Inspiration

Janis McDavid: Leben ohne Grenzen

„Mir fehlen Arme und Beine nicht, ich habe nur keine.“ Nach diesem Grundsatz lebt der Hamburger Janis McDavid, der bei seiner Geburt ohne Gliedmaßen auf die Welt kam, seit 28 Jahren. Und beweist sich und uns allen seither jeden einzelnen Tag, dass ein erfülltes Leben nicht vom Körper abhängt. McDavid war auf den höchsten Bergen der Welt, reist mit UNICEF um den Globus, fährt selbstständig Auto, hält Vorträge vor Unternehmensvorständen und inspiriert zehntausende Menschen mit seinen Blogs, Vorträgen und einem berührenden Buch. Jeder soll das beste Leben führen, das in seiner Situation möglich ist, sagt McDavid. Dass dies bei jedem anders aussehen kann – dafür ist er der lebende Beweis. OOOM sprach mit Janis McDavid über das eine, wesentliche Thema: worauf es im Leben wirklich ankommt.

Claudia Huber20. Dezember 2019 No Comments
janis mcdavid leben ohne grenzen ooom magazin

Wandern ist eine Vertrauensprüfung?

Ich würde nicht auf die Idee kommen, mich bei einfach irgendjemandem in den Rucksack zu setzen und mich über die Berge tragen zu lassen. Da gehören Vertrauen und Freundschaft dazu, aber auch viel Gegenseitigkeit. Reiner Altruismus würde nicht funktionieren. Es ist nicht so eine Geschichte, wo es heißt, wir sind jetzt mal so selbstlos den Janis durch die Gegend zu tragen. Das ist eine gemeinsame Entscheidung. Es gehört dazu, dass ich auch zu meinem Freund, der mich im Rucksack hat, sagen kann: „Hey, pass mal ein bisschen auf, wo du hingehst!“ Es hängt ja auch mein Leben davon ab.

Um sich in den Rucksack von jemand anderem hineinzusetzen, braucht es Vertrauen und Freundschaft. Und dass ich sagen dar: “Hey, pass mal auf, wo du hingehst!

Mal ganz einfach in den Supermarkt zu gehen ist für Sie kaum möglich. Die Blicke der anderen: Ist das etwas, was Sie schon lange ausgeblendet haben?

Mich haben die Leute immer anguckt, daher habe ich mir eine Art Tunnelblick angeeignet. Den brauche ich auch, sonst würde ich verrückt werden. Als Kind hatte ich den Gedanken, dass das ja eigentlich ganz cool ist. Ich wurde angeguckt, ohne etwas dafür tun zu müssen, während Stars ewig dafür arbeiten. Wenn mich Leute beobachten, weil ich anders aussehe, dann bin ich ja an sich in dieser Situation noch immer anonym. Das verändert sich aber, je mehr Interviews ich gebe. Dann kommen Leute auf mich zu und fragen, ob sie mich nicht im Fernsehen gesehen haben.

Sind das größtenteils positive Begegnungen, oder überschreiten manche Leute eine Grenze?

Ich muss mich selbst erst an diese Aufmerksamkeit gewöhnen, nicht nur angeguckt, sondern auch angesprochen zu werden. Ich verstehe diesen Trubel aber oft auch gar nicht, weil ich selber ja finde, dass ich gar nicht so  ein großartig anderes oder besonderes Leben führe. An sich mache ich ja nur ganz normale Dinge, die andere auch machen. Jeder geht in den Supermarkt, fährt Auto oder unternimmt eine Wandertour. Von daher muss ich erst diesen Blick dafür kriegen, dass das für andere Leute in meiner Situation nicht normal wäre.  Es geht dann wiederum in so eine Art Vorbildrolle hinein. Dass das als Motivationsfaktor und Mutmacher funktioniert, ist sehr spannend.

Als Kind dachte ich, das ist doch cool. Ich werde angeguckt, ohne etwas dafür tun zu müssen.

Man stellt sich automatisch so viele Fragen, wie Sie gewisse Dinge machen. Sie fahren zum Beispiel ein halbautonomes Auto, das speziell auf Ihre Bedürfnisse angepasst wurde. Sind Sie technikaffin oder ist es durch Ihr Handicap schlicht eine Notwendigkeit?

Ich bin generell technikbegeistert, das hat relativ wenig mit meinem Handicap zu tun. Ich mag die Spielerei. Wenn ich meine Heizung und mein Licht per Sprachsteuerung einstellen kann, dann ist das cool, aber es wäre nicht notwendig. Ich öffne in meiner Wohnung zum Beispiel ganz normal physisch meine Türen und Schubladen. An anderer Stelle ist Technik für mich ungemein wichtig. Alle reden heute von autonomem Fahren. Ich fahre seit fast 10 Jahren einen Wagen, der die Vorstufe des autonomen Fahrens ist.

Was bedeutet selbstständiges Fortbewegen für Sie?

Autofahren hat für mich eine Freiheit und eine Unabhängigkeit möglich gemacht, die einfach enorm ist. Rein businesstechnisch ist es natürlich auch notwendig. Ohne mein Auto könnte ich nicht durchs Land fahren und meine Arbeit als Speaker verfolgen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich jugendlich war und davon geredet habe, dass ich eines Tages Autofahren werde, auch wenn ich noch nicht wusste, wie. Kinderträume müssen ja keine Realitätsprüfung bestehen. Ich habe an diesen Träumen festgehalten, obwohl mir so viele Leute gesagt haben, ich soll mir das aus dem Kopf schlagen. Nur weil ich das tat, konnte ich überhaupt gewisse Dinge umsetzen. Gerade aus verrückten Ideen entstehen ja auch Geschäftsmodelle und wichtige gesellschaftliche Entwicklungen.

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Sie führen mittlerweile Vorträge in ausgebuchten Hallen. Hat sich schon in der Schule gezeigt, dass Sie ein Redetalent sind?

Nein, gar nicht. Ich habe zwar in der Schule schon viel auf Bühnen reden müssen, weil ich einerseits Schülersprecher war, andererseits auch viel Theater gespielt habe. Wenn ich Referate halten musste, war ich aber immer furchtbar aufgeregt – und auch wirklich nicht gut. Als ich dann angefangen habe, diesen Weg als Motivationsspeaker zu gehen, habe ich teilweise schon vor 800 Leuten Seminare gehalten, aber parallel im Studium trotzdem bei Referaten vor acht Kommilitonen Panik gehabt. Aber es ist einfach ein Unterschied, ob man von einem Professor bewertet wird oder eine Keynote hält. Das ist von der Energie her etwas ganz anderes.

Für mich war immer klar, dass ich autofahren werde, obwohl so viele meinten, ich solle mir das aus dem Kopf schlagen.

Mit welchem Feedback kommen die meisten Leute nach Ihren Vorträgen auf Sie zu?

Ich kriege oft das Feedback, dass Leute wirklich über ihr Leben nachgedacht haben. Mein Thema und Anliegen ist ja „Lebe dein bestes Leben“ – so auch der Titel meines Buches. Was das für den Einzelnen heißt, ist immer subjektiv. Wenn Menschen mich reden hören, bringt das oft für sie einen Stein ins Rollen. Ich kriege auch Wochen später noch die Rückmeldung, dass jemand sein Leben lang einen Marathon laufen wollten, sich aber nie getraut hat, und nach meinem Vortrag einfach beschlossen hat, es zu tun. Ich bin unheimlich dankbar für diese Möglichkeit, dass Menschen mir zuhören und es für sie einen Unterschied in ihrem Leben macht. Auch wenn es nur ein Gedanke war – dieser Gedanke kann oft ausschlaggebend dafür sein, etwas zu verändern. Selbst von Unternehmensführungskräften kriege ich oft das Feedback, die Grundlage für den persönlichen Erfolg gegeben zu haben. Die Frage der Selbstwertschätzung zögern selbst gestandene Menschen viel zu lange hinaus.

20. Dezember 2019