Arts & DesignMagazin

Richard Armstrong – Im Herzen der Kunst

Das Guggenheim in New York ist eines der bedeutendsten Museen der Welt. Richard Armstrong leitet nicht nur die global agierende Solomon R. Guggenheim Foundation, die auch Museen in Venedig und Bilbao betreibt, sondern als Direktor auch das ikonische Museum an der Upper East Side. Im OOOM-Gespräch spricht er über teure Kunstwerke, Skandale, Radikalität, Todesdrohungen, Jeff Koons – und warum es vielleicht doch ein Fehler war, Präsident Trump statt des gewünschten Van Goghs eine goldene Toilette als Leihgabe anzubieten.

HERBERT BAUERNEBEL12. Juni 2018 No Comments

Richard Armstrong, Director of The Solomon R. Guggenheim Museum in New York,

Welche Trends sehen Sie in der Kunstwelt, was ist Ihre Mission?

Wir wollen vor allem den Input aus aller Welt erweitern, es gibt da eine unendliche Kreativität. Unsere Parole ist: Wir wollen die Anerkennung für Künstler aus aller Welt ausdehnen. Die Globalisierung erfasst auch uns. Und wir haben Expertise zu bieten. Aber klar ist auch: Wir sind ein kleines Boutique-Museum, wir können nicht jedes Projekt annehmen. Und die Welt da draußen ist groß.

War das Projekt „YouTube Play”, eine digitale Biennale junger Videokünstler, ein Versuch, jüngere Kunstinteressierte zu erreichen?

Das machten wir schon vor vielen Jahren, das war jedenfalls die Idee damals. Wir gründeten auch gemeinsam mit BMW das „BMW Guggenheim Lab”, das urbane, globale Trends erforscht. Wir haben uns gefragt: Werden wir den globalen Anforderungen gerecht? Wir haben dann Personaländerungen durchgeführt, damit wir global mithalten können. Aber es wurde uns auch klar: Wir können nicht an der Spitze der digitalen Revolution stehen – unser Gebäude ist da zu kompliziert, um es zu verkabeln und aufzurüsten. Auch fehlen uns die Ressourcen. Und wir haben – besonders durch die YouTube-Erfahrung – verstanden, dass es für uns besser ist, unserem Publikum ein Erlebnis vor Ort im Museum selbst zu bieten. Zusätzlich versorgen wir jetzt durch eine Zusammenarbeit mit Bloomberg unsere Besucher auch mit einer Fülle digitaler Information, die jeder beim Rundgang abrufen kann. Dadurch kann ein zweistündiger Besuch hier zu einer Erfahrung werden, an die man sich Jahre erinnert. 

Sie verbrachten lange Zeit in Paris. Haben Sie dort Ihre Liebe zur Kunst entdeckt?

Ich war ein Außenseiter, ungeduldig. Man hat in diesem Alter ja eine unbändige Energie. Ich war nicht sportlich und kein großer Partymensch. Ich musste also etwas finden, das mich begeistert. Und Paris ist ja ein einziges großes Museum. Aber der erste Funke war bereits übergesprungen, als ich als 16-Jähriger in Washington ein Museum besuchte. Damals sah ich zum ersten Mal ein Gemälde, das für mich Sinn machte. Dabei wollte ich damals ja noch Politiker werden. Aber als Martin Luther King ermordet wurde, John F. Kennedy und sein Bruder Bobby, dann die Tumulte bei der Convention in Chicago, sagte ich zu meinem Vater: „Ich kann in diesem Land nicht mehr leben.” Natürlich gab es Krach. Doch ich zog nach Paris.

Was macht das Guggenheim so einzigartig, auch im Vergleich zu anderen Museen wie dem Carnegie Museum oder dem Whitney Museum, für die Sie früher tätig waren?

Was ich zuerst als Einschränkung empfand, sehe ich jetzt als größten Vorteil: die Architektur. Sonst sehen wir die meisten Dinge in einer gewohnten Umgebung, rechteckigen Räumen. Das verschwimmt alles im Gedächtnis: In welcher weißen Schachtel habe ich das wieder gesehen? Hier jedoch hat alleine das Gebäude eine enorm starke Persönlichkeit. Man kann hier etwas wirklich Tiefgreifendes erleben und sich so auch daran erinnern. Wenn man nicht aufpasst, kann man hier sogar etwas lernen … (lacht) Sonst wandeln viele Leute ja einfach nur durch Ausstellungen, bloß weil es am Plan steht. Der Vorteil des Guggenheim ist auch, dass es nicht sehr groß ist und dass man aufgrund der Art und Weise, wie es Architekt Wright designt hat, eine nachhaltige Erfahrung mit nach Hause nehmen kann.

Letzten Herbst wurde das Da-Vinci-Gemälde „Salvator Mundi“ um 450 Millionen Dollar versteigert. Kann ein Kunstwerk wirklich so viel wert sein?

Ich habe es nicht gekauft.  Offenbar gibt es enorm viel überschüssiges Kapital in der heutigen Welt. Dazu gibt es ein enormes Interesse an Kunstwerken in immer breiteren Segmenten der Bevölkerung, auch für zeitgenössische Kunst, was mir Rätsel aufgibt.

Warum?

Wenn man sich die Arbeit vieler Künstler ansieht, dann weiß man, dass die meisten eine kontroverse Sichtweise hervorbringen, dass sie die Betrachter herausfordern, den Status quo zu hinterfragen. Und es wundert mich, wie viele Menschen eine solche Herausforderung annehmen.

Sie suchen immer wieder die Kooperation mit Unternehmen. Versuchen Sponsoren Einfluss auf künstlerische Aspekte zu nehmen?

Wir hatten da bisher wirklich Glück. Wir wussten genau, nach welchen Kooperationen wir suchen und hatten dann die richtige Nase, geeignete Partner zu finden. Keiner unserer Sponsoren hat die Möglichkeit, auf künstlerische Inhalte Einfluss zu nehmen.

Künstler wie Jeff Koons haben rund 100 Mitarbeiter, die Kunstwerke nach seinen Vorgaben und jenen der Kunden produzieren. Ist diese Art einer nahezu industriell gefertigten Kunst heute überhaupt noch vergleichbar mit jener von Ausnahme-Künstlern wie Picasso, Degas oder Monet, deren Werke Teil Ihrer Thannhauser-Sammlung sind?

Das finde ich nicht so neu. Wenn man weiter zurückgeht in der Zeit, etwa in den Barock, dann findet man immer wieder Künstler, die viele Leute beschäftigten. Rembrandt oder Boucher, ja praktisch alle großen Künstler des Barock hatten enorm viele Assistenten. Ich halte das nicht für so außergewöhnlich. Faszinierend bei Jeff Koons ist die enorm hohe Produktivität. Er und sein Team haben einen enormen Output. Heute jedoch haben wir keine royale Kaste an Schirmherren. Und Jeff ist es in seiner genialen Art und Weise gelungen, die Schirmherrschaft zu demokratisieren.

Was bestimmt den Marktwert eines Künstlers?

Ausschlaggebend sind Auktionen. (Er hält ein Blatt Papier hoch.) Ich könnte sagen, das hier ist zwei Millionen Dollar wert – und Sie sagen, es ist keinen Cent wert. Entschieden wird das bei einer Versteigerung, wenn klar ist, wie viel Leute bereit sind, dafür zu bezahlen. Dann erfahren wir, wer von uns beiden recht hat. Auktionshäuser sind die modernen Schiedsrichter.

12. Juni 2018