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Nur die Liebe zählt

RTL-Gründer Helmut Thoma erfand das deutsche Privatfernsehen und machte die RTL Group als langjähriger Vorstandsvorsitzender zu Europas größtem und profitabelstem TV-Konzern. Der legendäre Fernsehmacher und seine Frau Danièle sprechen im OOOM-Interview über die Liebe, ihre Ehe, Affären, die Unfähigkeit seiner RTL-Nachfolger, das Ausnahmetalent Sebastian Kurz, warum es für Wiens Bürgermeister Häupl Zeit ist, zu gehen – und warum auch Angela Merkel endlich abtreten sollte.

CHRISTINA ZAPPELLA-KINDEL & GEORG KINDEL4. August 2017 No Comments

Imperiales Zuhause: der Wohnsalon der Thomas. (Foto: Roland Unger)

Die wirtschaftlich folgenreichste Neuerung war Ihre Erfindung der „werberelevanten Zielgruppe“ der 14- bis 49-Jährigen.
Helmut Thoma: Ich überlegte mir damals, wie man die Jungen erreichen kann. Nicht weil sie Geld haben, aber als Junger ist man Erstverwender. Man hat sein erstes Konto, sein erstes Auto usw. Ich überlegte: Wo kriegen wir irgendeine Definition her? Wir fanden heraus, dass ZDF und ARD schon damals eher die Alten bedienten. Gut, sagte ich, dann nennen wir einfach die 14- bis 49-Jährigen werberelevante Zielgruppe.
Eine ganze Industrie ist Ihrer Idee gefolgt.
Helmut Thoma: Nicht nur in Deutschland, in ganz Europa. Das ist wunderbar gelaufen. 1993 waren wir die Nummer eins, nach nur acht Jahren gegen zwei Giganten: Das ZDF hatte 3.200 Mitarbeiter, die ARD 22.000, wir nicht einmal 600. Wir haben Geld en masse verdient. Ich kaufte dann in den USA unsere erste Serie „Knight Rider“ mit David Hasselhoff und dem sprechenden Automobil ein. Ich dachte mir: Autos, die reden – das gefällt den Germanen!

RTL-CHEFIN ANKE SCHÄFERKORDT IST NICHT KREATIV.
UND BEI GERHARD ZEILER WAR NICHT VIEL LOS.
ER WAR EIN KLEINER BRUTUS,
EIN NACHWUCHS-BRUTUS.
VON IHM KONNTE ICH NICHT VIEL ERWARTEN.

Aus dieser Zeit stammt Ihr Spruch: „Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.“
Helmut Thoma: Ich kann keine Musik machen oder Bilder malen, aber ich habe eine ungeheure Intuition für das, was Menschen interessiert und was sie als Unterhaltung sehen. Das, was allen fehlte, war das Eigene, das Heimische. Wir machten „Alarm für Cobra 11 – Die Autobahnpolizei“. Vor Kurzen wurde das 20. Jahr davon in Köln gefeiert, die Serie ist in 150 Länder verkauft worden und läuft heute noch. Dann kam Filmproduzent Karl Spiehs, der sagte: „Ich möchte eine Serie machen.“ Ich habe ihn gefragt: „Hast du schon mal eine Serie produziert?“ Er antwortete: „Nein, aber das ist ganz einfach. Das sind lauter kleine Filme!“ (lacht) So entstand „Ein Schloss am Wörthersee“ mit Roy Black. Nach der ersten Folge hat die „Bild am Sonntag“ geschrieben: „Lieber eine langjährige Haftstrafe antreten als diese Folge anschauen!“ In Wahrheit war es ein rauschender Erfolg.
Bis Ihr Hauptdarsteller Roy Black starb.
Nach nur acht Folgen, eine Katastrophe. Er hat wieder zum Trinken angefangen und ist an einem Herzinfarkt gestorben. Aber wie so etwas Tragisches nun ist, hat es eine PR ausgelöst, die unglaublich war. Das Tollste war Pierre Brice, der zu den Klängen von „Winnetou“ über die Kärntner Steppe geritten ist. (lacht) Die Leute mochten das.
Funktioniert dieses Prinzip heute noch?
Ja klar. Die Sehnsucht nach der heilen Welt, nach blöden Scherzen. Die Leute lachen gerne. Das verstehen sie. Man darf die Zuschauer nicht überfordern. Mein eigener Geschmack ist dabei völlig wurscht. Ich habe dann die zweite absolute Erfolgsgeschichte aufgelegt: „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Die haben jetzt gerade 25 Jahre gefeiert. Am Anfang auch eine völlige Katastrophe. Ich habe auch immer ganz hohen Wert auf Nachrichten gelegt und auf Kontinuität. Fernsehen ist Gewohnheit. RTL-Nachrichten laufen bis heute um viertel vor 7. Wir haben die deutschen Nachrichten revolutioniert und die öffentlich-rechtlichen Sender auf ihren eigensten Gebieten geschlagen. Erreicht habe ich das dadurch, dass ich die ganzen Soft News rausgenommen und in „Explosiv“ gesteckt habe, die Boulevardsendung. Genauso bei „Exclusiv“, die Prominews.
Viele Sendungen und Formate, die Sie erfunden oder ins Programm gesetzt haben, laufen heute noch mit großem Erfolg. Fehlt es RTL heute an Innovation?
Da passiert nichts mehr. Das war mir klar. Wer soll es denn machen? Was ich in Österreich extrem grauslich finde, ist, dass man immer nach Deutschland schaut. Im Unterhaltungsbereich kochen die nicht nur auch mit Wasser – die haben Wassermangel. Da ist nichts! Die Deutschen haben große Vorteile, aber eines haben sie nicht: Kreativität. RTL habe ich mit Luxemburgern, Holländern, Franzosen und Österreichern aufgebaut. Die Deutschen saßen in der Verwaltung.


Zur heutigen RTL-Chefin Anke Schäferkordt meinten Sie, sie sei „eine perfekte Controllerin, hat aber keine Ahnung von Serien“.
Braucht sie auch nicht. Sie war Controllerin und hat das auch toll gemacht. Ich habe sie gefördert, damit sie Verwaltungschefin von Vox wird, und durch viele Zufälle wurde sie dort auch Senderchefin. Sie ist von der ganzen Ausbildung her nicht kreativ.
Und Ihr Nachfolger als RTL-Chef, Gerhard Zeiler?
Beim Zeiler war nicht viel los. Dem Zeiler habe ich bei Tele 5 geholfen und Herbert Kloiber Zeiler als Chef empfohlen. Ich hab sogar RTL-Chefredakteur Hans Mahr vorgeschlagen, da hat sich Kloiber etwas angewidert abgewandt. Aber dann hab ich ihm Zeiler geschickt. Warum? Weil ich durch Hans Mahr und andere gewarnt wurde, dass Gerd Bacher (Anm.: Ex-ORF-Chef) gesagt hätte, wenn er wiederkommt, schmeißt er Zeiler beim ORF raus, weil der für die Waldheim-Affäre zuständig gewesen sein soll, was in gewissem Sinne stimmt. Aus Tele 5 ist dann Sport1 entstanden. Eine der ersten Handlungen der neuen Eigentümer war, Gerhard Zeiler an die Luft zu setzen. Nur hab ich mich wieder verpflichtet gefühlt, als er da herumgeirrt ist. Wir haben gerade RTL2 gegründet, eine Initiative von mir. Ich dachte mir: Warum nicht Zeiler? Das hat er auch gut gemacht.

4. August 2017