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Hanf. Ein Milliardengeschäft steht in den Startlöchern

Schon 3000 vor Christus wurden in Taiwan Produkte der Hanfpflanze als Heil­mittel für die unterschiedlichsten Beschwerden verwendet. Bis vor 60 Jahren war es völlig normal, Hanf anzubauen. Dann wurde es verboten. Jetzt feiert die Pflanze ihr fulminantes Comeback – was auch gesellschaftliche Auswirkungen hat. Immer mehr Prominente bekennen sich dazu, schon mal gekifft zu haben.

Jessica Schreckenfuchs4. Juli 2017 No Comments

100 Milliarden Dollar.

„Wir reden hier über eine 50- bis 100-Milliarden-Dollar-Branche, die gerade erst in den Startlöchern steht“, sagt der Unternehmer Mike Zapolin, und verweist dabei auf sein eigenes Unternehmen „Zappy Inc.“, das mit Ölen aus Hanf handelt. Für gut gehende, legale Geschäfte müssen wir aber nicht nur über den großen Teich blicken – auch in Niederösterreich gibt es eine sehr erfolgreiche Firma, die nicht-blühende Setzlinge vertreibt. Alexander Kristen beschäftigt mit „flowery field“ 30 Angestellte und erwirtschaftet damit mehrere Millionen Euro Umsatz pro Jahr. In großen Hallen werden Setzlinge gezüchtet – ganz legal in Österreich solange die Pflanzen nicht blühen. Und das tun diese auch nicht, wenn sie mit zumindest 18 Stunden Sonnenlicht pro Tag versorgt werden. ­Eigene Beleuchtungsanlagen regeln diesen Prozess. Diese Setzlinge werden natürlich mit dem Hinweis verkauft, dass sie auch zu Hause nicht blühen dürfen…

Auch der Rapper Snoop Dogg hat bereits seine eigene Marihuana-Sorte auf den Markt gebracht — „Leafs by Snoop“. Qualität durch jahrelange Erfahrung darf hier garantiert sein, hat der Musiker doch schon des Öfteren auf seinen Konsum verwiesen, als das Rauschmittel noch nicht legalisiert war. Angeboten werden Schokolade, Tees und natürlich auch Blüten und Pflanzenteile zum Rauchen. Kosten: ungefähr USD 185 bis USD 300 pro Unze (ca. 28 Gramm), je nach Sorte und Verfügbarkeit. Eine große Zahl lokaler Geschäfte hat sich bereits auf den neuen Markt eingestellt. Die Steuereinnahmen scheinen auch so manche Erwartung zu übertreffen.

Vorbild für Europa? Waren die USA in diesem Markt wieder einmal schneller und ist die Idee, Marihuana zu legalisieren, ein Vorzeigemodell für Europa? Reduzierte Beschaffungskriminalität, höhere Einnahmen für den Staat, Entlastung der Gerichte und der Polizei sowie qualitative Kontrollen und neue Märkte für Hanfbauern und Geschäfte sind gute Argumente, dieses Modell zu kopieren.

Für Patienten, die an ­Multipler Sklerose, Übelkeit, Erbrechen, Kachexie, Schlaf- oder Angststörungen, ADHS, bipolaren Störungen, schizophrenen Psychosen, endogenen Depressionen, Epilepsie oder Autoimmunerkrankungen leiden, wäre Cannabis hilfreich. Eingesetzt werden darf es aber nicht. Immer mehr Menschen verstehen nicht, warum Alkohol hierzulande ein fixer Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens sein darf, das Kiffen aber nicht. Dabei galt Hanf nicht immer als böse. Erst seit 1961 wurden weltweit immer mehr Verbote auf Basis der bisher einzigen Suchtgiftkonferenz der Welt vor gut 50 Jahren durchgesetzt. Die Pflanze wurde als Rauschmittel eingestuft und verboten.

Hanf in der Medizin.

Die medizinische Verwendung der Hanf-Pflanze ist mindestens 4.500 Jahre alt. Die alten Chinesen nutzten Hanf u. a. gegen Malaria, Rheuma und bei Entzündungen. Der Leib-arzt des römischen Kaisers Nero verordnete Hanf als Schmerz- und Beruhigungsmittel. Hildegard von Bingen, Martin Luther, die englische Königin Victoria – die Liste der Medizinhanf-Konsumenten ließe sich lange fortsetzen. Obwohl Hanf noch 1937 bei über 100 Krankheitsbildern verschrieben wurde, strich man ihn 1941 von der Medikamentenliste.

Die moderne Cannabis-Forschung beginnt mit der Isolierung des wichtigsten psychotropen Wirkstoffs Delta-9-THC im Jahre 1964. THC wirkt muskelentspannend, stimmungsaufhellend, appetitsteigernd, beruhigend, schlaffördernd und gefäßerweiternd. In den vergangenen Jahrzehnten sind über 60 Cannabinoide isoliert und beschrieben worden. Längst sind nicht alle Wirkungen erforscht, doch scheint das medizinische Potenzial von Hanf größer als bisher angenommen. Dennoch sind Hanf und natürliche Cannabisprodukte in vielen Ländern nicht als Medikament zugelassen. Ärzte dürfen ihren Patienten diese Medizin nicht vorschlagen. Einzig auf synthetisches THC, das unter den Namen Marinol und Dronabinol verkauft wird, können Patienten ausweichen, denen nur Hanf hilft. Dabei ist Marinol etwa 30- bis 50-mal teurer als das THC in natürlichen Cannabisprodukten und seine Wirkung nachweislich schlechter als die von natürlichem THC. Deshalb weigern sich viele Krankenkassen, die Marinolbehandlung zu zahlen. Die Patienten bleiben auf den Behandlungskosten von rund EUR 600 pro Monat sitzen. Obwohl man das Medikament ohne großen Aufwand auf dem Balkon anpflanzen könnte.

 

4. Juli 2017