Inspiration

Janis McDavid: Leben ohne Grenzen

„Mir fehlen Arme und Beine nicht, ich habe nur keine.“ Nach diesem Grundsatz lebt der Hamburger Janis McDavid, der bei seiner Geburt ohne Gliedmaßen auf die Welt kam, seit 28 Jahren. Und beweist sich und uns allen seither jeden einzelnen Tag, dass ein erfülltes Leben nicht vom Körper abhängt. McDavid war auf den höchsten Bergen der Welt, reist mit UNICEF um den Globus, fährt selbstständig Auto, hält Vorträge vor Unternehmensvorständen und inspiriert zehntausende Menschen mit seinen Blogs, Vorträgen und einem berührenden Buch. Jeder soll das beste Leben führen, das in seiner Situation möglich ist, sagt McDavid. Dass dies bei jedem anders aussehen kann – dafür ist er der lebende Beweis. OOOM sprach mit Janis McDavid über das eine, wesentliche Thema: worauf es im Leben wirklich ankommt.

Claudia Huber20. Dezember 2019 No Comments
janis mcdavid leben ohne grenzen ooom magazin

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Sie arbeiten mit UNICEF zusammen, wie kam es dazu?

Ursprünglich, weil ein Mönch in einem kleinen Dorf in Sri Lanka eines meiner Videos auf Facebook gesehen hat, was schon ein krasser Zufall war. Er lud mich dann auf die Insel ein, und UNICEF Sri Lanka wurde auf mich aufmerksam. Ich mache einerseits Weiterbildungen für Führungskräfte innerhalb der Organisation, aber auch Vorträge in Jugendclubs, Schulen und bei Kinderveranstaltungen. Oder ich bin direkt vor Ort bei den einzelnen Projekten, in Südafrika, Bangladesch, Nepal, Kosovo etc. Das ist sehr bereichernd. Wenn ich mich mit den Kindern austausche, weiß ich oft gar nicht, wer hier eigentlich mehr von wem lernt.

Was ist der „Kopfschüttelindex“?

Wenn ich mir ein neues Projekt vornehme, dann erzähle ich anderen Menschen davon. Und je mehr Menschen dann den Kopf schütteln, desto höher steigt der Kopfschüttelindex, und desto eher weiß ich, ich bin auf dem richtigen Weg. So motiviere ich mich. Dieser Index ist für mich mittlerweile fast zum wichtigsten Indikator geworden, um zu sehen, ob ich richtig liege. Ich finde wir denken in unserer Gesellschaft einfach oft viel zu linear. Uns fehlt manchmal dieses Verrückte. Eine Weiterentwicklung in der Gesellschaft kann einfach auch nur stattfinden, wenn wir Dinge machen, die verrückt sind.

Welche Schritte muss die Politik Ihrer Meinung nach, setzen, um Menschen mit Handicap ein gutes Leben zu ermöglichen?

Ich würde das gerne wegbewegen von dem Thema Inklusion, weil ich oft feststelle, dass sich viele Themen überschneiden. Bei den wichtigen Themen des Lebens sind wir alle gleich. Wir wollen ein glückliches Leben und die gleichen Chancen haben.  Gerade in unserer heutigen Zeit müssen wir darauf schauen, im Gespräch miteinander zu bleiben. Mir fällt immer wieder auf, dass wir Vorurteile gegen andere nur abbauen, wenn wir ihnen begegnen. Ich habe die Vision einer Welt, wo wir die Begriffe „Menschen mit Behinderung“ und „Inklusion“ gar nicht mehr brauchen. Weil einfach jeder die gleichen Chancen hat.

Geht unsere Gesellschaft in diese Richtung?

Ich denke, dass wir viele Fortschritte gemacht haben. Noch vor 30 Jahren war die Situation eine ganz andere. Da war es viel mehr Exklusion als Inklusion. Aber wir müssen auch für diesen Fortschritt kämpfen und dafür einstehen, dieses Level beibehalten zu können. Mir kommt vor, vielen Menschen wird gerade klar, dass viele Dinge, die wir als selbstverständlich sehen, nicht selbstverständlich sind, und dass wir die Bühne nicht denjenigen überlassen dürfen, die lauter schreien können.

Viele Dinge, die wir als selbstverständlich sehen, sind es nicht. Wir dürfen die Bühne nicht jenen überlassen, die lauter schreien.

Sie sind homosexuell. Sexualität und Behinderung ist generell immer noch ein Tabuthema. Versuchen Sie bewusst offener zu sein in dieser Hinsicht? 

Es ist ein klassisches Kopfschüttel-Thema, von daher eigentlich wie dafür gemacht, dass ich darüber spreche (lacht). Für mich war klar: Wenn ich Menschen mit meiner Geschichte inspirieren möchte, dann funktioniert das nur, wenn ich maximal authentisch, ehrlich und persönlich bin. Es gibt so viele Fragen, die stehen im Raum stehen, aber keiner traut sich, sie laut auszusprechen. Das finde ich schade, ich bin ja selber wahnsinnig neugierig. Ich sage, dass es per se kein Tabuthema für mich gibt. Man kann mich alles fragen, ob ich dann auch antworte, ist etwas anderes. In einem Interview wurde ich mal gefragt, wie es so ist mit der Sexualität und dann antwortete ich augenzwinkernd, dass mir ja nur Arme und Beine fehlen. Homosexuell zu sein macht es noch einmal komplizierter an der einen oder anderen Stelle, aber ich habe damit, glaube ich, einen guten Umgang gefunden.

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Wie soll Ihr Leben weitergehen?

Ich habe noch sehr viele Pläne. Ich halte 40-50 Unternehmensvorträge im Jahr, manchmal acht in einer Woche. Mein Ziel ist, das noch weiter auszuweiten, noch mehr Menschen zu erreichen. Aber auch, meine eigenen Grenzen noch weiter auszutesten. Für 2020 habe ich mir vorgenommen, einmal in einem Rennwagen zu sitzen – als Fahrer, nicht als Co-Pilot. Außerdem möchte ich unbedingt einmal bei einem Motorrad-Rennen teilnehmen. Bei diesen beiden Projekten habe ich sogar meine Eltern noch zum Kopfschütteln bewegt. Darüber hinaus haben meine Freunde und ich die Idee, 2020 auf den Kilimandscharo zu steigen. Fürs Bersteigen haben wir Blut geleckt.

Ihre biologischen Eltern haben Sie als Baby zu einer anderen Familie gegeben. Gibt es dennoch ein Verhältnis zu ihnen?

Ich habe einen guten Kontakt zu meinen leiblichen Eltern und meinen leiblichen Geschwistern. Ich treffe sie auch regelmäßig.

Sie fühlen sich also beiden Familien zugehörig?

Ja. Man kann es so sehen: Ich habe zwar keine Arme und Beine, dafür aber vier Eltern.

20. Dezember 2019