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Der letzte Akt: Hinter den Kulissen des Burgtheaters

Die Uraufführung des Stückes „Zelt“ von Herbert Fritsch war die letzte Premiere am Wiener Burgtheater, bevor Martin Kušej das Zepter übernimmt. 19 Ensemblemitglieder müssen gehen, dazu Mitarbeiter verschiedener Abteilungen. Während Kušej von München aus die Übernahme plant, probte der Regisseur und Medienkünstler unbeirrt mit Schauspielern zwischen Euphorie, Wehmut und Freude. Mit „Zelt“ geht auch die Ära Karin Bergmanns als Direktorin zu Ende, die das Haus souverän durch schwere Zeiten steuerte. OOOM war hinter den Kulissen dabei und erlebte ein Burgtheater im Auf- und Umbruch.

Michaela Ernst8. Mai 2019 No Comments
burgtheater backstage ooom magazine
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Große Klasse. Aus dem Nichts entsteht eine Jam-Session, bei der fast eine halbe Stunde lang alle mitswingen, tanzen oder sich, wie die hinreißende Ruth Brauer oder der zum Fürchten agile Simon Jensen, in akrobatischen Verrenkungen verlieren. Sabine Haupt und Florian Appelius rocken ab – spätestens an dieser Stelle müsste dann eigentlich auch das Publikum mitvibrieren. Jakisic dirigiert die ganze Zeit weiter und vollzieht gleichzeitig vor seinem Orchester eine Art Stammestanz, was dieses wiederum anheizt. Man singt im Chor die Zeile „We shall overcome“, verliert sich für ein paar Sekunden im Chaos. Doch der Dirigent fängt die Töne auf, sortiert sie und leitet ein Fading-out ein. Meisterklasse! Schließlich zieht sich jeder wieder in sein Zelt zurück.

Fritschiaden. Aus dem Nichts eine große Wundertüte hervorzuzaubern, das beherrscht Herbert Fritsch mit ganz eigener Bravour. In Deutschland werden seine Stücke längst als „Fritschiaden“ bezeichnet, als ob es sich dabei um besonders ausgeklügelte Streiche handeln würde. Vielleicht auch, weil sie das Publikum zum Staunen und fast immer zum Lachen bringen.

Bei „Pfusch“ (2017), seiner letzten Inszenierung an der Berliner Volksbühne, verdonnerte er seine Schauspieler zum tollkühnen Konzert, das sich fast über eine Dreiviertelstunde zog. „Es hört sich an, als gastiere eine Truppe Musiker vom Mars, deren Harmonielehre sich aus anderen Sphären ableitet“, schrieb daraufhin der Kritiker der Welt. Aber eben auch der Mars fasziniert uns Menschen; dem trägt das Fritsch-Universum auf lyrische Weise Rechnung.

Richtig mit Rumms! Burg­theater-Chefin Karin Bergmann, die „Pfusch“ gesehen hatte, sagte ihm: „Herbert, genauso etwas musst du am Burgtheater machen.“ „Genauso“ gibt es natürlich bei Fritschs Vorgehensweise nicht, maximal ist es ähnlich, aber immer anders. Er sieht sich ja bloß als Impulsgeber für seine Leute, damit die auf der Bühne interagieren. „Die Fläche, die da bespielt wird, soll eine Reinheit haben. Die Arbeit liegt in der Befreiung von der Regie. Es ist das Stück der Schauspieler, die gemeinsam etwas entwickeln. Die Konfrontation mit- und untereinander, welche Elektrizität, welche Spannung das erzeugt, das ist der entscheidende Punkt. Und wie man sich gegenseitig hochhält. Und dieses Weitermachen. Das ist ja ein starkes Lebensgefühl. Auch wenn man denkt, wir steuern geradewegs in die Katastrophe mit dem, was wir machen – wir arbeiten richtig mit Rumms! Das ist für mich ein Gebet an die Schönheit.“

burgtheater backstage ooom interview

Das Nichts. Doch auch das Nichts braucht an seinem Ausgangspunkt einen Raster. Gut, es gibt die drei eingangs erwähnten Bilder (Putztrupp, Zeltaufbau, Köpferollen) – nur fürs Kostümbild machen die noch keinen Abend aus. „Es finden zwei, drei Treffen mit Herbert statt, da führen wir kurze Gespräche“, erzählt Bettina Helmi, die unter anderem seine Stücke „Null“ (Berliner Schaubühne), „Valentin“ (Deutsches Schauspielhaus Hamburg) und zuletzt „Komödie der Irrungen“ (Burgtheater) ausstattete. Die zwei sind ein eingespieltes Team – er gibt die Impulse, sie zeichnet die Entwürfe. Und beide glauben „an das Wunder, obwohl wir noch gar nicht angefangen haben zu probieren und noch gar nicht wissen, wohin die Reise geht“, erzählt sie. Trotzdem geht das Mirakel immer wieder aufs Neue auf.

Diesmal zeichnete Helmi nicht nur die Figurinen, sondern modellierte sie auch nach, „deshalb sehen die Kostüme alle ein bisschen gebastelt aus“. Weibliche wie männliche Darsteller werden, nachdem sie die Putzkittel abgelegt haben, in eine Phantasietracht gesteckt, die von den Gewandmeistern der „Art for Art“-Werkstätten geschneidert wurde. Hier in Wien finde sie Arbeitsbedingungen vor, die hervorragend sind, schwärmt Helmi. Die Zusammenarbeit mit den Kostümwerkstätten Art for Art und den Maskenbildnern vom Burgtheater bereite ihr große Freude.

Auch Dramaturgin Evy Schubert benötigt ihre Vorlaufzeit – sie ist unter anderem für die Gestaltung des Programms verantwortlich, das zur Premiere längst fertiggestellt sein muss. Wie schon bei der „Komödie der Irrungen“ wird es als mögliche Orientierung für den Zuseher im „Zelt“-Programmheft anstelle von Worten Zeichnungen geben. „Ich male die Entstehung mit“, sagt sie, „verarbeite das, was während der Probe entstanden ist, zu neuen Bildern, zu einer eigenen künstlerischen Interpretation.“

Ich habe hier einen Apparat von Menschen mit ganz unterschiedlichen Qualitäten. Wenn die brennpunktartig zusammenkommen, geht die Stimmung los.

Ein Bilderbuch zu einem Farbspektakel in Signaltönen – bis ins kleinste Detail schwingt das Kindliche mit. Richtig böse kann Herbert Fritsch, dieser ansonsten so sanft wirkende Mensch, werden, wenn man ihm nachsagt, er würde „Kindergeburtstage“ veranstalten, „denn da spricht eine Verachtung gegenüber dem Kindlichen, was ich ganz furchtbar finde“. Was Kinder einem an Impulsen mitgeben können, sei ja oft ganz wunderbar. Er zitiert den Spruch des legendären Theatermannes Max Reinhardt: „Schauspieler sind Menschen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt haben“, und betont, dass schließlich das Spielen das Entscheidende sei auf der Bühne. Selbst bei denen, die „ganz groß tun“ würden.

Vertrauen. Diesmal macht sich Herbert Fritsch klein. Physisch klein. „Es ist das erste Mal, dass ich fast nie auf die Bühne gehe und vorspiele. Das mache ich normalerweise schon.“ Einer der wichtigsten Grundsätze, die er sich selbst auferlegt, lautet nämlich: Vertrauen. Dem Ensemble vertrauen, dass es über sich hinauswächst. „Ich habe hier einen Apparat von Menschen mit ganz unterschiedlichen Qualitäten. Wenn die brennpunktartig zusammenkommen, dann geht die Stimmung, die an diesem Haus herrscht, los.“

Nachspiel

Herr Fritsch, waren Sie eigentlich selbst schon einmal zelten?

Ja, früher, zwei oder drei Mal. Ich habe das auch gemacht, als ich eine Zeit lang nicht getrunken und nicht geraucht habe.

Hat es Ihnen gefallen?

Nein. Ich fand es grausam. Es war feucht und kalt. Einmal bin ich durch die Provence gewandert, fast zehn Tage lang zu Fuß. Ich bin fast jeden Tag 50 Kilometer gegangen und habe jede Nacht irgendwo anders mein Zelt aufgebaut. Ich habe wahnsinnige Angst gehabt. Da haben die Wölfe geheult und es hat immer so komisch geraschelt. Einmal habe ich mitten auf einem Hügel, ganz oben, das Zelt aufgestellt, ich wahnsinniger Stadtmensch! Dann ist der Sturm gekommen … Ein anderes Mal habe ich gar nicht gemerkt, dass ich mitten in einem Flußbett campierte. Irgendwann konnte ich dann nicht mehr. Ich bin die ganze Nacht fast 70 Kilometer gegangen, habe mich in Nîmes in den Zug gesetzt und bin wieder heim.

Und? Konnten Sie aus dieser Zeit etwas mitnehmen?

Ich konnte das Zelt dann schon recht schnell aufbauen.

Fotos: Roland Unger

8. Mai 2019