Arts & Design

Galahad Clark – 3D Schuhe aus dem Shop

Stellen Sie sich vor, Sie suchen sich in einem Schuhgeschäft Ihr individuelles Modell aus, bestimmen Farbe, Absatzhöhe, Muster und Material — und holen sich wenig später Ihre mittels 3D-Technologie hergestellten Maßschuhe ab. In einem Jahr soll das bereits Realität sein. Galahad Clark, siebente Generation der legendären Schuhdynastie Clarks, erfand mit United Nude und Vivobarefoot zwei Labels, die die Schuhindustrie revolutionieren sollen. In OOOM erzählt der Brite, wie.

Georg Kindel5. Juli 2017 No Comments

Als Sie Ihr Schuhlabel United Nude mit dem Architekten Rem D. Koolhaas starteten, fragten Sie Architekten, ob sie nicht Schuhe designen möchten. Wie war deren Reaktion?
Wir haben nur Architekten gefragt, die wir auch kannten. Als Erste fragten wir Zaha Hadid, sie hatte bereits für die Marke Melissa Schuhe designt. Ich traf auf Zahas Launch-Party Ross Lovegrove (Anm.: ein britischer Industriedesigner, der für Apple designte und für Sony den Walkman entwarf) und fragte ihn, ob er nicht auch Schuhe für uns entwerfem möchte. Er war sofort interessiert.

Sind Architekten die besseren Schuh-Designer?
Ja, meiner Erfahrung nach sind sie die besten Designer der Welt, zumindest für physische Objekte. Sie haben einfach eine brillante Ausbildung. Sie designen nicht nur einfach, sie studieren Technik, Materialwissenschaften, Soziologie oder Philosophie, sie haben also eine sehr breites Wissen.

Ist es eine besondere Herausforderung, die Sprache der Architektur in ein paar Schuhe zu transferieren?
Ja, aber es ist wirklich überraschend, wie gut Architekten das können, so wie schon Adolf Loos, der ja Österreicher war. In den von ihm entworfenen Häusern hat er bis hin zum Abfalleimer und zu den Hausschuhen, die man tragen soll, alles designt.

United Nude ignoriert konstant jede Regel des Schuhdesigns. Die High Heels für Lady Gaga oder auch Zaha Hadids Entwürfe sind völlig unkonventionell. Ist dieser fast zerstörende Zugang zu Schuhdesign heutzutage wichtig?
Mein Partner Rem D. Koolhaas ist der Kreativdirektor von United Nude — und er mag offensichtlich Schuhe nicht. Vor allem mag er nicht kommerziell sein und dass unsere Modelle wie konventionelle Schuhe aussehen. Was Rem will, ist den Schuh neu erfinden. Meine Leidenschaft ist dem völlig entgegengesetzt: Ich möchte Menschen raus aus den Schuhen bringen. Deshalb habe ich mit Vivobarefoot die erste Barfußschuhmarke der Welt gegründet. Rem und ich mögen beide konventionelle Schuhe nicht.

Ihre Schuhmarken United Nude und Vivobarefoot könnten nicht gegensätzlicher sein: Auf der einen Seite sexy High Heels für modebewusste Frauen, auf der anderen Barfußschuhe aus ökofreundlichem Material. Wie führt man zwei so verschiedene Marken?
Beide Marken wollen die Schuhindustrie verändern und aufbrechen, wenn auch von völlig anderen Seiten des Spektrums. Derzeit beschäftige ich mich sicher 90 Prozent meiner Zeit mit Vivobarefoot, aber das ändert sich. Vivobarefoot stellt Frauen nicht in Abrede High Heels zu tragen. Wir feiern Frauen, wenn sie High Heels anziehen, sexy sind, ihre Brüste großartig aussehen und ihre Ärsche ebenso. Wir lieben es, wenn sie super sexy Schuhe tragen. Aber immer dann, wenn sie keine anziehen müssen, sollten sie so wenig Schuh wie möglich an sich haben.

 

Die Idee hinter Vivobarefoot ist, Schuhe zu produzieren, die extrem dünne Sohlen von nur wenigen Millimetern haben, sodass man jede Unebenheit des Bodens spürt und das Gefühl hat, barfuß zu laufen.

Waren alle bisherigen Ansätze der Schuhindustrie mit Stoßdämpfung oder Luftsohlen falsch?
Absolut. Es gibt keinen Beweis, dass Stoßdämpfung wirklich Sinn macht. Die ursprüngliche Idee des Schuhs war, die Fußsohle vor Wärme, Kälte und Stößen zu schützen. Der Mensch hätte Afrika nie verlassen können, durch Wüsten und über Berge gehen ohne Schuhe. Schuhe dienten ursprünglich also dem Schutz der Füße. Die derzeitige Schuhtechnologie, die es vielleicht seit 50 Jahren gibt, hat definitiv mehr Schaden angerichtet als Gutes getan. Die schnellsten Menschen der Welt wuchsen ohne Schuhe auf und alle jene, die moderne Schuhe tragen, laufen langsamer, mit mehr Schmerzen und Problemen. Natürlich hat das auch damit zu tun, dass wir uns weniger bewegen, aber Schuhe haben ihren Anteil an dieser Fehlentwicklung.

Bei United Nude setzen Sie auf 3D-Technologie. Planen Sie, In Ihren Shops für jeden Kunden individuelle Schuhe zu designen? Kann die Zukunft so aussehen, dass man in einen United- Nude-Shop geht, seine Füße scannen lässt, ein Modell in seinen Lieblingsfarben aussucht, Details wie die Absatzhöhe festlegt, einen Kaffee trinken geht, und drei Stunden später den fertigen Schuh abholt?
Ganz genau, dort wollen wir hin. Bei Vivobarefoot arbeiten wir in Afrika mit einheimischen Stämmen zusammen, die Schuhe aus lokalen Materialien machen, ohne Abfall, Schuh für Schuh. Es ist unglaublich nachhaltig. Die 3D-Technologie bringt uns dem am nächsten. Wir werden damit wieder Schuh für Schuh für jeden Kunden individuell herstellen können, aus lokalen Materialien, ohne Abfall, nur durch 3D-Druck.

Wird man schon bald in United-Nude-Shops seinen individuellen 3D-Schuh herstellen lassen können?
Ja. In weniger als vier Jahren wird das möglich sein, soviel kann ich sagen.

Wann exakt?
Es wäre bereits dieses Jahr, also 2017, möglich. Wahrscheinlich ist, dass wir die Technologie ein Jahr später einführen.

Dies ist eine revolutionäre Ansage, die die gesamte Schuhindustrie verändern kann. Ist es in einer Zeit, wo alles digitalisiert wird, was digitalisiert werden kann, notwendig, völlig neue Wege zu gehen?
Wir machen bei Vivobarefoot Schuhe mit den Buschmännern der Wüste Kalahari. Sie erzeugen die traditionellen Jagdsandalen seit tausenden Jahren. In Fabriken erzeugte Schuhe gibt es vielleicht seit 100 Jahren. Als meine Familie begann Schuhe herzustellen (Anm.: 1825), lagerte sie die Produktion in die Familien der Mitarbeiter aus, die diese zu Hause herstellten. Dann kam die große Neuerung, indem man Fabriken baute und die Arbeiter dorthin brachte. Das war eine Revolution. Und dann kam Nike und begann Schuhe mit Robotern herzustellen. Nun gaben sie die Zusammenarbeit mit einer großen Produktionsgesellschaft und einer digitalen Bildverarbeitungsfirma bekannt, um die Schuhherstellung komplett zu digitalisieren. Es wird kaum mehr Menschen in diesem Prozess geben, alles wird von Robotern gemacht. Es gibt keinen Zweifel, dass wir auf dem Weg zu 3D-produzierten Schuhen sind. Ich kenne jemanden in Spanien, der die Werkstoffe für 3D-Druck herstellt und dabei mit Leder experimentiert. Man kann bereits jetzt 50 Prozent Leder dem Polyethylen beimischen und so ganz eigenes Material und ebensolche Effekte erzielen. Solche Neuigkeiten kommen mittlerweile im Wochenrhythmus.

Wenn alles automatisiert wird, was passiert dann mit all den Menschen, die heute noch in der Schuhindustrie arbeiten?
Ohne Zweifel wird eine neue, digitalisierte Welt entstehen. Gleichzeitig entwickeln wir – welch Ironie – Technologien für das Gehirn, mit denen wir Maschinen durch den bloßen Gedanken an sie kontrollieren können. Ihr Gehirn wird so zum Steuerungselement für Maschinen. Doch die Wahrheit ist: Wenn Sie gesund essen, gut schlafen, regelmäßig Sport machen, ist das immer noch die beste Methode, um kein Alzheimer zu bekommen. Was wir versuchen, ist moderne Technologie zu nutzen, um altes Wissen und alte Weisheiten zurückzuholen. Wir machen all diese großen wissenschaftlichen Entdeckungen und digitalen Entwicklungen, wir bauen unsere reale Welt darum auf, aber die Wahrheit ist, dass der Mensch noch immer so wenig über seine Seele weiß und versteht. Wir versuchen die Gesetze der Natur zu brechen und ich weiß nicht, ob das gutgeht. Ich denke, die ganze Technologie wird uns am Ende dazu bringen ein natürlicheres Leben zu führen, näher an der Natur. Je mehr wir durch Smartphones und Computer vernetzt sind, desto weiter entfernen wir uns von unseren Freunden in der realen Welt. Es ist amüsant, dass die Menschen ohne Mobiltelefon oder Computer wahrscheinlich die bestvernetzten Menschen zu anderen und der Natur sind. Es ist wie bei „Avatar“: Durch unglaublich moderne Technologie kommen wir zurück zum Ursprung. Don’t fuck with Mother Nature!

Sie leben außerhalb Londons. Wie?
Ich lebe in einem Haus, zu dem man nur über eine staubige Straße mit vielen Schlaglöchern gelangen kann, mit Ponys, Schafen und wo man weit und breit keinen Nachbarn sieht. Es ist so nah an der Natur, wie man nur sein kann.

Monsterschuhe: Fast 30 cm sind die Absätze hoch, die United Nude für das Lady Gaga-Schuh-modell kreierte.

Vermitteln Sie das auch Ihren Kindern? Haben sie einen Bezug zur Natur?Meine Kinder gehen in eine Art Steiner-Schule. Wir haben einen Vertrag mit der Schule unterzeichnen müssen, dass sie bis zu ihrem 12. Lebensjahr weder Handy noch Computer oder Fernseher bekommen.

Sie haben Chinesisch und Anthropologie studiert. Was haben Sie von der chinesischen Kultur gelernt?
Buddhismus ist die Beziehung mit dem Kosmos, den 100 Leben vor und den 100 Leben danach und die metaphysische Existenz, die du nicht wirklich ignorieren kannst. Deine eigene persönliche Energie fließt. Du bist mit der Natur verbunden. Du folgst den Gesetzen der Natur. Und wenn du das machst, so geht es dir wirklich gut dabei.

Sie sind die siebente Generation einer der bekanntesten Schuhdynastien der Welt. War das für Sie eher von Vorteil oder eine Last?
Sowohl unsere Familie als auch unser Familiengeschäft ist auf Prinzipien aufgebaut. Eines davon ist die Überzeugung, dass, wenn du glücklich genug bist, mehr zu schaffen, als du selbst benötigst, dass du dies nutzt, um anderen zu helfen. Und dass Geld nicht dazu da ist, um sich teure Yachten oder sonstigen Luxus zu leisten. Dein Business soll der Gesellschaft dienen und Innovationen sollen die Gesellschaft besser machen. Es ist aber auch eine Last, denn mein Vater ist alt, bei Clarks gibt es Probleme und ich würde mich lieber dem weiteren Ausbau meiner eigenen Firmen widmen als mich wieder um das Familiengeschäft kümmern zu müssen. Das ist alles andere als einfach, denn nach sieben Generationen gibt es jede Menge Familienmitglieder, die sich einmischen. Ich habe selbst ja nie für Clarks gearbeitet. Nun bin ich mehr und mehr involviert. Unserer Familie gehören nach wie vor 80 Prozent an der Firma Clarks.

Als wir uns das letzte Mal in Wien trafen, erzählten Sie mir, dass Ihre Mutter aus Österreich stammt.
Ja, meine Mutter war Wienerin.

Können Sie Deutsch?
(antwortet auf Deutsch) Ja, ein bisschen. Sie ist vor 15 Jahren gestorben, seitdem habe ich fast gar nicht mehr Deutsch gesprochen.

Meditieren Sie?
Ja. Jeder hat seine eigene Form der Meditation. Ich mag die Taoistische Meditation.

Was inspiriert Sie?
Menschen, Projekte, Glauben inspiriert mich, Menschlichkeit. Vor allem aber die Menschen um mich.

Was will der Mensch Galahad Clark erreichen?
Wenn ich etwas erreichen möchte, dann die Schuhindustrie zu einer besseren Kraft für das Gute in der Welt zu machen. Ich möchte andere inspirieren. Business verlangt konstante Revolutionen und Neuerfindungen. Es wäre eine Sünde aufzuhören, die Dinge laufend zu verändern. Das wäre der Anfang vom Ende. Wenn du zur Welt kommst, weinst du als Baby und die Welt freut sich. Dann solltest du dein Leben bestmöglich leben. Wenn du  stirbst, gehst du in Freude, und die Welt weint.