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Herbert Föttinger: Der Haifisch in der Josefstadt

Herbert Föttinger hat aus der Josefstadt Wiens spannendstes Theater gemacht: Uraufführungen von Peter Turrini, triumphale Premieren wie Ionescos „Der König stirbt“ in der Regie Claus Peymanns, großartige Schauspieler wie Johannes Krisch, Claudius von Stolzmann, Larissa Fuchs oder die Newcomerin Paula Nocker. OOOM begleitete Direktor Föttinger vor und hinter der Bühne rund um die Premiere von Brechts „Dreigroschenoper“ in den Kammerspielen. Und sprach mit dem gern grantigen Theatermacher über seine Doppelfunktion als Manager und Schauspieler, seinen 60. Geburtstag, Scheitern, Verführung, saublöde Stücke – und warum man als Josefstadt-Direktor prinzipiell laut sein und auf den Tisch hauen muss.

Georg Kindel19. November 2021 No Comments

Sie managen tagsüber eines der renommiertesten Theater Wiens und spielen abends auf der Bühne eine textlastige Hauptrolle wie in der „Dreigroschenoper“. Zehrt das an der Substanz?
Natürlich. Ich glaube, wichtig ist, dass man den Beruf des Theaterdirektors und den des Schauspielers trennt. Das heißt, dass ich am Nachmittag, wenn ich am Abend eine Vorstellung habe, nach Hause fahre, um mich darauf konzentrieren zu können. So funktioniert das. Ich bin ja nie angetreten, um nur ein Manager meines Hauses zu sein, sondern auch einer, der künstlerische Verantwortung übernimmt, indem er inszeniert und spielt. Ich glaube, das hat der Josefstadt gut getan: Regisseure und Schauspieler waren Intendanten und konnten aus dieser Position heraus den direktesten Kontakt zum Publikum aufnehmen. So spürt man, wie schwer es oft ist, ein Publikum zu verführen.

Stellen wir uns die Probe der „Dreigroschenoper“ vor. Direktor Föttinger steht als Peachum auf der Bühne und Regisseur Thorsten Fischer sagt ihm: „Nein Herbert, das kannst du besser.“ Können Sie sich da als Schauspieler unterordnen oder steht da die Eitelkeit dazwischen?
Ich war nie eitel, aber immer so, wie ich auch jetzt noch bin, da hat sich letztendlich nicht sehr viel verändert. Ich suche die Auseinandersetzung mit den Regisseurinnen und Regisseuren, das habe ich schon mit 25 Jahren gemacht. Vielleicht interpretiert man kraft der Person, die ich jetzt bin, etwas anderes hinein, aber wenn man mich kennt, weiß man, dass ich immer so war.

Wenn Gert Voss zu Regisseur Peymann etwas gesagt hat, dann hat Peymann sich das wahrscheinlich auch angehört – aber trotzdem gemacht, was er wollte.
Aber auch die Arbeit des Peymann, glaube ich, sieht man falsch. Gerade Peymann ist einer, der extrem abhängig ist von den Schauspielerinnen und Schauspielern, und nicht einer, der ein Diktat in den Raum stellt: Er ist ganz glücklich, wenn es eine gewisse Selbstständigkeit bei seinem Ensemble gibt. Alle wollen doch, dass das Produkt gut wird.

Theater ist ein Gemeinschaftsprozess und da ist es letztlich egal, ob die Regie oder die Requisite eine gute Idee hat. Es geht nicht um die Befindlichkeit und Eitelkeit der Regie, sondern dass der Theaterabend besonders wird.

Sie haben vor 15 Jahren die Josefstadt von Helmut Lohner übernommen. Wussten Sie damals eigentlich, worauf Sie sich da einlassen?
Ich hatte immer das Gefühl, dass sich etwas ändern muss, aber wie konkret die Veränderungen durchzuführen sind, ergibt sich, wenn man wachsam ist und sieht, wie sich ein Haus entwickelt. Ich misstraue jedem Konzept, das designierte Intendanten vorlegen. Denn Konzepte ändern sich immer wieder. Eines war mir immer relativ klar: dass die Gegenwartsliteratur in der Josefstadt wieder einen Platz finden muss. Das wurde vielleicht in den letzten Jahrzehnten vernachlässigt.

19. November 2021