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Jakob Horvat: Alles ist Natur

Die Uhr zeigt fünf vor zwölf, aber wir gähnen gemütlich in den Tag hinein. Wir wissen, wie es ginge, aber handeln nicht danach. Wir geben die Verantwortung ab, damit es „die da oben“ richten. Und haben gleichzeitig das Gefühl, zu klein zu sein, um Großes zu bewirken. Dennoch spüren wir, dass es das nicht gewesen sein kann und so viel mehr in uns steckt. Wenn wir nach innen blicken und den Schatz heben, der uns mit allem verbindet, wird Nachhaltigkeit zur Selbstverständlichkeit, weiß Ex-ORF-Journalist, Buchautor und Visionscoach Jakob Horvat.

JAKOB HORVAT28. Mai 2021 No Comments

10 Milliarden Tonnen Plastik. Die Auswirkungen sind fatal. Seit 1970 sind laut einer Studie des WWF 68 % aller Tierarten ausgestorben. Laut dem Magazin „National Geographic“ ist die weltweite Plastikproduktion von 2,1 Millionen Tonnen im Jahr 1950 auf 406 Millionen Tonnen im Jahr 2015 angestiegen. Hochgerechnet auf das Jahr 2020 haben wir damit mehr als 10 Milliarden Tonnen Plastik produziert. Davon wurden nur etwa neun Prozent recycelt, zwölf Prozent verbrannt und etwa 79 Prozent landeten auf Deponien oder in der Umwelt – insbesondere in den Meeren. Laut einem Bericht des Forschungsprojekts Global Forest Watch aus dem Jahr 2019 werden pro Minute 30 Fußballfelder Regenwald gerodet, um die enorme Nachfrage nach Fleisch und Palmöl zu decken. Dafür ist die Luftverschmutzung in vielen Großstädten so stark, dass der Sauerstoff zum Atmen fehlt. Und das ist nur ein Auszug der vom Menschen verursachten Umweltkatastrophe.

Der Konflikt in uns selbst. Der indische Meditationslehrer Punnu Singh Wasu sieht die Wurzel allen Übels im menschlichen Verstand. „In den meisten Menschen tobt Gewalt, ein ständiger innerer Konflikt der Gedanken“, so Punnu. „Die allermeisten sind sich dessen nicht bewusst. Was auch immer in uns vorgeht, projizieren wir nach außen. Damit ist jeder Einzelne von uns mitverantwortlich für das Chaos, das wir erschaffen haben.“ So mag sich einer vielleicht vegan ernähren und aus ökologischen Motiven nie wieder in ein Flugzeug steigen, aber wenn er in sich so viel Ärger trägt, dass er andere für ihr Handeln verurteilt, helfe das niemandem weiter, erklärt Florian Palzinsky: „Daher ist es allem voran wichtig, dass du selber in der Balance bleibst.“

Dieser Argumentation folgend müssen wir uns auch von Schuldzuweisungen und dem Abgeben von Verantwortung an Politik und Wirtschaft verabschieden. „Wenn wir erst einmal erkennen, was wahre Spiritualität für uns selbst bedeutet, dann übernehmen wir auch die Verantwortung – zuallererst für uns selbst. Wenn ich die Welt zu einem besseren Ort machen möchte, muss ich mich selbst zu einem besseren Menschen machen. Die Lösung ist, nach innen zu schauen“, erklärt Punnu Singh Wasu. Es ginge darum, den Verstand als wertvolles Instrument zu nutzen und ihm nicht die unkontrollierte Herrschaft zu überlassen, denn das könne gehörig schief gehen: „Wenn wir unseren Herzen das Steuer zurückgeben, dann lösen sich viele Probleme von selbst. Dann stellen wir fest, dass wir so vieles von dem, was wir zu brauchen glauben, in Wahrheit gar nicht wollen. Dass so vieles von dem, was wir konsumieren, tun und haben, gar nicht im Einklang ist mit dem höheren Zweck unseres Daseins. Dass all das nur Illusionen des Verstandes sind. Wie auch die Gier, die nach immer mehr Geld, mehr Macht, mehr Besitz verlangt und uns zu Menschen macht, die aufhören, sich um die Welt zu kümmern, und nur noch aus egoistischen Motiven handeln.“

Wenn wir unseren Herzen das Steuer zurückgeben, dann lösen sich viele Probleme von selbst.

Metta. Unterschiedliche spirituelle Traditionen beschreiben einen vielversprechenden Weg, der aus dem Egoismus führt. „Es sind die Brahmaviharas, die vier buddhistischen Tugenden, die rund 900 Jahre später auch in den Yoga-Sutren von Patanjali vorkommen“, erklärt Yogalehrer Florian Palzinsky. „Wörtlich übersetzt sind das die höheren Geistes- und Gefühlszustände, die essenziell sind für den Umgang mit uns selbst und anderen: Bedingungslose Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut. In der heiligen Pali-Sprache existiert dafür das Wort „Metta“, die liebende Güte, die Verbindung mit anderen Wesen, Tieren und Pflanzen über emphatisches Spüren.“

Kann Spiritualität alleine die Umweltproblematik lösen? Die Wiener Yoga­lehrerin Rosemarie ­Wagner-Fließer hat im Jahr 2007 die Finanzierung einer Schule in Nordindien übernommen. Seitdem ist „Light of Love“ ihr Herzensprojekt, für das sie regelmäßig nach Indien reist, ein Land mit jahrtausendealter spiritueller Tradition. Immer wieder stellt sie bei ihren Besuchen fest, dass Spiritualität und Umweltbewusstsein nicht immer Hand in Hand gehen: „Lange Zeit war Indien ein bitterarmes Land, da war Umweltbewusstsein in dem Sinne gar nicht notwendig. Es gab kein Plastik aus dem Westen, Fahrzeuge besaß man nicht, Reisen war ohnehin kein Thema und man aß, was eben da war“, so Wagner-Fließer. Das habe sich drastisch geändert. Immer mehr Inder besitzen Autos und können es sich nun leisten, zu reisen. „Doch weil ihr Umweltbewusstsein nie geschult wurde, spürt man jetzt die Auswirkungen“, so die Charity-Obfrau: „Jetzt essen und kaufen auch viele Menschen in Indien mehr, als sie brauchen. Einfach, weil sie es können.“ Sie nehmen sich ein Beispiel an der westlichen Welt. Vor einigen Jahren besuchte Rosemarie Wagner-Fließer das Bergdorf Dharamsala am Fuße des Himalaya, Zentrum des tibetischen Buddhismus und Exil-Heimat des Dalai Lama. „Die Zufahrten zu dem kleinen Dorf waren zugestaut mit großen SUVs, gelenkt von indischen Touristen und Besuchern, die ganze Müllberge zurückgelassen haben.“

Spiritualität alleine löse die Umweltprobleme nicht, wenngleich auch die Yogalehrerin in ihr eine Grund­voraussetzung sieht: „Vor allem in den Entwicklungsländern braucht es Bildung, man muss den Menschen schlichtweg erklären, wie schädlich Plastik für die Umwelt ist und wie man besser damit umgeht. Da wäre Europa und der Westen gefragt, Wissen und Erfahrungen in Bezug auf Recycling und Co weiterzugeben – und zu verhindern, dass Milliarden weitere Menschen die gleichen Fehler machen wie wir.“

In die Ruhe bringen. Der Ökopsychologe und Sachbuchautor Peter Erlenwein betont die Bedeutung eines holistisch-integrativen Weltbildes, wenn es um das Thema Bildung geht: „Angefangen bei den Kindergärten bis zu den Hochschulen sollte auf jeder Stufe der unmittelbare Kontakt mit der Natur gepflegt und systematisch kultiviert werden.“ Das würde die Wahrnehmung unserer Mitwelt als etwas Heiliges fördern und damit den Umgang mit uns selbst und anderen. Auch die Schamanin Tatjana Branoff schlägt vor, „Ohren, Herz, Augen und Atmung in die Natur zu bringen, um dort wieder wahrhaftig hören zu lernen, zu sitzen und uns aus dieser unglaublichen Belastung unseres schnellen Denkens in die Ruhe zu bringen.“ Die Begegnung mit alten Menschen hält Tatjana Branoff für ebenso wertvoll: „Wie wäre es, sich einmal einer entspannten Großmutter zuzuwenden, die in sich die Weisheit des Alters trägt, zudem Güte, Humor und womöglich noch körperliche Agilität und dadurch zum Vorbild wird? Nehmen wir uns doch die Zeit, uns neben einen solchen Menschen zu setzen – egal, aus welcher Kultur oder Tradition sie stammt – und ihr einmal die Würde zu geben, die Schönheit der Natur durch sie zu sehen und zu spüren.“
Florian Palzinsky führt noch einen Punkt ins Rennen, der zum Umdenken anregen kann: „Es geht nicht so sehr um das, was du sagst oder tust, sondern es geht um die Absicht, die dahinter steht. Das ist eine zentrale Lehre Buddhas. Um ein Beispiel zu geben: Nicht das Flugzeug an sich ist nicht nachhaltig, sondern das Motiv, für das es eingesetzt wird. Der Dalai Lama zum Beispiel muss einen gewaltigen CO2-Fußabdruck haben, er ist sicher in mehr Flugzeuge gestiegen als die meisten von uns. Aber was ist seine Absicht dahinter und was bewirkt er damit? Wie vielen Menschen hat er durch seine Präsenz schon die spirituelle Entfaltung ermöglicht?“

Drei Fragen. Apropos Dalai Lama: Palzinsky zitiert aus dessen „Buch der Freude“ drei Fragen, die man sich immer wieder stellen kann, bevor man eine Entscheidung trifft: „Geht es nur um mich oder auch um andere? Geht es um wenige oder um viele? Geht es nur um das Jetzt oder auch um die Zukunft?“
Und so entfaltet sich die Veränderung, die wir uns für die Welt wünschen. Mensch für Mensch, Augenblick für Augenblick, eine Entscheidung nach der anderen.

Zum Autor. Jakob Horvat ist Visionscoach, Meditationstrainer und Autor des Buches „Weltnah“. In seinem Podcast „Thousand First Steps“ teilt er jede Woche seine Leidenschaften für Persönlichkeitsentwicklung, Abenteuer und moderne Spiritualität.

www.jakobhorvat.com
Instagram: @jakob.horvat

28. Mai 2021