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Inspiring Art: Hans Ulrich Obrist über Rachel Rose

Der Direktor der Serpentine Galleries London stellt jenes Kunstwerk vor, das ihn am meisten inspiriert: „One Minute Ago“ von Rachel Rose.

Georg Kindel14. Februar 2017 No Comments

DER OOOM-KURATOR: HANS ULRICH OBRIST
DAS KUNSTWERK: A MINUTE AGO
DIE KÜNSTLERIN: RACHEL ROSE

Ich bin Rachel Rose schon vor fünf Jahren begegnet, als sie noch Studentin war. Für mich war ihre Arbeit von Anfang an hoch faszinierend. Bereits beim Übergang von der Malerei zu ihren sehr malerischen Videos, wo es immer auch um Bewegung, Ton und Farbe geht, waren diese inversiblen „Environments“, in die man bei ihr eintaucht, sehr überzeugend. Sie will Realität produzieren, die über die Kunstwelt hinausgeht.

Hagelsturm aus „A Minute Ago“. Rachel Rose: Palisades. © Serpentine Sackler Gallery, London.

Das Video „A Minute Ago“ war Teil ihrer Ausstellung „Palisades“ in der Serpentine Sackler Gallery in London und ist für mich eines der stärksten Videos. Der spanische Dichter Federico Garcia Lorca beschreibt ja in „Play and Theory of the Duende“, dass es Werke gibt, die sich wie ein Korkenzieher in den Kopf einwinden. Die man nie mehr vergessen kann. Mit dieser Arbeit „A Minute Ago“ ist es so. Man bekommt sie nicht mehr aus dem Kopf.

Es ist ein Video von einem ganz plötzlichen, apokalyptischen und völlig unerwarteten Hagelsturm in Sibirien. Die Künstlerin hat es auf You- Tube entdeckt. Die Szene ist unglaublich und man sieht, wie in einem Sommer am Strand, wo Menschen sonnenbaden, sie in Sekunden von diesem Sturm überrascht werden. Sie können es nicht glauben und versuchen nur, sich zu schützen. Sie denken, das Ende sei gekommen. Eine apokalyptische Szene.

Wie immer bei Rachel Rose, geht es darum, dass Bild und Ton nicht in einer Hierarchie stehen. Manchmal leitet der Ton, manchmal das Bild. So hat sie dieses apokalyptische Video des Hagelsturms überlagert mit einer Aufnahme von Pink Floyds „Echoes“, gespielt in einem leeren Amphitheater in Pompeji — eine weitere apokalyptische Situation. Diese Szene ist wiederum verbunden mit Roses Filmmaterial des amerikanischen Architekten Philip Johnson, der sein legendäres Glashaus zeigt. Wie immer verwendet sie verschiedenste Formate. Einiges ist digital gefilmt, aber für diese Passage wird eine alte VHS-Kassette verwendet, die rotoskopiert und dann in die Arbeit eingebracht wurde.

Es ist unglaublich, wie poetisch und vielschichtig die Videos von Rachel Rose sind. Und wie immer bei großen Kunstwerken, egal ob Film, Skulptur, Gemälde oder Gedicht, gilt: Man kann immer wieder zu ihnen zurückkehren. Man hat sie eben nie gesehen. Das ist beim Film genauso. Man hat einen Film von Jean-Luc Godard nie gesehen. Man kann aber immer wieder zu ihm zurückkehren. Genauso ist es bei dieser Videoinstallation von Rachel Rose. Man sieht jedesmal wieder etwas anderes. Diese poetisch vielschichtige Arbeit handelt auch von den drängendsten Themen unserer Zeit, weil sie das veränderte Verhalten der Menschheit zur natürlichen Welt kartografiert, und damit die immer wichtigere Präsenz von Technologie. Sie bearbeitet strukturell das Phänomen der globalen Wetterkatastrophe.

Rachel Rose hat ein Gesamtkunstwerk geschaffen, in das sie diese Arbeit „A Minute Ago“ eingeflochten hat. Sie schafft nicht nur großartige Videokunst, sondern auch Environments, in denen man Zeit verbringen kann. Es gibt Archivmaterial, es gibt originale Sequenzen, und das alles wird collagiert. Wie der russische Filmemacher Tarkowski bereits sagte: „Wir brauchen mehr Rituale im 21. Jahrhundert.“ Rachel Rose schafft sie.