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Bestsellerautor Robert Schneider schreibt für OOOM

Robert Schneider gilt seit seinem Weltbestseller „Schlafes Bruder“ (1,8 Millionen Mal verkauft) als einer der erfolgreichsten Schriftsteller Europas. Er schreibt exklusiv für OOOM einen regelmäßigen Blog. Die Premiere: „Warum wir uns nicht mehr begeistern können“.

Robert Schneider13. März 2017 No Comments

Wir leben in einer Zeit der radikalen Entwertung aller Werte. Von all dem, wofür Menschen in früheren Jahrhunderten gekämpft haben — die Würde des Menschen, Freiheit der Religion, Brüderlichkeit, die Gleichheit aller vor dem Gesetz —, scheint mir nur noch ein Wert geblieben, der wirklich von Bedeutung ist: der Wert der Gewinnmaximierung, der Wert des Geldes.

Wir durften ab etwa den 1960er Jahren wach miterleben, wie stark die Bedeutung der Kirchen — der katholischen wie der reformierten — gesunken ist. Im Grunde genommen sind Kirchen heute eine Marginaliät. Damit einher läuft eine Entabuisierung aller Tabus. Das war einerseits folgerichtig und auch zwingend notwendig, andererseits hat es die Kirchen natürlich in ihrem moralischen Anspruch enorm geschwächt, ja im gewissen Sinn — wie etwa im Fall der katholischen Kirche — der Lächerlichkeit preisgegeben. Ein ähnliches Phänomen war in der Politik zu beobachten. Indem wir begonnen haben, unsere politischen Instanzen der Lächerlichkeit preiszugeben, haben wir auch uns selbst lächerlich gemacht. Ich sehe allerorten wenig Achtung vor den Repräsentanten unserer Staats- und Kommunalgefüge, und das geht so weit, dass sich immer weniger Menschen finden lassen, die aktiv in der Politik tätig sein möchten. Vergangenes Jahr stand in meiner Heimatgemeinde die Bürgermeisterwahl an. Es gab nicht einen einzigen Kandidaten, der sich für das Amt des Bürgermeisters hatte aufstellen lassen. Mit Hängen und Würgen wurde dann ein Kandidat überredet, das Amt zu übernehmen. Fraglich, mit welchem Elan er dieses Amt bekleiden wird, und fraglich auch, mit welchem Engagement.

Wo sind heute noch moralische Instanzen zu finden? Man versucht, wenn überhaupt, sie noch in Personen festzumachen, z. B. bei einem Schlichtungsstreit unter Konzernen. Da wird dann gern ein Politiker ohne Tadel als Schlichter eigesetzt.

Die Aushöhlung aller Werte hat ein immer radikaler werdendes Miteinander zur Folge. Ein scheinbar lächerliches Beispiel: Wer noch vor zehn Jahren einen persönlichen Brief nicht beantwortet hat, galt als wenig zuverlässig. Das galt als untugendhaft und als unhöflich. Heute ist es gar nicht mehr notwendig, seine E-Mails zu beatworten. Es ist zur Selbstverständlichkeit geworden, nicht mehr zu antworten. Ein Wort, das gegeben wurde, ist kein Wort mehr. Alles ist entschuldbar durch die enormen täglichen Belastungen, denen jeder von uns ausgesetzt ist. Nun entsteht ein merkwürdiges Paradoxon:  Durch diese Entschuldbarkeit, verlieren wir allmählich die Fähigkeit, Verantwortung zu tragen. Verantwortung heißt — um im Wortsinn zu bleiben — Antwort geben. Unsere Gesellschaft weigert sich immer beharrlicher, Antworten zu geben, sprich Verantwortung zu tragen.

Ein unscheinbares Beispiel, das ich unlängst selbst erlebt habe: Mein kleiner Sohn, der in den Kindergarten geht, bastelt gerade an einer Papierlaterne für das alljährliche Laternenfest. Da ziehen die Kinder bei Einbruch der Dämmerung los und besuchen ein Seniorenheim. Nun wurde mir von der Kindergärtnerin ein Zettel in die Hand gedrückt, auf dem die Landesregierung anrät, die Kerzen durch LED-Lichtlein zu ersetzen. Wollte ich dennoch, dass mein Sohn eine Laterne mit Kerzenlicht trägt, müsste ich durch meine Unterschrift die Verantwortung übernehmen…

Jeder schiebt also die Verantwortung von sich. Keiner will eine Antwort geben. Keiner will noch für etwas gradestehen, sich vor etwas hinstellen und sagen: Ja, das bin ich! Da wir keine Antworten mehr geben, berauben wir uns jedoch der Lebensqualität. Und das in einer Zeit, da die Lebensqualität noch nie so hoch war. Durch die konsequente Verweigerung von Antworten lassen wir uns systematisch entmündigen und entmutigen. Zu Lemmingen sind wir geworden. Es wird schon jemand eine Antwort wissen — der Staat, die Gesellschaft, zuletzt die Gerichte. Am Ende weiß niemand eine Antwort mehr. Und so kommt es, dass diese Zeit, in der wir leben, so seltsam blutleer ist, müde, ja fast müde vom Leben. Durch den unermesslichen Reichtum, den wir nun schon Jahrzehnte ohne Krieg genießen dürfen, sind wir leer geworden. Da ist eine Leere in uns, die alles überwältigt. Man muss für nichts mehr streiten und für nichts mehr kämpfen. Alles ist gesagt, alles ist getan. Wir leben ein Leben von einer so unerhörten Langeweile, dass am Ende des Tages nur die Müdigkeit bleibt, der
Lebensüberdruss.

Sich für eine Aufgabe begeistern zu können ist, um das schöne, leider verpönte Wort zu gebrauchen, eine Gnade. Man kann diese Fähigkeit nicht konstruieren. Sie ist einem gegeben oder eben nicht. Was aber jeder einzelne von uns tun kann, ist, sich einzufordern und zu sagen: „Ich will Antwort geben! Ich will meine Verantwortung tragen! Und ich werde mich nicht länger hinter fadenscheinigen Ausreden verstecken.“ Dazu braucht es Mut, und dieser Mut muss in unserer Gesellschaft wieder eingeübt werden.