Arts & Design

Jamie Nelson: I am a Kitsch Bitch

Jamie Nelson lebt den amerikanischen Traum. Als Werbefotografin machte sie sich weltweit einen Namen und arbeitet für internationale Luxus-Labels, Top-Medien wie die „Vogue“ und Stars wie Gwen Stefani, Drew Barrymore und Lily Allen. Mit harter Arbeit und Fleiß hat sich die junge Texanerin aus bescheidenen Verhältnissen ihren Traum erfüllt und ihr eigenes Haus in Los Angeles ganz nach ihren Vorstellungen gestaltet, eine Villa im pinken Barbie-Girl-Stil. Für OOOM hat sich Nelson vor der Linse des Wiener Fotografen Pedro Almohada provokant in Szene gesetzt. Sich selbst bezeichnet die Fotokünstlerin schon mal als „Kitsch Bitch“. Das Interview mit einer starken Frau über Sexismus, den „Playboy“ – und warum sie sich wieder richtige Männer wünscht, die Frauen hinterherpfeifen.

Christina Zappella-Kindel19. November 2021 No Comments

Sie stammen aus Texas, machten als Fotografin Karriere und sind jetzt auch Interior-Designerin. Klingt wie eine kitschige American-Dream-Story.
Die Karriere als Fotografin war mein Traum. Diese neue Sache mit dem Interior-Design kam ganz unerwartet, denn plötzlich fragten mich Leute, ob ich Räume für sie einrichten würde. Anfangs hatte ich wirklich keine Zeit dafür. Es fühlte sich anfangs sehr seltsam an, doch in den letzten vier Jahren hat es sich zu etwas entwickelt, das ich tatsächlich verfolgen will. Es ist einfach schwierig, wenn man sich manchmal nur auf eine Karriere konzentriert wie bei mir die Fotografie, dann brennt man irgendwie aus. Ich genieße es, morgens meinen Garten zu gießen, dann am Computer zu sitzen und zu arbeiten und nicht meine ganze Zeit nur mit Fotografie und Mode zu verbringen. Jetzt, wo ich es in meiner Karriere bis zu einem gewissen Grad geschafft und ich mir einen Namen gemacht habe, kann ich das gut kombinieren und ein Gleichgewicht finden.

Ihr Haus ist bis in den letzten Winkel durchgestylt, in schrillen, pinken Farben, als wäre es die Barbie-­Girl-Villa in Lebensgröße. Haben Sie alles selbst entworfen?
Ja. Nach dem College ging ich von Texas nach New York, um als Fotografin zu arbeiten. Wir gingen damals in Billig- und Secondhand-Läden und entwarfen mit Mini-Budget Bühnenbilder für Magazine und Foto-Shootings. Ich denke, dass dieser Einfallsreichtum und die Möglichkeit, Dinge mit einem geringen Budget zu machen, aus dieser Zeit stammt. Ich dachte mir: Wenn ich keinen Kosten­voranschlag bekomme und es zwei Wochen dauert, bis irgendein Arbeiter hierher kommt, mache ich es einfach selbst.

Wie man sehen kann, lieben Sie das Design der 1960er- und 70er-Jahre.
Ja, ich mische irgendwie alle, aber die 70er-Jahre haben es mir schon immer angetan. Es gibt so etwas wie Space-Age-Aspekte der 1960er-Jahre, die ich sehr mag. Ich habe eine ganze Reihe von Ideen und Themen im Kopf. Weltweit gibt es wahrscheinlich weniger als 20 Themenhotels, und ich möchte an etwas Ähnlichem arbeiten, bei dem ich mehrere Zimmer mit einer Vielzahl von Themen entwickle. Meine nächste Idee wäre also, mich zu erweitern und nicht immer nur die gleichen 70er-Jahre-Farben zu nehmen. Ich möchte auch andere Dinge entwickeln, die meine Handschrift tragen.

Was ist Kitsch für Sie?
Es gibt verschiedene Formen von Kitsch. Wenn ich mir Interieur oder Möbel ansehe, mag ich normalerweise keine Dinge, die als „Kitsch“ bezeichnet werden. Denn normalerweise sind die Tapeten oder andere Sachen Repliken mit nur wenig aus den 1970ern oder 60ern, meistens auch nicht einmal wirklich gut gemacht. In meinem Haus sind die Räume so gestaltet, dass man das Gefühl hat, in diese Zeit zurückversetzt zu sein. Das ist authentischer Kitsch.

Sie stammen nicht aus reichem Haus, sondern aus bescheidenen Verhältnissen und haben sich alles selbst erarbeitet.
Ich glaube, arm zu sein, hat mich kreativ gemacht. (lacht) Ich habe extreme Zeiten erlebt und mich jeden Tag gefragt, ob wir Geld für Essen, meine Studiengebühren oder die Miete haben. Ich wurde mehrmals fast zwangsgeräumt. Ich bin bei einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, sie war Unternehmerin, und so wurde ich wohl dazu erzogen, ständig auf Risiko zu leben und einfach nicht zu wissen, ob wir überhaupt etwas haben. Es ging also wirklich nur in Secondhand-Läden und darum, sparsam und einfallsreich zu sein. Meine Mutter hat mir beigebracht, immer so zu tun, als ob du nicht superarm wärst, obwohl du es bist. Ich bin mit der Illusion aufgewachsen, Schönheit zu erschaffen, obwohl sie gar nicht da war. Ich liebe es, das Beste und Schönste aus jemandem herauszuholen. Und so hole ich auch das Beste aus der finanziellen Situation, in der ich mich gerade befinde.

Ich wurde mehrmals fast zwangsgeräumt. Arm zu sein hat mich kreativ gemacht. Ich bin mit der Illusion aufgewachsen, Schönheit zu erschaffen, obwohl sie gar nicht da war.

Ihre Mutter muss sehr stolz auf Sie sein.
Sie ist es. Es ist heute richtig aufregend, denn wir sind damals nicht wirklich miteinander ausgekommen, als ich ein Teenager war. Ich war hungrig und verärgert, weil ich dachte: „Warum kannst du dir nicht einfach einen richtigen Job und ein festes Einkommen suchen?“ Aber jetzt, im Nachhinein, hat sie mir beigebracht, dass es in Ordnung ist, kein Geld zu haben, und dass man nicht ausflippen muss, weil es immer irgendwie klappt. Jetzt sitzen wir hier und machen Geschäfte zusammen, unser nächstes Projekt wird wirklich sehr groß sein.

Was ist für Sie der beste Ort zum Leben in den USA?
Ich bin in der ganzen Welt herumgekommen. Ich war in Texas, bin dann in Colorado aufgewachsen, bis ich etwa 17 war, und dann in Kalifornien aufs College gegangen. Ich war danach 12 Jahre lang in New York und bin jetzt wieder in Kalifornien. Ich denke also, dass dies definitiv der Ort ist, an dem ich immer sein werde. Es ist ein totales Paradies. Ich war schon überall in Europa, ich war auf St. Lucia, in Singapur, an allen möglichen coolen Orten, aber L.A. ist mein absoluter Lieblingsort. Ich weiß, dass viele Fotografen nach Europa gezogen sind und versuchen, dort Fuß zu fassen. Aber ich hatte dort Agenten, und ehrlich gesagt finde ich, dass die meisten Märkte nicht so gut zahlen wie die USA. Also fühlte ich mich hier für mein Talent, meine Kunst mehr gefeiert.

19. November 2021