Inspiration

Janis McDavid: Leben ohne Grenzen

„Mir fehlen Arme und Beine nicht, ich habe nur keine.“ Nach diesem Grundsatz lebt der Hamburger Janis McDavid, der bei seiner Geburt ohne Gliedmaßen auf die Welt kam, seit 28 Jahren. Und beweist sich und uns allen seither jeden einzelnen Tag, dass ein erfülltes Leben nicht vom Körper abhängt. McDavid war auf den höchsten Bergen der Welt, reist mit UNICEF um den Globus, fährt selbstständig Auto, hält Vorträge vor Unternehmensvorständen und inspiriert zehntausende Menschen mit seinen Blogs, Vorträgen und einem berührenden Buch. Jeder soll das beste Leben führen, das in seiner Situation möglich ist, sagt McDavid. Dass dies bei jedem anders aussehen kann – dafür ist er der lebende Beweis. OOOM sprach mit Janis McDavid über das eine, wesentliche Thema: worauf es im Leben wirklich ankommt.

Claudia Huber20. Dezember 2019 No Comments
janis mcdavid leben ohne grenzen ooom magazin

Es ist ein modischer junger Mann, der da auf die Bühne kommt, mit strahlenden Augen, markanten Wangenknochen, gestylten Haaren, adrettem Anzug. Wenn er zu reden beginnt, herrscht Stille im Saal. Mit klugen, charmanten und meist humorvollen Worten fesselt er das Auditorium. Janis McDavid, 28, weiß, wie man einen Auftritt gekonnt und souverän hinlegt. Und doch ist jeder seiner Vorträge und Reden etwas Besonderes für sein Publikum. Seit seiner Geburt hat McDavid keine Arme und Beine. Doch das hindert ihn nicht, gekonnt in seinem elektrischen Rollstuhl auf die Bühne zu fahren, von diesem direkt auf den Boden zu springen, sich von einer Seite zur anderen zu bewegen, um auch wirklich jeden im Publikum zu erreichen. Bereits zum zweiten Mal gewann McDavid für seine rhetorischen Fähigkeiten den International Speaker Slam. Vor den Führungskräften von Spitzenunternehmen und weltweiten Wohltätigkeitsorganisationen wie der UNICEF hält er regelmäßig Vorträge, darüber hinaus fährt er fast jede Woche zu Auftritten vor öffentlichem Publikum, die von ihm einen Einblick in ein etwas anderes Leben erhalten. Und die aus seinen inspirierenden Worten ihre eigenen, motivierenden Botschaften ziehen können. Denn Janis McDavid vermag es, Menschen zu inspirieren wie kaum jemand anderer.

Warum der kleine Janis ohne Arme und Beine auf die Welt kam, weiß er bis heute nicht. Es ist eine der wenigen Fragen, auf die er auch keine Antwort sucht. Denn ändern lässt sich diese Tatsache sowieso nicht. Als Baby wurde er zu Pflegeeltern gegeben, die ihn zur Selbstständigkeit erzogen. Alles was möglich ist, macht er alleine: Treppen steigen, Flaschen aufdrehen, Auto fahren. Er liebt das Reisen. Wenn er nicht gerade mit UNICEF in der Welt unterwegs ist, plant er Bergtouren mit seinen Freunden. In Peru auf die Anden oder auf einen Vulkan in Indonesien: dass er keine Arme und Beine hat sollte für McDavid nie der Grund sein, etwas nicht zu tun – oder zumindest zu versuchen. Ob er bei seinen Ideen einen guten Riecher hat, prüft er dabei mit dem selbst ausgedachten „Kopfschüttelindex“: „Je mehr ein geplantes Projekt Kopfschütteln auslöst, desto eher will ich es auch in die Tat umsetzen“, sagt der Hanseate in seiner typischen, überzeugten Art. McDavid sprüht vor Lebensenergie und ist damit vielen Menschen, ob mit Handicap oder ohne, zum Vorbild geworden.

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Lange Zeit hatten Sie als Kind nicht das Gefühl, anders als die anderen zu sein. Erst als Sie dann mit 8 Jahren einen Blick in den Spiegel warfen, fiel es Ihnen „wie Schuppen von den Augen“. Wie kam es, dass Sie so lange keinen Unterschied bemerkten?

Meine Eltern haben immer sehr viel Wert darauf gelegt, dass alles normal ist. Sie haben das großartig hingekriegt, mir als Kind eine Welt zu kreieren, wo ich das Gefühl haben konnte, dass alles so gehört wie es ist. Ich wusste auch schon vorher, dass ich keine Beine habe und dass ich einen knallgelben Elektrorollstuhl fahre. Nur wie gravierend das eigentlich anders war, das habe ich erst mit 8 Jahren beim Blick in diesen Spiegel realisiert. Das war ein Moment zwischen Fremdwahrnehmung und Selbstwahrnehmung. Plötzlich hatte ich die Möglichkeit, aus einer Fremdperspektive auf mich zu schauen.

Wie ging es danach für Sie weiter? War Ihr Leben plötzlich ein anderes?

Das Erlebnis mit dem Spiegel hat mich ziemlich aus der Bahn geworfen. Da begann ein Kampf gegen meinen Körper, den ich nach innen geführt habe. Mit 17 Jahren habe ich dann eine Entscheidung für mich getroffen: Sie lautete, mich und meinen Körper zu akzeptieren. Natürlich, geklärt ist da auf diesem Weg noch längst nicht alles, aber es hat ein glückliches, erfolgreiches Leben überhaupt erst möglich gemacht.

Was muss man mitbringen, damit man glücklich und erfolgreich leben kann?

Selbstwertschätzung und Selbstliebe sind die Grundvoraussetzungen dafür, dass ich mein Leben so leben kann, wie ich es tue. Schwierigkeiten gibt es äußerlich, aber die lassen sich alle überwinden. Aber bevor ich das im Außen überhaupt machen kann, muss ich erst lernen, mich selbst wertzuschätzen und die Probleme im Inneren zu klären. Das ist rückblickend einer der wichtigsten Faktoren. Wenn ich mich selbst nicht mag, dann ist es auch unmöglich, Freunde zu finden. Das alles hat viel mit einem selbst zu tun.

Welches Verhältnis haben Sie zu anderen aufgebaut, um sich in Situationen, wo es nötig ist, von ihnen unterstützen zu lassen?

Es kommt ein bisschen darauf an, über welche Hilfe wir da sprechen. Ich brauche immer wieder einmal einen kleinen Handgriff, wenn ich etwas aus meiner Tasche benötige oder so. Da bin ich auch total schmerzbefreit, Fremde darum zu bitten. Ich habe aber auch die Regelung für mich, dass ich die Dinge, die ich selber tun kann, auch selber tue. Das ist für mich ganz wichtig. Und dann gibt es noch eine Ebene, die persönlicher Natur ist. Um mich in den Rucksack von jemand anderem hineinzusetzen, wenn wir wandern oder Bergsteigen gehen, dafür sind gewisse Voraussetzungen notwendig. Die wichtigste Voraussetzung, sich hier jemand anderem anzuvertrauen, ist eigentlich die Freundschaft und das Sich-selbst-Annehmen, von dem ich vorhin geredet habe.

20. Dezember 2019