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Nur die Liebe zählt

RTL-Gründer Helmut Thoma erfand das deutsche Privatfernsehen und machte die RTL Group als langjähriger Vorstandsvorsitzender zu Europas größtem und profitabelstem TV-Konzern. Der legendäre Fernsehmacher und seine Frau Danièle sprechen im OOOM-Interview über die Liebe, ihre Ehe, Affären, die Unfähigkeit seiner RTL-Nachfolger, das Ausnahmetalent Sebastian Kurz, warum es für Wiens Bürgermeister Häupl Zeit ist, zu gehen – und warum auch Angela Merkel endlich abtreten sollte.

CHRISTINA ZAPPELLA-KINDEL & GEORG KINDEL4. August 2017 No Comments


Schon das Entree zeigt, dass hier ein Paar mit Kunstverstand und Gespür für die schönen Dinge des Lebens residiert: alte Meister an den Wänden, darunter ein Porträt Kaiser Josephs II., eine originale altägyptische Totenmaske, erlesene Asiatika, dazwischen mit Intarsien verzierte Kommoden und Kästen verschiedener Epochen und barocke Möbel auf edlem Sternparkettboden. Vor einem Jahr haben RTL-Gründer Helmut Thoma und seine Frau Danièle ihr neues Domizil bezogen. Das schillernde Paar pendelt zwischen Monte Carlo, Luxemburg und Wien. Der Vater des deutschen Privatfernsehens, der aus dem Luxemburger Garagensender RTL einen Milliardenkonzern machte und Europas größte und profitabelste Sendergruppe formte, ist nach wie vor ein höchst gefragter Mann. Im deutschen Milliardenkonzern Freenet übernahm er gerade wieder den Aufsichtsratsvorsitz, und auch bei anderen Großunternehmen zieht er die Fäden. In OOOM sprechen der TV-Pionier und seine Frau über ihr privates Leben, die Branche – und was sie von der Politik in Deutschland und Österreich halten.

Sie sind seit über 30 Jahren ein Paar. Welche Eigenschaft ist in einer Ehe die wichtigste?
Helmut Thoma: Durchhaltevermögen.
Danièle Thoma: Dem schließe ich mich an.
Und sonst?
Danièle Thoma: Einfühlungsvermögen. Helmut, vielleicht können wir doch ein bisschen romantischer werden: Liebe kann man nicht beschreiben und es bedarf halt immer ein bisschen einer Magie. Mit Magie ist alles ausgedrückt: Liebe, Durchhaltevermögen, Einfühlungsvermögen.
Wie war das damals?
Helmut Thoma: Da war ein großer Funke!
Danièle Thoma: 1984 habe ich begonnen für ihn zu arbeiten, das war zu Beginn von RTL. Helmut entsprach dem, was ich mir unter einem Helden, einem Prinzen vorstellte. Ich habe mich sehr verliebt.

WIR STARTETEN BEI RTL MIT 25 LEUTEN UND 12 FILMEN,
DIE WIR ABWECHSELND SPIELTEN.
ICH SAGTE ZU MEINEM TEAM:
WIR MÜSSEN ERFRISCHEND ANDERS SEIN,
IM EXTREMFALL AUCH ERSCHRECKEND ANDERS.

Helmut Thoma: Die Initialzündung war dann bei einer Feier im Hotel Intercontinental in Luxemburg, die lang gedauert hat und wo viel Alkohol geflossen ist.
Danièle Thoma: An dem Abend hatte ich mich besonders hübsch gemacht, wir tranken Champagner. Und auf einmal merkte ich: Da steht Helmut in seiner ganzen Pracht, prostet mir zu und mir fangen die Knie zu zittern an. Später sind wir alle auf noch einen Drink gegangen. Helmut saß in der Mitte, rechts neben ihm saß meine Mitarbeiterin Rosi Holbe, und es floss Champagner und Rotwein – die Mischung ist sehr gefährlich. Irgendwann sagte Frau Holbe: „Herr Doktor Thoma, ich glaube, Sie suchen das Knie von Fräulein Milbert und nicht meins!“ (lacht)

Das war die Pionierzeit von RTL. Ahnten Sie damals schon, dass daraus ein Milliardenimperium werden könnte?
Helmut Thoma: Nein, gar nicht. Wir haben mit 25 Mitarbeitern begonnen, und die hab ich vom Hörfunk abgezogen, daher konnte ich nicht die besten nehmen, sondern nur jene, die entbehrlich waren. Wir wollten irgendwann ja Erster werden. Also gab ich die Parole aus: Ihr müsst den ganzen Schirm füllen, es muss sich was bewegen, in Farbe und – jetzt kommt der entscheidende Punkt – die Leute müssen uns zuschauen. Wie und was ist mir eigentlich egal. Lasst euch was einfallen! Das kann ganz simpel und einfach sein, ob das jetzt Mensch-ärgere-dich-nicht oder Kartenspiele sind. Notfalls machen wir das auch im Fernsehen.
Danièle Thoma: Wir hatten einen Moderator, den Rainer Holbe, der hatte zu Hause einen Whirlpool, was damals eine Sensation war. In den Whirlpool hat er sich dann mit einer Art Gummikappe und einer runden Taucherbrille hineingesetzt und hat dort Gute-Nacht-Geschichten gelesen.
Helmut Thoma: Ich sagte immer: Leute, wir müssen erfrischend anders sein. Im Extremfall auch erschreckend anders! Als ich gestartet bin, hatte ich insgesamt 12 Filme, die haben wir immer und immer wieder gespielt. Ich schickte dann meinen Filmeinkäufer nach Italien und sagte ihm: Suchen Sie Filme, die zu Recht noch nie im deutschen Fernsehen gelaufen sind. Das waren diese ganzen Schinken wie „Theseus“, wo immer die gleichen Pappendeckel-Kulissen umgeschmissen werden. Das hätte niemand auszustrahlen gewagt. Aber sie waren neu. Teilweise hatte das auch gewisse Risiken, weil wir Filme ausstrahlten, die sich niemand vorher angesehen hatte. Zum Muttertag zeigten wir den Film „Die kleine Mutter“. Nur leider war das die Geschichte des Aufstiegs von Evita Perón durch die verschiedenen Soldatenbordelle zur Frau des argentinischen Präsidenten. Es war schon sehr knapp an der Grenze zum Porno für die damalige Zeit. Die haben sie dauernd über den Tisch gelegt – und das strahlten wir am Muttertag aus! Ich habe dann eine ältere Redakteurin abkommandiert, sich alle Filme vor der Ausstrahlung auch anzusehen.
Dann kam „Tutti Frutti“, wo sich Frauen vor der Kamera auszogen.
Damals wurde gerade der Sender Tele5 von Rechtehändler Herbert Kloiber und Silvio Berlusconi gegründet. Aufgrund meiner Bekanntschaft mit Berlusconi habe ich geschaut, was in Italien so populär ist. Da gab es Rete 4, eine Art Lokalsender für Mailand, der hatte ein Format namens „Colpo Grosso“, eine Striptease-Show. Ich dachte mir: eine gute Idee.
Danièle Thoma: Der Name „Tutti Frutti“ ist von mir.
Helmut Thoma: Es war ein Aufreger sondergleichen. Weltuntergang! Die Prognosen waren: Du wirst in Deutschland niemanden finden, der sich auszieht. Die Sendung könnte man heute noch produzieren, so viele haben sich gemeldet.
Sie haben dann das deutsche Fernsehen radikal umgekrempelt?
Helmut Thoma: Das begann damit, dass wir 24 Stunden sendeten, was damals niemand machte. Der nächste Schritt war, die Ansagerinnen abzuschaffen.

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