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Der letzte Akt: Hinter den Kulissen des Burgtheaters

Die Uraufführung des Stückes „Zelt“ von Herbert Fritsch war die letzte Premiere am Wiener Burgtheater, bevor Martin Kušej das Zepter übernimmt. 19 Ensemblemitglieder müssen gehen, dazu Mitarbeiter verschiedener Abteilungen. Während Kušej von München aus die Übernahme plant, probte der Regisseur und Medienkünstler unbeirrt mit Schauspielern zwischen Euphorie, Wehmut und Freude. Mit „Zelt“ geht auch die Ära Karin Bergmanns als Direktorin zu Ende, die das Haus souverän durch schwere Zeiten steuerte. OOOM war hinter den Kulissen dabei und erlebte ein Burgtheater im Auf- und Umbruch.

Michaela Ernst8. Mai 2019 No Comments
burgtheater backstage ooom magazine

So ein Zeltballett hat die Burg freilich noch nicht gesehen. Elegant und langsam arbeitet es sich vom Bühnenboden zur Decke empor und wieder herab: 14 leere Zelte schweben in unterschiedlichen Höhen vor einem knallfarbenen Hintergrund – rote, blaue, grüne, gelbe, orange und violette Trekkingzelte, von innen beleuchtet wie überdimensionale Lampions. Mit ihrem behutsam tänzelnden Rauf und Runter schaffen sie eine eigene Ästhetik und Rangordnung. Eigene Spielregeln.

Stille. Regisseur Herbert Fritsch durchbricht die Poesie. „Vorsicht, Zelt von oben!“, ruft er seinen Schauspielern zu. Deren Köpfe ragen mittlerweile aus den Luken eines perfekt schimmernden, karibikfarbenen Bodens. Nun schälen sich auch ihre Körper heraus, die Schauspieler stehen langsam auf, der Regisseur warnt ein weiteres Mal: „Passt auf, dass ihr nicht in so eine Klappe reinfallt!“ Danach herrscht wieder Stille.

Keiner spricht. Zauberballett, Zelteballett über einer Truppe, die wie gebannt wirkt von dem seltsam schönen Spiel und das Notwendigste untereinander austauscht. So eine Ruhe möchte man als Zuseher einmal erleben, wenn man in einer stinknormalen Aufführung sitzt. Aber hier ist nichts normal.

Ausnahmezustand. Erstens wird geprobt. Zweitens wird mit Herbert Fritsch geprobt. Das heißt: Alles befindet sich im Ausnahmezustand. Denn es gibt kein Buch, keinen Text zu diesem Stück, sondern nur drei Grundbilder: Zu Beginn kommt eine Putzkolonne auf die Bühne, danach werden die Zelte aufgebaut und Musik gemacht, und am Ende „rollen“ die Köpfe. Den breitesten Aspekt nimmt die Szene ein, in der die Zelte aufgebaut werden. „Deshalb heißt das Ganze ,Zelt‘ – irgendeinen Titel müssen wir ja haben“, erklärt Fritsch. Der Titel sei der Angelpunkt für alles, was sein Ensemble macht, selbst wenn es sich ganz woanders hin entwickelt und es zu einer Themenverfehlung kommt.

Als Inhaltsangabe ist das für einen Außenstehenden nicht ganz leicht – zumindest nicht auf Anhieb – zu verstehen: „Zelt“, eine Uraufführung und die letzte Burgtheater-Premiere in der Intendanz von Karin Bergmann, ist ein Stück, das keinen Text und außer ein paar Punkten keine vorgegebene Linie hat – dafür aber ein klares Ziel: Schwingungen zu erzeugen. „Es geht uns nicht darum, dass wir eine Botschaft rüberbringen, sondern dass wir die Botschaft rüberbringen, die uns das Medium erzählt“, sagt der Regisseur.

Exzentrisch und absurd. Herbert Fritsch, 68, ist mittlerweile bekannt dafür, das klassische Bildungstheater hinter sich gelassen zu haben. Er liebt das Exzentrische und Absurde, die starken Farben, das Formenspiel und den reduzierten Dialog. Selbst wenn er sich Shakespeare nähert – am Burgtheater inszenierte er in der Spielsaison 2017/18 „Die Komödie der Irrungen“ –, kennt er keine Hemmungen, aus manchen Passagen die Worte brutal wegzuschaufeln und sie dafür an anderen so zu verdichten, dass nur mehr unverständliches Gebrumme hervorkommt. Eine seiner radikalsten Arbeiten zeigte er vor sieben Jahren an der Berliner Volksbühne: das Ein-Wort-Stück „Murmel Murmel“ von Dieter Roth. Schon damals arbeitete sich Fritsch an „der Wohltat der Leere“ ab, indem er seine Akteure 90 Minuten lang völlig sinnbefreit, dafür in den unterschiedlichsten Tempi und Stimmlagen, „Murmel Murmel“ sagen ließ. Immerhin – der Grundtenor der Kritiken war positiv.

Geschwätz. Umso weniger schätzt Fritsch es, wenn man seine Stücke als „wortarm“ bezeichnet. „Ich würde eher sagen: schweigreich“, kontert er dann und erklärt, was er damit meint: „Wir sind umgeben von so viel Geschwätz. Was wir uns alle täglich anhören müssen, vor allem vonseiten der Politik, wo man meint, die Welt soll noch schöner werden. Dabei wird alles immer grässlicher, je mehr die Leute schwätzen, was man alles tun müsste, damit alles besser werde. Auch dass wir vom Theater auf der Seite der Guten wären, die immer meinten, wir tragen etwas bei zur Verbesserung der Welt. Ich habe nicht viel zur Verbesserung der Welt beizutragen. Das Einzige, was ich gerne machen möchte, ist, eine schöne Schwingung zu erzeugen. Das kann mit netten Worten sein, die einmal gar nichts bedeuten. Aber diese Worte, die immer was bedeuten, die stören mich.“

ooom herbert fritsch interview

Anstelle von bleiernen Buchstaben rückt Fritsch Musikalität in den Vordergrund. Auch hier strebt er nicht das Durchkomponierte an, sondern das spontan Improvisierte. Nicht Fertigkeit würde den Zuhörer in den Bann ziehen, sondern Leidenschaft: „Wir sind umgeben von so viel Virtuosem, dass es an der Zeit ist, aus dem auszubrechen und den Kern der Musik zu treffen – das, was in jedem Menschen drinnen ist.“ Er schwärmt von Rock-’n’-Roll-Legende Screamin’ Jay Hawkins, von dessen Verrenkungen und Grimassen, die das Salz zu dessen Sound waren, und er zitiert Duke Ellington: „It don’t mean a thing if it ain’t got that swing.“

Das ist sein Hauptspruch, sagt er: „Es hat keinen Sinn, wenn es nicht swingt.“ Das sei Schauspielerei, das ist Theater.

Ende einer Ära. Die betretene Stille, der Ausnahmezustand, die Köpfe, die am Ende „rollen“, das Exzentrische und Absurde – es scheint fast so, als würde sich das, was sich auf der Bühne abspielt, zurzeit auch hinter den Kulissen fortsetzen. Backstage in den Garderoben, da swingt es momentan kaum. „Zelt“ ist wie gesagt die letzte Premiere in der Ära Karin Bergmanns, die als Direktorin das Haus am Ring 2014 in seiner größten Krise übernahm und es souverän aus dem wirtschaftlichen Sumpf ihrer Vorgänger zog. Nach Turbulenzen in Matthias Hartmanns viereinhalbjähriger Amtszeit, die in seiner Entlassung gipfelten, falschen Bilanzen und finanziellen Schulden stand Bergmann mit ihrer unprätentiösen, souveränen und integren Art für einen Neustart. Anfangs nur als interimistische Lösung gedacht, übernahm sie das Haus dauerhaft bis 2019, konsolidierte es finanziell und hatte auch künstlerisch zahlreiche Erfolge zu verbuchen, darunter die österreichische Erstaufführung von Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ oder Georg Schmiedleitners Inszenierung von Karl Kraus’ „Die letzten Tage der Menschheit“. Nun übergibt sie das Burgtheater in tadellosem Zustand.

Aus dem Nichts eine große Wundertüte hervorzuzaubern, das beherrscht Herbert Fritsch mit ganz eigener Bravour.

Doch wie geht es weiter? Wie wird die neue Ära? Was erwartet das Ensemble? Bergmanns Nachfolger Martin Kušej scheint bereits allgegenwärtig und macht kein Hehl daraus, dass sein Stil ein anderer sein wird: „Man kann einen Berg entweder über den Wanderweg besteigen oder man geht über die Felswand“, sagte er im Interview mit dem Standard. „Ich tendiere da immer zur Felswand. Damit geht einher, dass man auch in die Struktur des Hauses eingreift.“

Adieu. 19 Verträge mit Ensemblemitgliedern hat Kušej nicht verlängert, die Gespräche dazu, die etliche Betroffene als „klassischen Rausschmiss“ beschrieben, sollen ziemlich ruppig verlaufen sein – was Kušej dementiert. Vom Residenztheater will er „zehn, elf Schauspieler nach Wien mitbringen“, kündigte er im APA-Interview an. „Die Atmosphäre ist angespannt, es geht die Angst um“, erzählt ein Ensemblemitglied, das nicht genannt werden will. „Es herrscht das große Schweigen. Diejenigen, die gehen müssen, sind stoisch und sagen auch nichts in der Presse, weil sie sich denken, es ist sowieso sinnlos. Jene, die bleiben, wollen sich nicht aus dem Fenster lehnen, weil sie Angst vor Repressalien haben.“

Kušej hat bereits ein Büro im vierten Stock bezogen, ist immer wieder im Haus und bereitet die Übernahme vor. „Es entsteht ein großes Vakuum, jeder ist desorientiert, weil wir nicht wissen, was wirklich los sein wird“, so das Ensemblemitglied. „Die Situation ist komisch, es herrscht das große Schweigen. Die, die aus München kommen, wissen sicher schon mehr als wir. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Schauspieler nach Wien ziehen, ohne konkret zu wissen, was sie hier spielen werden. Sonst würde ich meine Koffer nicht packen. Das ist natürlich keine tolle Ausgangssituation für diejenigen, die da sind und sich nicht orientieren können.“

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Eigener Sound. Mittlerweile stehen die Schauspieler wieder aufgereiht und in zwei Gruppen aufgeteilt auf der Bühne: Die links haben eine Gitarre umgehängt, die rechts eine Ziehharmonika. Instrumente der Geselligkeit, wie es sich gehört, wenn der Himmel über dem Zeltplatz vom Abendrot ins Schwarz wechselt. Er habe sogar kurz überlegt, ein elektrisches Lagerfeuer auf die Bühne zu stellen, sagt Fritsch grinsend, „aber das wäre dann zu viel gewesen. Die Lagerfeuerhaltung ist ja da“. Sie schunkelt und wiegt sich im Sound nicht vorhandener Harmonie. Zumindest anfänglich ist das so: Die Gitarrenspieler zupfen ruppig an den Saiten, die Ziehharmonikaspieler blasen schwermütige, tonlose Luft durch den Raum. Bis sich der Musiker Matthias Jakisic vor ihnen aufbaut und das Ganze zu orchestrieren beginnt. Dann verdichten sich die Töne, bekommen Rhythmus, es bildet sich ein eigener Sound.

8. Mai 2019