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Jane Fonda: Die Unbezwingbare

Mit fast 84 Jahren ist Jane Fonda, deren Karriere als Barbarella begann, ­relevanter denn je – und nicht nur auf der Leinwand. Sie dreht, sie reist, sie hält Reden, sie verfasste eine Autobiografie. Sie ist eine Rebellin, die aufwiegelt und aufweckt. Denn abseits ihrer zwei Oscars und 65 weiterer Preise ist sie vor allem eines: eine engagierte politische Aktivistin, die unseren Nachkommen eine Welt hinterlassen will, in der sie atmen können. Tatsächlich und metaphorisch. OOOM sprach mit Fonda über das Hollywood von heute, die Presse, ihr politisches Engagement, Paparazzi, ihre drei Ehen, flotte Dreier und Sex im Alter.

Elisabeth Sereda14. Januar 2022 No Comments

Hat Hollywood je Ihr Leben bestimmt?
Nein, denn ich habe da alle Regeln verletzt. Gerade als ich ein ernst zu nehmender Star wurde, habe ich Amerika verlassen, um mit einem französischen Regisseur in Paris in einem winzigen Dachgeschoß zu leben.
Das ist nicht unbedingt eine smarte berufliche Entscheidung. Meine Karriere hat mich nie geleitet, Männer aber schon. Ich bereue das auch nicht, ich habe daraus gelernt.

Wie sehr hat sich Holly­wood selbst verändert?
Früher ging man zu den Oscars, und wenn dich jemand fragte: „Was tragen Sie?“, antwortete man: „Ein Kleid.“ Wir nähten unsere Abendkleider selbst. Heute haben wir ein Team an Stylisten. Wir hatten in den Sixties und Seventies auch nicht dieses intensive Medien­interesse. Wenn wir ausgingen, wussten wir, dass man sich für uns interessierte und fotografierte. Aber heute ist davon auch das Privatleben betroffen. Und es wird viel mehr Wert darauf gelegt, wie man sich anzieht. Es ist alles zur großen Modenschau geworden.

Hat sich der Umgang mit Ruhm verändert?
Ich sage immer, berühmt zu sein ist besser als berüchtigt. Ich war beides. Berühmtheit bedeutet, dass du irgendetwas in deiner Karriere richtig gemacht hast. Ich habe es so satt, wenn sich Stars über Paparazzi aufregen. Ja, sie sind unangenehm, aber das ist der Preis des Ruhms.

Die größte Gefahr des Ruhms sind nicht drängelnde Fotografen, sondern dass du deine Misserfolge vergisst, und das macht dich nicht zu einem guten Menschen.

Wie ist Ihre Erfahrung mit der Presse?
Meine Beziehung zu den Medien war eigentlich immer gut. Ich wünschte mir nur, die Medien hätten heute mehr … ich wollte sagen „Eier“. Aber ich sage im Zuge der Gleichberechtigung doch lieber Eierstöcke. (lacht)

In Paolo Sorrentinos „Youth“ spielten Sie einen alternden Star, und eine Ihrer besten Zeilen war: „Es gibt mehr im Leben als diese Kinoscheiße.“
Der Satz trifft es. Die Tatsache, dass ich immer ein erfülltes Leben außerhalb meiner Filme hatte, trug zu meiner geistigen und emotionalen Gesundheit bei. Als ich 15 Jahre Pause machte, hatte ich eine großartige Zeit, und das war nicht nur wegen Ted Turner (Anm.: Janes Fondas damaliger Ehemann, Gründer von CNN), sondern weil ich viele Interessen habe wie schreiben, lesen oder viel Zeit in der Natur zu verbringen mit Menschen, die nichts mit dem Filmgeschäft zu tun haben.

Wie sehr haben Sie sich selbst verändert?
So sehr, dass ich ein ganzes Buch darüber schrieb. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Wenn ein Künstler – und ich halte Schauspieler für Künstler – nur mehr aus dem letzten Loch pfeift und sich durch schieren Überlebenswillen durch den Tag kämpft, weil die private Situation so misera­bel ist oder die Ehe gerade zerbricht, dann passiert alles nur noch im Kopf. Das ist der Tod der Kreativität. Um kreativ zu sein, muss man tief durchatmen können und relaxen. Das konnte ich nicht mehr. Mir ging es elend. Jeden Tag wachte ich auf und fühlte mich miserabel. Und so ging ich zur Arbeit und fürchtete mich zu Tode. Ich wollte einfach nicht mehr schauspielen. Genau da traf ich Ted Turner. Und auf einmal musste ich es nicht mehr – und ich war unendlich dankbar dafür. Heute bin ich wie neugeboren. Und das hat auch meine Arbeit verändert.

In Ihrer Biografie „My Life So Far“ schreiben Sie, dass Sie viele Jahre Ihres Lebens damit verbracht haben, es anderen rechtzumachen.
Wie viele Mädchen dachte ich, dass man perfekt sein muss, um geliebt zu werden. Ich litt an der Krankheit, alle zufriedenstellen zu müssen. Das beeinflusste mein gesamtes Leben.

Wie wichtig war Ihr Vater Henry Fonda in Ihrem Leben?
Ich vermisse ihn jeden Tag. Als ich meine Memoiren schrieb, rief mich Martin Luther Kings Tochter Yolanda an. Ich fragte sie: „Hat dich dein Vater auf seinen Schoß gesetzt und mit dir über das Leben gesprochen?“ Und sie sagte: „Nein“. Und ich antwortete: „Mein Vater hat das auch nie getan, er hat mich nie etwas gelehrt. Aber du hast seine Predigten und ich habe seine Filme und durch sie habe ich vieles über Fairness und Gleichstellung gelernt.“ Mein Vater war nicht sehr kommunikativ, er kam aus einer Generation, die nie Emotionen zeigen ­konnte. Bei mir hat das meine Bindungsängste ausgelöst, das lässt sich alles auf meine Kindheit zurückführen: Diese Angst, verletzt zu werden und dadurch nur oberflächliche Bindungen zuzulassen oder eine Beziehung nach der anderen zu haben, weil man davon überzeugt ist, dass ohnehin keine hält. Ich weiß, wovon ich rede, ich war dreimal verheiratet. Trotz allem oder gerade deshalb liebte und bewunderte ich meinen Vater sehr.

Als Tochter eines Stars waren Sie vermutlich nicht von der Besetzungscouch betroffen, aber die Geschichten, die jungen Kolleginnen widerfahren sind, haben Sie schon gehört, oder?
Natürlich. Und ich bin sehr froh, dass all das jetzt herauskommt und ein Harvey Weinstein im Gefängnis sitzt. Es ist ein großer Unterschied, ob ein Mann eine Frau gegen ihren Willen bei einem Date küsst – was mir mal passiert ist – oder ob einer wiederholt die Hosen fallen lässt und Frauen in Scharen attackiert. Das ist der Beweis für ein krankes Gehirn. Das Gute an allem, was in den vergangenen Jahren herauskam: Männer werden endlich von der Gesellschaft darauf hingewiesen, dass wir nicht ihre Penisse sehen wollen, nur weil sie selbst davon angeturnt sind.

14. Januar 2022