Inspiration

Heller und Kerbler: Fantastische Realisten

Der eine gilt als einer der bedeutendsten Universalkünstler unserer Zeit, der andere als einer der erfolgreichsten Immobilienentwickler Österreichs. André Heller und Günter Kerbler verbindet eine ungewöhnliche Freundschaft. In OOOM sprechen sie erstmals über ihre Begegnungen, Tabus, Großzügigkeit, Visionen, Seelenverwandtschaft, Spiritualität, Risiko, Größenwahn – und ihre gemeinsame Liebe zu Gärten.

GEORG KINDEL & CHRISTINA ZAPPELLA-KINDEL28. Mai 2021 No Comments

Sie beide verbindet eine jahrzehntelange Freundschaft. Wie war Ihre erste Begegnung?
André Heller: Das war bei einer „Arbeiter-Zeitung“-Krisensitzung (Anm.: kurz vor deren Einstellung 1991).
Günter Kerbler: In Wien-Hietzing mit Leuten, die offensichtlich einen Drang hatten, viel Geld zu verlieren. Das ist ihnen dann auch gelungen. Ich bin eingestiegen, denn ich hatte mein Wort gegeben. Es war aber schon klar, dass es nichts mehr wird.
Heller: Irgendwie hingen da so romantische Gedanken dran. Klare, verstandgesteuerte Überlegungen waren da glaube ich nicht dabei.

Wie war diese Begegnung?
Heller: Ich wusste nicht genau, wer Günter ist, und habe erst nachher im Lauf der Monate immer wieder Informationen erhalten, dass da ein abenteuerlustiger, risikobereiter, mutiger und fähiger Mann am Tisch saß.
Kerbler: Die Journalisten haben sich ja alle festge­klammert an den Verträgen. Die größte Position waren die Journalistengehälter.
Da waren lauter honorige Persönlichkeiten, und da kommt der kleine Mann aus dem Waldviertel.
Heller: Das ist ein interes­santer Punkt, der kleine Mann aus dem Waldviertel.
Kerbler: 1 Meter 84.
Heller: Man kann keine unterschiedlichere Herkunft haben als wir zwei. Ich habe immer eine große Sympathie empfunden für Menschen, die ganz andere Grundvoraussetzungen für ihre positive Entwicklung hatten als ich. Andere Verwerfungen in ihrem Leben, andere Einblicke und Ausblicke. Ich komme aus einer Großindustriellen-Familie, die dann relativ bald nach dem Tod meines Vaters 1958 dem Bankrott ins Auge geschaut hat. Aber davor habe ich eine Kindheit des Überflusses und der Lieblosigkeit und mit vollkommenem Mangel an Solidarität und Herzensbildung erlebt. Wir haben Dienerschaft gehabt und Chauffeure. Mein Vater kam als französischer Besatzungs­offizier zurück aus der Emi­gra­tion. Er wäre um ein Haar ins KZ gekommen und konnte sich absurderweise mit der Hilfe von Mussolini nach Frankreich retten, war dann, in der Londoner Exil­regierung von Charles de Gaulle, Verbindungsoffizier zum Weißen Haus. Als einer der Befreier Österreichs, nach der Nazi-Weltkriegskatastro­phe, hat er es noch einmal mit diesem Land versucht und sich bemüht, die arisierte Süßwarenfabrik wieder in unseren Besitz zu bringen.

Das Unternehmen florierte nach dem Krieg.
Heller: Wir haben in den 1950ern in einer Wirklichkeit gelebt, die Schlaraffenland und utopischer Film war. Die Familie ist in begehrtesten Luxusgütern, wie Schokolade, Bonbons oder Kaugummis, geschwommen, weil die Firma Heller all das erzeugte. Das waren ja damals echte Währungen. Damit hätte man sich Picasso-, Klimt- oder Monet-Gemälde kaufen können, doch das haben meine Eltern leider nicht im Geringsten getan. Es herrschte zuhause ein Generalklima des Hochmuts und der Empathieverweigerung. In unserer Produktionszentrale, am Belgradplatz in Favoriten, waren an die 2.000 Arbeiter beschäftigt, die mein Vater, obwohl unser Reichtum auf deren Tun basierte, verachtete. Er war ein ehemaliger Hardcore-Austro-Faschist, der die Arbeiterschaft als Feinde empfand. Seine Botschaft lautete: „Schau den Arbeitern nicht in die Augen. Die verwünschen uns nur.“ Wir haben zwar von denen gelebt, aber es gab keinerlei Anerkennung ihrer Leistung. Günter kommt eher aus einem Milieu, das so war wie jenes, das man mich lehrte abzulehnen, bis ich es später besser wusste.

Herr Kerbler, Ihr Eindruck?
Kerbler: Ich habe ihn noch in Erinnerung, als er der freche Ö3-Journalist war.
Heller: Disc-Jockey.
Kerbler: DJ warst du, tschuldige (lacht). Da war er mir aber immer ein bisschen unsympathisch. Wenn ich mir heute sein Lebenswerk anschaue, ist es doch relativ vielfältig. Dafür habe ich eine Bewunderung. Den Weg zu gehen und vielleicht auch schwierig zu sein – das muss man schon können.

Ich habe ihn noch in Erinnerung, als er der freche Ö3-DJ war. Wenn ich mir heute sein ­Lebenswerk anschaue, ist es doch vielfältig. (Günter Kerbler)

28. Mai 2021