Inspiration

Jakob Horvat: Wenn das Leben ruft

Kribbeln im Bauch, der spürbare Puls in der Herzgegend, ein Körper, der in die Schwingung des Unbekannten geht. Irgendwo zwischen subtiler Vorfreude und ängstlicher Nervosität treffen wir eine Entscheidung. Ist sie mutig oder von Angst getragen? Trägt sie zur Entfaltung unserer Einzigartigkeit bei oder hält sie uns im Einheitsbrei aus Vernunft und Bequemlichkeit? Seit zwei Jahren beschäftigt sich OOOM-Autor Jakob Horvat in seinem Podcast „Thousand First Steps“ mit der Frage, wie wir das Größte in uns entdecken können. Für OOOM holt er einige seiner inspirierendsten Interviewgäste vor den Vorhang.

Jakob Horvat14. Januar 2022 No Comments

„Stirb nicht mit deiner Musik in dir“, hat der amerikanische Autor Wayne Dyer einmal kryptisch gesagt. Seine ganz persönliche Musik zum Klingen zu bringen, sein einzigartiges Geschenk zu entdecken und mit der Welt zu teilen, sei demnach das Größte, was ein Mensch im Leben erreichen kann. Der Pfad der Selbsterkenntnis führt aber zuweilen entlang steiniger Passagen, die Mut erfordern und ein gewisses Maß an Abenteuergeist. Die einem die persönlichen Abgründe von Angst und Zweifel vor Augen führen und nach Schritten fragen, die von Vertrauen getragen sind. Um über sie hinwegzuschreiten und an ihnen zu wachsen, um stärker zu werden und fähiger. Um dem Leben mit Neugierde und Offenheit zu begegnen, damit es einem immer neue Wege hin zu Entfaltung und Erfüllung zeigen kann.

Der Privatpilot. Michael Marchetti ist fünfzehn Jahre lang Privatpilot, sein Traumjob, wie er erzählt. Dann bricht Corona aus. Die Flugzeuge bleiben am Boden und Michael hat viel Zeit, um nachzudenken. Er verbringt mehr Zeit in der Natur als im Cockpit und stellt bald fest: „Irgendwie geht sich das alles nicht mehr aus. Wie wir mit der Erde umgehen, miteinander und mit uns selbst.“ Kurz darauf kündigt Michael seinen Job, ohne zu wissen, was als Nächstes kommt. Er findet sich in einem Vakuum wieder zwischen nicht mehr und noch nicht. Die eine Türe zu, die andere noch nicht offen. Michael fällt ein Zitat des französischen Schriftstellers André Gide ein: „Der Mensch kann nicht neue Ozeane entdecken, sofern er nicht den Mut hat, die Küste aus der Sicht zu verlieren.“

„Du kannst es vorher nicht abschätzen und nicht erkennen“, sagt Michael. „Aber in dem Moment, wenn die Küste weg ist, du draußen bist am Meer, du keine Referenz mehr hast und nur noch deinem Herzen folgst, dann ist es wirklich dein innerer Kompass, der dich führt. Genau dann ist der Zeitpunkt, wo einem dieses Vertrauen so viel Kraft und so ein tolles Gefühl gibt. Da ist dann so ein tiefes inneres Wissen, dass es gut gehen wird.“

Als sich meine Angst in Faszination verwandelte. Kurz, bevor ich im Zuge meiner 14-monatigen Weltreise im Februar 2017 den Atlantik auf einem Segelboot überquerte, war die Angst meine Begleiterin. Ich bin noch nie irgendwohin gesegelt und ließ mich als Teil einer sechsköpfigen Crew auf ein Abenteuer ein, das weit außerhalb meiner Komfortzone lag. Als ich am ersten Morgen auf hoher See aufwachte und mich umblickte, sah ich keine Küste mehr, nur noch den weiten Ozean. Doch anders als gedacht ist die Angst der Faszination gewichen und einer unheimlichen Neugierde auf das, was vor mir lag. Der Schlüssel dazu lag im Vertrauen in etwas, das so unschätzbar größer ist als ich selbst. Als wir nach drei Wochen auf der Karibikinsel Guadeloupe landeten, fühlte ich eine solch inspirierende Lebendigkeit in mir, wie sie mir bis dato unbekannt war.

Mittlerweile hat Michael sein eigenes Unternehmen gegründet. wetransformpilots hat es sich zur Aufgabe gemacht, PilotInnen und FlugbegleiterInnen dabei zu helfen, den Umbruch als Chance zu begreifen und sie auf dem Weg in eine neue berufliche Zukunft zu begleiten. All das geschah in weniger als einem Jahr. „Ich hätte mir nie gedacht, dass es so schnell gehen kann“, erzählt Michael. Was ihm dabei geholfen hat? Die Stille. Denn wenn Ängste ihn überkamen und er sich nachts stundenlang in Zweifeln wälzte, wurde ihm das achtsame Hinhören in die Natur und den eigenen Körper zur Ressource. Vor allem seine dreitägige Vision Quest auf einem Berggipfel bei Mariazell ohne Essen und Ablenkungen habe viel bewegt: „Man ist so klar bei sich und nicht dauernd abgelenkt. Das war auch sehr anstrengend, da sind auch viele Tränen geflossen. Da brechen Dämme und man sitzt da und kennt sich nicht aus. Aber am Schluss war ich sehr erleichtert. Und dieses Spüren, dieses im Einklang sein mit sich selber, das zeigt einem, was der nächste Schritt ist. Da braucht man dann nicht mehr viel nachdenken, das spürt man einfach.“

Was ist dieses Spüren? Fragen wir Wolfgang Melchior. Der Extrem-Abenteurer hat im Jahr 2006 einen Weltrekord aufgestellt, indem er ohne technische Hilfsmittel in 33 Tagen zum Südpol gewandert ist. Er nahm auch an einer Nordpol-Expedition teil, durchquerte Grönland zu Fuß und bestieg mehrmals den Kilimandscharo. Immer wieder suchte er das Extreme, um herauszufinden, was in ihm steckt, und zu entdecken, wer er wirklich ist – hinter seinen eigenen Grenzen. Seine Reisen haben ihn zu dem gemacht, der er heute ist. Als 65-Jähriger blickt er zurück auf ein erfülltes Leben – dankbar dafür, dass er die meisten seiner Träume leben konnte. „Man spürt vieles und dem sollte man in irgendeiner Form nachgehen“, so Wolfgang Melchior. „Wichtig dabei ist die innere Stimme, die dir sagt, es ist gut, dass du das jetzt machst. Alle Dinge, die ich gemacht habe, wurden reflektiert mit meiner inneren Stimme. Und wenn sie dir sagt: „Tu das!“, dann ist es auch genau der richtige Zeitpunkt. Wenn man diese Stimme nicht klar hört, dann folgt man mitunter auch Irrwegen. Deshalb ist die Arbeit im Inneren so wichtig.“ Angst sei dabei eine schlechte Begleiterin, „weil sie dich in eine Richtung führt, die von der tatsächlichen Realität weit entfernt ist“, so Melchior. „Mit deinen Gedanken gestaltest du deine Wirklichkeit, wenn du sie mit Angst gestaltest, wird genau das auch eintreten. Du bist dann sozusagen Passagier deiner Angst und das ist kein gutes Lebensmotto.“

Wie also lernen wir, die unterschiedlichen Stimmen zu unterscheiden?

Die eine ist ängstlich und zeichnet Horrorszenarien im Kopf, die mit der Realität nichts zu tun haben und uns davor abhält, mutige Entscheidungen zu treffen. Die andere, eine konkretere Form der Angst, warnt uns vor Dummheiten und inspiriert uns zu Respekt und Demut vor einer schwierigen, womöglich gefährlichen Aufgabe. Wieder andere Stimmen ziehen in Betracht, was die anderen denken. „Diese inneren Facetten gibt es und kaum eine Stimme sagt zu 100 Prozent ja“, weiß Wolfgang Melchior aus Erfahrung. „Du musst abklären, was dir diese unterschiedlichen Stimmen sagen. Sind es Interessen und Erwartungen von außen, die du erfüllen solltest? Oder ist das dein Leben, deine Vision?“ 

In seinen Zwanzigern konnte Melchior seine Intuition nur sehr schwach wahrnehmen. Als er begann, täglich damit zu arbeiten, wurde sie ihm zum fein gestimmten Instrument.

„Du liegst auf der Couch, schließt die Augen, hörst in dich hinein und reflektierst, was aus deiner Vision in dir ist. Dann spürst und erkennst du, was du noch gerne ausprobieren würdest in deinem Leben.“ Viel wichtiger als die Frage nach dem „Wie“ sei die Frage nach dem „Warum“. „Das sind Fragen nach deinen Visionen, nach deinen innersten Wünschen und Träumen. Nach dem, was du in dir trägst und realisieren möchtest. Die Grundvoraussetzung ist also, dass du Visionen hast für dich selbst. Jeder Mensch hat andere. Und diese Visionen sind es, die gelebt werden wollen. Die Antworten auf die Frage, warum du hier bist.“

14. Januar 2022