Inspiration

Janessa Gans Wilder: In eigener Mission

Als 2001 zwei Flugzeuge in das World Trade Center in New York krachten, war Janessa Gans Wilder mitten in ihrer Ausbildung bei der CIA. Zwei Jahre später marschierte Präsident Bush in den Irak ein, und Gans Wilder meldete sich freiwillig als Nahost-Expertin, um mit Militäreinheiten durch brandgefährliche Kriegsgebiete zu ziehen. Erschüttert von der Spur der Verwüstung und der politischen Leere, die ihr Heimatland im Irak hinterließ, wollte sie – zurück in den USA – Amerika besser machen. Sie gründete das Euphrates Institute, das lokalen Friedensstiftern von Indien bis Tansania Unterstützung anbietet. Heute hat die Mutter von drei Kindern eine klare Botschaft: „Turning the other into a brother“ – den Fremden wie einen Bruder behandeln. Und dadurch eine echte Chance auf Veränderung schaffen.

Claudia Huber30. Juli 2020 No Comments
Janessa Gans Wilder, CIA

Hat denn ein Einzelner wirklich die Fähigkeit, etwas zu verändern?

Das scheint unmöglich, oder? Aber schauen Sie sich Gandhi an oder Martin Luther King. Everett Rogers, ein Professor in Stanford, fand heraus, dass ein sehr kleiner Prozentsatz der Bevölkerung sogenannte Innovatoren sind. Sobald sie 5 bis 20 % der Bevölkerung mit ihrer Vision erreicht haben, kann sich schon etwas ändern. Wir neigen gern zu der Ansicht, dass wir mehr als die Hälfte davon überzeugen müssen, um wirklich Veränderungen herbeizuführen. Aber das ist nicht der Fall. Wir leisten im Institut unseren Beitrag, um ein Licht auf die Arbeit unserer Visionäre zu werfen und um anderen zu zeigen, welchen Unterschied nur eine einzelne Person machen kann.

Manchmal muss man nur 5 % der Leute überzeugen, um echte Veränderung zu schaffen.

Was muss ein Innovator mitbringen, um diese Kraft zustande zu bringen?

Gandhi war klar, dass es nicht nur um gewaltlosen Widerstand geht, sondern dass es eine persönliche Veränderung sein muss. Denn eine Person wäre nicht in der Lage, Schläge und Gefangenschaft auszuhalten, ohne eine solche mentale Stärke und innere Reinheit zu besitzen, die einen nicht selbst zur Gewalt greifen lässt oder die Person hassen lässt, die sie einem antut. Ich war vor Kurzem in Israel und Palästina und sprach mit einem lieben Freund, der im Alter von 14 Jahren zehn Jahre lang inhaftiert wurde. Er wurde gefoltert und hat unglaubliche Dinge ertragen, seine ganze Jugend war einfach weg. Heute schließt er sich mit sowohl israelischen Soldaten als auch palästinensischen Militärs kurz und setzt sich für den Frieden und die Beendigung der Besatzung ein. Er hat mir erzählt, dass den anderen als seinen Bruder zu sehen eine unglaublich starke Botschaft ist. Aber wie schafft man das? Welche Art von Verwandlung muss geschehen, damit man jemanden, der einen gequält hat, als seinen Bruder sehen kann? Er sagte, dass er versteht, dass die meisten Menschen noch nicht bereit sind. Er selbst hat sein ganzes Leben gebraucht, um auch nur ansatzweise zu begreifen, was das bedeutet und wie das aussieht. Diese moralische Kraft ist stärker als Atomwaffen, sie ist die mächtigste Kraft im Universum, davon bin ich überzeugt.

Nebenbei wird die Kluft in Ihrem eigenen Heimatland, den USA, aktuell wieder sehr deutlich.

Es ist schon absurd. Bei den letzten beiden Reisen sind die Peacebuilder aus Nahost auf mich zugekommen und haben gefragt: „Wir machen uns wirklich Sorgen um die USA! Braucht ihr in Amerika unsere Hilfe?“ Ein Institut, das sich mit Faktoren des Bürgerkriegs im Ausland befasste, wies uns einmal darauf hin, dass jedes einzelne der Auswahlkriterien auf die USA zutreffen würde: Die Spaltung, der Konflikt mit den Medien, die Entmenschlichung auf der anderen Seite. Wir bewohnen zwei verschiedene Welten und diese beiden Welten entwürdigen sich gegenseitig. Unser Gehirn kann den Unterschied zwischen einem Tiger, der uns angreifen will, und einer Meinungsverschiedenheit nicht erkennen. Es sieht beides als lebensbedrohlich und als Gefahr für unsere Kernidentität an. Aber trotzdem ist es wichtig, diese Gespräche zu führen. In einer Demokratie hat kein Mensch das perfekte Bild und die perfekte Antwort. Nur wenn man als Gemeinschaft zusammenarbeitet und diese reiche Vielfalt an Perspektiven hat, kann man zur Lösung beitragen. Viele Studien haben gezeigt, dass Menschen, die in Isolation leben und nicht mit fremden Leuten interagieren, viel unglücklicher sind als diejenigen, die in Gebieten mit gegensätzlichen Standpunkten leben. Wir brauchen uns also gegenseitig.

Menschen aus Nahost sind auf mich zugekommen und haben gefragt: „Braucht ihr in Amerika unsere Hilfe?“

30. Juli 2020