Arts & DesignMagazin

Im Herzen der Kunst

Das Guggenheim in New York ist eines der bedeutendsten Museen der Welt. Richard Armstrong leitet nicht nur die global agierende Solomon R. Guggenheim Foundation, die auch Museen in Venedig und Bilbao betreibt, sondern als Direktor auch das ikonische Museum an der Upper East Side. Im OOOM-Gespräch spricht er über teure Kunstwerke, Skandale, Radikalität, Todesdrohungen, Jeff Koons – und warum es vielleicht doch ein Fehler war, Präsident Trump statt des gewünschten Van Goghs eine goldene Toilette als Leihgabe anzubieten.

HERBERT BAUERNEBEL12. Juni 2018 No Comments

Die ikonische Architektur des Guggenheim-Museums von Frank Lloyd Wright ist einzigartig und weltberühmt. Wie sehr trägt das Design dazu bei, dass 1,2 Millionen Menschen jedes Jahr zu Ihnen pilgern?

Ich war früher an typische Ausstellungsräume in Schachtel-Form gewöhnt. Doch im Guggenheim gibt es für jeden Besucher ein einmaliges Erlebnis: die Einführung der Idee, der Fortschritt einer Idee, die Apotheose oder der Kollaps der Idee – es ist einfach eine großartige Art und Weise, so etwas in einer einzigen kontinuierlichen Ausstellungsfläche zu erleben. Ich muss aber gestehen: Manchmal haben wir Schwierigkeiten, große Bilder aufzuhängen, weil die Raumhöhen einfach zu niedrig sind.

Hilla Rebay, Solomon R. Guggenheims Beraterin und die erste Direktorin, bezeichnete das Museum als „Tempel des Geistes”. Was ist der Geist des Guggenheim heute?

Wir haben uns geschworen, eine gewisse Radikalität am Leben zu halten. Rebay war eine radikale Direktorin, Mr. Guggenheim ein radikaler Sammler. Deren Leitmotiven folgen wir bis heute. Ein Beispiel ist die gerade laufende Ausstellung des Künstlers Danh Vo. Wir gaben hier einem jungen Mann die Chance und sagten: „Gib uns dein Bestes!“ Und das ist gelungen. Seine Arbeit ist bewundernswert. Und wir legen großen Wert darauf, dass wir das Gebäude so radikal wie möglich erhalten. Dass unser Programm diese Ambitionen, diese Radikalität widerspiegelt.

Manchmal sorgt das für Skandale.

Natürlich heißt das auch, dass es leicht Kontroversen geben kann, wie etwa im letzten Jahr, als es wegen der Ausstellung „Art and China After 1989: Theater of the World“ chinesischer Künstler zu heftigen Protesten von Tierschützern kam. Sie warfen ihnen die Misshandlung von Tieren vor. Ein Video sollte etwa gezeigt werden, in dem zwei Hunde auf Laufbändern rennen.

Wie geht man damit um? Sie gaben dem Druck nach und wurden prompt von Medien wie der New York Times kritisiert.

Es ist schwer, hier zu gewinnen. Wir haben die echten Kunstwerke am Ende durch Videos ersetzt, wo zu sehen war, wie sie bei früheren Ausstellungen gezeigt wurden. Wir dachten, dass wir damit ein Zeichen setzen. Ein Künstler schrieb dazu ein Gedicht als Reaktion auf die Restriktionen – auf einer Kotztüte von Air France. Das haben wir ausgestellt. Es beschrieb deutlich das Spannungsfeld der westlichen Kultur mit anderen.

Wie wichtig sind Kontroversen für die Kunstwelt? Kunst soll ja polarisieren.

Ich persönlich mag es nicht, ich bin kein Mensch, der gerne mit anderen streitet. Es hat diese Kontroversen natürlich immer wieder in den letzten Jahrhunderten gegeben, und ich denke, dass wir uns bei dem Streit um die Exponate der chinesischen Künstler korrekt verhalten haben. Aber ich mag den Stress nicht. Ich hatte auch Sicherheitsbedenken, nachdem unser Gebäude wegen der Architektur Gefahren birgt und mir davor graute, was passieren hätte können, wenn Demonstranten Proteste innerhalb des Gebäudes gestartet hätten. Bei der Panik hätte es zu Verletzungen kommen können. Und dann galt meine Sorge auch den vielen Aufsehern, die möglicherweise jeden Tag Protesten dieser meist sehr lautstarken Ideologen ausgesetzt gewesen wären. Wir erhielten sogar Todesdrohungen. Am Ende konnte ich das alles nicht verantworten.    

Es gab internationale Schlagzeilen, als sich das Weiße Haus unter Präsident Trump ein Van-Gogh-
Gemälde von Ihnen ausleihen wollte und Kuratorin Nancy Spector ihm stattdessen Maurizio Cattelans „America“, eine goldene Toilette, angeboten hat. Das hat vielen Menschen gefallen …

Wir haben einen Fehler gemacht, aber nur, weil wir gar nicht das Recht gehabt hätten, dieses Kunstwerk zu verleihen. Wir sind nicht im Besitz der goldenen Toilette von Cattelan. Nur er selbst hätte sie anbieten können. Das Ganze war eine sinnlose Ablenkung von unserer Arbeit als Museum. Aber die Anfrage des Weißen Hauses war ja mehr als ungewöhnlich (Armstrong verdreht die Augen).

Als junger Mann haben Sie als Assistent im US-Kongress gearbeitet. Hilft Ihnen diese Erfahrung aus der Politik immer noch bei solchen delikaten Situationen?

Das war vor 55 Jahren. Und damals gab es ja auch noch zivilisierte Menschen im Senat. Diese Welt, die ich damals kennenlernte, war so unterschiedlich zu den heutigen Zuständen, dass mich das heute alles fast an Außerirdische erinnert. Ich bin auch entsetzt über die entwürdigende politische Führung in diesem Land.

Wie wollen Sie auch im digitalen Zeitalter die Anziehungskraft des Guggenheim bewahren?

Mit einem guten Team. Man muss die richtigen Leute anstellen, die jungen, hungrigen Kuratoren, die engagierten Administratoren. Wenn ich die herausragende Arbeit meines Stabes sehe, mache ich mir keine Sorgen, dass wir auch künftig relevant bleiben.

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