitalter, wo alles steril runtergetippt und durch den Äther gejagt wird, erfreulich auf.

Gibt es ein Revival des Briefeschreibens?

Einige Länder haben die Ära der Schreibgeräte abgeschafft. In Finnland sagen sie ganz offen: „Der Laptop ist wichtiger.“ Ich persönlich halte es für die Entwicklung des Menschen sehr bedeutsam, dass man Dinge tut, die den Charakter prägen. Persönlich geschriebene Worte werden immer wichtiger. Etwas persönlich Verfasstes, selbst Geschriebenes, wird immer mehr geschätzt. Schon allein deshalb, weil sich jemand die Zeit dafür genommen hat.

Wann haben Sie Ihren letzten Liebesbrief geschrieben?

Im Dezember.

Wo finden Sie Inspiration?

Handyfrei, mit Gummistiefeln beim Fliegenfischen, im Einklang mit der Natur in herrlich entlegenen Gegenden. Wasser ist meine tiefe Leidenschaft. Solange ich gehen kann, werde ich das machen. Ich lebe für Tradition. Wer sind wir? Wofür stehen wir? Wir sind einer der wenigen, die im Schreibbereich alles anbieten.

Fotos: Florian Czech

9. Oktober 2019