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Jakob Horvat: Alles ist Natur

Die Uhr zeigt fünf vor zwölf, aber wir gähnen gemütlich in den Tag hinein. Wir wissen, wie es ginge, aber handeln nicht danach. Wir geben die Verantwortung ab, damit es „die da oben“ richten. Und haben gleichzeitig das Gefühl, zu klein zu sein, um Großes zu bewirken. Dennoch spüren wir, dass es das nicht gewesen sein kann und so viel mehr in uns steckt. Wenn wir nach innen blicken und den Schatz heben, der uns mit allem verbindet, wird Nachhaltigkeit zur Selbstverständlichkeit, weiß Ex-ORF-Journalist, Buchautor und Visionscoach Jakob Horvat.

JAKOB HORVAT28. Mai 2021 No Comments

Es lebte einmal ein Mann, der mit seiner Gewaltlosigkeit maßgeblich zur Befreiung seines Landes beitrug. Er begab sich in Hungerstreiks, saß in Stille, vermittelte seine Botschaften auf Herzens­ebene. Noch lange nach seinem Tod, lange nachdem die britischen Besatzer aus Indien abgezogen sind, inspiriert Mahatma Gandhi die Welt mit seinem Sein und seiner vielleicht bekanntesten Aussage: „Sei die Veränderung, die du dir für die Welt wünschst.“ Gandhis Worte haben mehr Bedeutung denn je, nachdem sich mittlerweile bereits herumgesprochen haben sollte, dass die Ressourcen der Erde zur Neige gehen. So unmissverständlich die Wissenschaft auch darauf hinweist, dass eine Fortsetzung der gegenwärtigen Lebensweisen in eine Katastrophe mündet, so unverbesserlich scheint der Mensch in seinem Handeln zu sein.

Umdenken seit Corona. Zwar erhebt das österreichische Gallup Institut eine signifikante Verschiebung der Prioritäten in der Bevölkerung seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie – weg von Luxus und Verschwendung, hin zu Regionalität und Nachhaltigkeit. Das Marktforschungsunternehmen Kantar aber zeigt in einer repräsentativen Studie im Auftrag der norwegischen Recyclingfirma Tomra, dass in Deutschland, Frankreich und Norwegen mehr als die Hälfte der Befragten eine Veränderung ihres Konsumverhaltens nach wie vor ablehnen und auch nicht planen. Volker Rehrmann ist bei Tomra für den Bereich der Kreislaufwirtschaft verantwortlich und erklärt: „Insgesamt steigt das Bewusstsein in der Bevölkerung für globale wirtschaftliche Zusammenhänge und einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen. Wenn es aber darum geht, im Alltag nachhaltiger zu leben, klafft oft noch eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit.“

Innere und äußere Welt. Diese Lücke hat tiefe Wurzeln in der Evolution des modernen Menschen und liegt begründet in der Separation, der vermeintlichen Trennung von Mensch und Natur, von innerer und äußerer Welt. „Vor allem westliche Gesellschaften hegen ein tief verinnerlichtes Überlegenheitsgefühl gegenüber der Umwelt“, erklärt der Sozialwissenschaftler und Psychotherapeut Dr. Peter Erlenwein. Er beschäftigt sich seit 35 Jahren mit Themen einer spirituell ­orientierten Ökopsychologie. „Die Einbildung, der Natur allemal bewusstseinsmäßig voraus zu sein, hindert jedwede Einsicht in die biochemische wie psychische Eingebundenheit in die Ganzheit des Lebens. Solange wir uns als Herren der Schöpfung betrachten, die aufgrund höherer Intelligenz dazu berechtigt sind, die Erde und ihre Mitbewohner nach Gutdünken zu plündern und zu vernichten, so lange gibt es keine echte Umkehr.“

Integrale Evolution. Wertvolle Beiträge zu dieser Umkehr leistet die Tiefenökologie, geprägt vom norwegischen Philosophen Arne Naess. Ein Feld, das uns zu näherem Hinschauen einlädt, wenn es um die größeren Zusammenhänge allen Lebens auf der Erde geht. Wer den Blick in die Tiefe wagt, erkennt demnach, wie intim alles mit allem verwoben ist, wie untrennbar wir Menschen Teil des Erdhaushaltes sind. „Tiefenökologie knüpft an wissenschaftliche Erkenntnisse an, die die Entwicklung des Homo Sapiens als eine ununterbrochene Kette von grundlegenden Lebensentfaltungen begreifen, bei denen Innen und Außen ständig interagieren“, so Erlenwein. „Wir sind auf allen Ebenen Ausdruck einer integralen Evolution, die vom mikroskopisch Kleinsten bis zu den höchsten Bewusstseinsstufen führt.“ Dieser holistischen Einsicht folgend gibt es also keine Separation zwischen Innen und Außen, kein Mensch gegen Natur oder umgekehrt. „Interbeing“ nennt es der vietnamesische buddhistische Lehrer Thích Nhất Hạnh. Klimawandel ist demnach nichts, was wir bekämpfen müssen, sondern ein inneres wie äußeres Geschehen, das wir – im Sinne wirklicher Nachhaltigkeit – zunächst als solches begreifen müssen.

Ist die ökologische Krise eine spirituelle Krise? Um diese Frage zu beantworten, lohnt ein genauerer Blick auf die Bedeutung von Spiritualität. Der Yogalehrer Florian Palzinsky hat zwölf Jahre lang als buddhistischer Mönch gelebt und sich immer wieder in die Einsamkeit des tropischen Dschungels von Sri Lanka zurückgezogen. Um mit der Natur zu sein und von ihr zu lernen, wie er erzählt. „Spiritualität und Umweltbewusstsein ist eine natürliche Verbindung“, sagt Palzinsky. Das gelte jedenfalls dann, wenn wir Spiritualität nicht als „Wellness-Meditation“ begreifen, um kurzfristig von unseren hohen Stresslevels runterzukommen und dann noch fokussierter im Hamsterrad zu laufen. „Je mehr wir Spiritualität verstehen als ein tieferes Eintauchen, als ein in Kontakt treten mit unserer Essenz und den Essenzen um uns herum, desto mehr spüren wir, dass wir keine separaten, von der Umwelt getrennten Individuen sind, sondern eins sind damit und zutiefst verbunden“, so Palzinsky weiter. Dadurch könne in uns wachsen, was jede spirituelle Tradition im Kern vereint: Liebe und Empathie für das große Ganze. „Wie wir mit der Erde umgehen, mit den Tieren, mit den Pflanzen und mit unseren Mitmenschen, spiegelt unmittelbar wider, wie wir mit uns selbst umgehen – und umgekehrt.“

Wir sind keine von der Umwelt getrennten Individuen, sondern eins mit ihr.

Die Weisheit indigener Völker. Die österreichische Schamanin Tatjana Branoff hat jahrelang mit unterschiedlichen indigenen Völkern in Amerika, Asien, Australien und Afrika gelebt. Mit Menschen, denen der intime Kontakt zur Natur nie abhanden gekommen ist. Auch Tatjana Branoff sieht Bewusstheit und Spiritualität als Grundvoraussetzung für eine Lebenseinstellung, bei der Worte wie Naturschutz und Nachhaltigkeit obsolet werden. „Wir müssten die Natur eigentlich gar nicht mehr schützen, weil wir sind die Natur und die Natur sind wir. Wir würden uns ja auch nicht ins eigene Fleisch schneiden oder uns selbst aufspießen.“

Im Zusammensein mit indigenen Stämmen auf der ganzen Welt konnte ­Tatjana Branoff vor allem eine Gemeinsamkeit beobachten: eine hohe spirituelle Sensibilität, die ganz natürlich im Verbund mit der Natur und der Gemeinschaft entsteht. In modernen Gesellschaften seien diese Verbünde aber nicht mehr gegeben. „Die Verplombung der Spiritualität durch Religionen schreibt uns vor, wie etwas zu sein hat, damit es funktioniert. Durch Dogmatismus kann man sich aber nicht zu einem selbstständig fühlenden Wesen entwickeln, weil einen die vorgewiesenen Schranken an der eigenen körperlichen Wahrnehmung hindern. Dadurch fließt nichts mehr richtig, weil wir alles voneinander getrennt haben“, weiß Branoff.

28. Mai 2021