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Im Zentrum der Macht: Inside the New York Times

OOOM blickte hinter die Kulissen des Mediengiganten, nahm an der Redaktionskonferenz teil und sprach mit Chefredakteur Dean Baquet und Jodi Rudoren, Editorial Director von New York Times Global, über den unberechenbaren Präsidenten, die Spaltung Amerikas und Fake News. Die „New York Times“ gilt als die wichtigste Tageszeitung der Welt. Über 1.250 redaktionelle Mitarbeiter gestalten das News-Schlachtschiff, das sich seit dessen Amtseinführung ein erbittertes Duell mit Donald Trump liefert, der ihren baldigen Untergang prophezeit. Doch seit der US-Präsident sich klar als Gegner positioniert hat, erlebt die „Times“ einen Höhenflug: Leserzahlen und Abonnenten stiegen zuletzt massiv an.

Georg Kindel12. Juni 2018 No Comments

Jody Rudoren, Stv.CR, The New York Times. Photographed at th eNew York Times in New York.

Seit Donald Trump im Amt ist, bricht die New York Times einen Leserrekord nach dem anderen. Sind Sie ihm eigentlich dankbar für die ständigen Attacken auf Sie?

So würde ich das nicht sagen, aber wir haben außergewöhnliche Dinge erlebt, die in den letzten Jahren passiert sind. In der Woche nach der Wahl sagte unser Chefredakteur: „Niemals zuvor war unsere Aufgabe und Mission klarer.“ Es ist die Story, auf die wir Journalisten unser ganzes Leben gewartet haben. Wir haben unser Team in Washington verdoppelt, wir haben unsere investigativen Reportagen rund um die Welt verstärkt und über die Trump-Administration in einer Art und Weise berichtet, wie es niemand anderer kann. Zur selben Zeit passiert noch etwas anderes. Zum Teil wegen Trump und seine Polarisierung, zum Teil aber auch wegen der Art und Weise, wie Facebook sich verändert und entwickelt hat, gibt es neue Bedenken darüber, woher News kommen. Wer kontrolliert die News? Welche Art von News sind es? Zur selben Zeit, als die Story unseres Lebens passierte, bei der wir den Wert unserer Arbeit unter Beweis stellen können, gab es eine starke Nachfrage nach der Art des Journalismus, den wir machen: unabhängiger Journalismus in mehr als 150 Ländern der Welt, von investigativer Art, aber genauso auch kraftvoll erzählerisch, digital innovativ und engagiert. Ein Journalismus, dem Menschen vertrauen und Glauben schenken können. Es gibt ein zunehmendes Bedürfnis an der Wahrheit.

Sie haben das sofort in Ihrer Werbung umgesetzt.

Es ist kein Zufall, dass wir eine Markenkampagne rund um all das gestartet haben. Vor zwei Wochen ging ich zu einer Dinnerparty, dem 50. Geburtstag eines Freundes in Manhattan, und er stellte jeden einzelnen seiner Gäste vor und brachte einen Toast aus. Er sagte über mich, dass ich bei der New York Times arbeite und wie dankbar alle für die Rolle sind, die wir ausüben. Und plötzlich begannen die Leute im Raum zu applaudieren. So etwas passierte mir mehrmals im letzten Jahr, es passierte aber kein einziges Mal in den 19 Jahren davor, seitdem ich hier arbeite. Was wir hier machen, hat einen Sinn. Und in der Öffentlichkeit wird das, was wir tun und von dem wir immer überzeugt waren, plötzlich neu und anders wahrgenommen: der Schutz der Demokratie und der Wahrheit, und die Kontrolle der Mächtigen. Ich habe daran mein ganzes Leben geglaubt. 

Gleichzeitig sagt Donald Trump, dass die New York Times Fake News verbreitet. Wie sehen Sie die Polarisierung in Amerika, die wir derzeit erleben? Amerika ist in zwei Lager gespalten, wo jedes seine eigene Wahrheit in Anspruch nimmt.

Ich denke, dass Donald Trumps Heraufbeschwören der Idee, journalistische Organisationen würden Fake News verbreiten, null Auswirkung auf den gewöhnlichen Konsumenten hat. Es kann schon sein, dass seine Hardcore-Anhänger das glauben. Doch wir sehen etwas anderes. Wir erleben eine große Frustration über das politische System bei den Menschen, gleichzeitig mit dem Rückgang klassischer Medien und einem Erstarken der sozialen Medien.

Die Medienlandschaft ist heute viel stärker aufgeteilt.

Und kleiner.

Unsere mediale Wirklichkeit ist heute eine andere als in der Nixon-Ära.

Das Problem ist: Wir hatten eine Demokratisierung des Verlagswesens. Das ist das, was Sie vorher eine Multiplizierung der Quellen nannten. Aber die Mehrheit dieser Quellen basiert nicht auf Berichterstattung. Es sind Blogs, Meinungsjournalismus, persönliche Berichte etc. Zur selben Zeit, als diese Entwicklung zunahm, begann eine Abnahme der Anzahl an Journalisten bei professionellen Medien und eine Reduzierung der Budgets, die in diese Berichterstattung investiert werden. Es gibt also weniger Quellen für unabhängigen Journalismus. Das ist die wahre Veränderung in der Medienlandschaft. Wir hatten eine Abnahme bei der Information und eine Zunahme des Geschreis. Ich war eine Zeitlang Bürochef in Jerusalem. Die Polarisierung über den palästinensisch-israelischen Konflikt ist tief und leidenschaftlich. Es ist dem sehr ähnlich, was wir derzeit mit Trump in Amerika sehen: Menschen lesen verschiedene Versionen der News. Es gibt da eine sehr laute und engagierte Öffentlichkeit auf beiden Seiten. Vielleicht kritisieren 1.000 Menschen tatsächlich unsere Berichterstattung. Aber es klingt, als wäre es das halbe Volk.

Präsident Trump bezeichnet jede Geschichte, die er nicht mag, als Fake News. Sehen Sie eine Gefahr, dass eines Tages die Wahrheit nicht mehr zählt oder nicht mehr als solche erkannt wird?

Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Die Menschen sind besorgt, wenn sie sehen, wie Politiker mit der Wahrheit umgehen. Trump verbiegt die Wahrheit in einer Weise, wie wir es noch nie zuvor gesehen haben. Ich sehe eine Verantwortung, sich mehr für die Wahrheit einzusetzen. Es gibt einen Unterschied zwischen Hardcore-Trump-Befürwortern und jenen Menschen, die ihn gewählt haben. Er hat 30 bis 35 Prozent, die wirklich auf seiner Seite sind, die seine Fake News glauben. Weitere 15 bis 20 Prozent haben ihn zwar zur Ziellinie gebracht, sehen aber ihn, seine Lügen, seine Behandlung von Frauen etc. heute sicher differenzierter.

Ist es vorstellbar, dass es einmal keine gedruckte Ausgabe Ihrer Zeitung mehr geben wird?

Wir haben bereits vor Jahren die Entscheidung getroffen, eine digitale News-Organisation zu sein und eine mit Abonnenten. Glaube ich, dass es eines Tages keine gedruckte New York Times mehr geben wird? Ja. Glaube ich, dass dies schon bald der Fall sein wird? Nein.

Sie haben mit Amazon-
Gründer Jeff Bezos und seiner Washington Post einen starken Konkurrenten bekommen.

Die Wiederauferstehung der Washington Post ist eine großartige Sache für die Welt, die Wahrheit und die Demokratie, wenn auch nicht unbedingt für unser Geschäft.

Die New York Times ist heute auch in Spanisch und sogar in Mandarin erhältlich. Wie wichtig ist das Auslandsgeschäft?

Es hat das größte Wachstumspotenzial. Ein Viertel unseres Wachstums erfolgt derzeit außerhalb Amerikas, 15 Prozent unserer Abonnenten sitzen im Ausland. Wir wollen auch in den Live-Event-Bereich einsteigen, um die Markenbekanntheit zu steigern.

Mehr als die Hälfte aller Amerikaner beziehen ihre News von Facebook.

Wir arbeiten sehr intensiv mit Facebook zusammen. Ihre User erhalten dabei auch Inhalte der New York Times in ihren Facebook-Feeds. Das ist ein wichtiger Teil unserer Strategie.

12. Juni 2018